Spekulationen in der Türkei

Erdogans Aussetzer

Stand: 14.09.2021 14:49 Uhr

Machen sich beim türkischen Präsidenten Erdogan nach rund 18 Jahren an der Spitze von Staat und Regierung Abnutzungserscheinungen bemerkbar? Im Land wird über den Gesundheitszustand des 67-Jährigen spekuliert.

Von Gabriele Dunkel, ARD-Studio Istanbul

Es sind Vorfälle wie diese, die Spekulationen über Erdogans Gesundheits- oder Gemütszustand anheizen: Am 21. Juli wird für die Anhänger der Regierungspartei AKP live eine Grußbotschaft Erdogans zum viertägigen Opferfest übertragen. Das Video dauert 13 Minuten, der Präsident wirkt behäbig, klingt wenig enthusiastisch, anders als sonst. Mittendrin nickt er sogar kurz ein - redet dann weiter.

Das Video findet schnell den Weg in die sozialen Medien. Der Spott im Netz lässt nicht lange auf sich warten: "Es gibt viele, die beim Zuhören einschlafen. Aber Erdogan schläft schon beim Sprechen ein", twittert ein User aus der Türkei. Die oppositionelle Internetzeitung "Toplumsal" titelt prompt: "Ist er müde oder krank?" und wirft die Frage auf, ob das Video tatsächlich live war oder eine Aufzeichnung und wer diese dann mit welchem Ziel veröffentlicht hat.

Von offizieller Seite ist zu hören, das sei nur menschlich. Die konservative Presse entschuldigt seinen Aussetzer mit der Hitze und der andauernden Arbeitsbelastung des Präsidenten.

Ministerpräsident, Staatspräsident - es liegt nahe, dass diese Ämter einen Politiker in hohem Maße fordern. Die türkische Opposition fragt, wie hoch dieser Tribut bei Erdogan mittlerweile ist.

Bei einer weiteren Live-Sendung am 12. August beantwortet Recep Tayyip Erdogan Fragen von ausgewählten Journalisten, die ihm gegenübersitzen. Bei einer Kameraeinstellung wird hinter ihnen ein Teleprompter mit den vorgefertigten Antworten Erdogans sichtbar. Auch hier antwortet das Netz mit Häme, der Vorfall offenbare, dass die regierungstreuen Journalisten die Antworten erfragen, und nicht anders herum Erdogan auf Fragen antworte.

Die Situation ist auch deswegen befremdlich, weil Erdogan eigentlich dafür bekannt ist, live im Fernsehen und auf Podien frei und ohne Vorlage zu sprechen. Timur Soykan von der links-oppositionellen Zeitung "Birgün" fragt: "Was ist los mit Tayyip Erdogan?" Der einst gute Redner, dessen flammende Reden bei AKP-Kundgebungen wahlentscheidend gewesen seien, habe sich verändert.

Soykan schreibt, die Opposition würde sogar behaupten, Erdogan könne ohne Prompter gar nicht mehr sprechen. Soykan wirft zudem die Frage auf, ob nicht Erdogans Urteilsvermögen durch seinen Gesundheitszustand getrübt sei. Immerhin sei Erdogan das Staatsoberhaupt, welches sämtliche Entscheidungen für das Land allein treffe. Der Journalist fordert, die Regierung sollte die Spekulationen beenden und offen den aktuellen Gesundheitszustand des Präsidenten kommunizieren.

Es gibt ihn noch, den staatsmännischen Auftritt Erdogans. Doch die anderen Ereignisse, die weniger dynamisch anmuten, mehren sich.

Der Opposition und den Kritikern des Präsidenten bleiben also nur Spekulationen. Doch ihnen geht es auch darum, den Präsidenten an seinen eigenen Worten zu messen. Denn als Erdogan selbst noch in der Opposition war, übte er immer wieder scharfe Kritik an älteren Politikern und forderte lautstark deren Rentenalter von 65 Jahren. Bei einer Rede vor seiner Fraktion im Mai 2002 legte er dem damaligen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit von der Demokratischen Linkspartei DSP nahe, er solle zurücktreten, weil er krank und nicht mehr in der Lage sei, das Land zu regieren. Damals war Erdogan 48 Jahre alt, Ecevit 77.

Schon zuvor wurde Erdogan in der Zeitung "Star" zitiert, er werde nur einer Partei beitreten, in der über 65-Jährige keine Politik mehr machen. Heute ist Erdogan 67 Jahre alt. Seine Aussagen von damals werden nun den Videos von heute gegenübergestellt.

Dass Erdogan ein ausdauernder Machtmensch ist, ist auch in Oppositionskreisen unbestritten. Doch nicht zuletzt die Fauxpas der jüngsten Zeit lassen zumindest derzeit an dem Image des Instinktpolitikers Erdogan zweifeln.

2002 schickte sich Erdogan an, Ministerpräsident seines Landes zu werden. Damals hatte er noch andere Vorstellungen von der Rolle älterer Politiker im Land.

Ein jüngstes Video zeigt ihn zusammen mit Kindern bei der Eröffnung eines Autobahntunnels. Vor dem offiziellen Durchschneiden des Bandes durch den Präsidenten kommt ihm ein kleiner Junge zuvor und durchtrennt das Band. Der hinter ihm stehende Erdogan beobachtet das mit Missfallen und klopft dem Kind energisch drei Mal auf den Kopf - wissentlich, dass alle Kameras auf ihn gerichtet sind. In den sozialen Medien wird das zahlreich kommentiert. Auf Twitter werden dem Video viele Fotos von Kemal Atatürk, dem Begründer der Republik, gegenübergestellt, die ihn im liebevollen Umgang mit Kindern zeigen: "So geht das!", wird kommentiert.

In Umfragen kommt Erdogans Regierung derzeit schlecht weg, die Zustimmungswerte fallen. Ende August gab das Istanbuler Meinungsforschungsinstitut "MetroPOLL" bekannt, dass laut seiner jüngsten Erhebungen die AKP nur auf 29,3 Prozent kommt. Im Vergleich: Bei den letzten Parlamentswahlen im Juni 2018 erreichte die AKP noch 42,5 Prozent. Die größte Oppositionspartei CHP kommt derzeit auf 19 Prozent. Damit überholt das oppositionelle Bündnis der Nation die regierende Volksallianz.

Zum ersten Mal seit nunmehr 19 Jahren ist es also nicht sicher, ob das aktuelle Regierungsbündnis eine Mehrheit erreichen würde. Die nächsten Wahlen in der Türkei finden 2023 statt.