Die Ehepaare Erdogan und Aliyev posieren in Bergkarabach. | via REUTERS

Erdogan in Baku Brüderlicher Besuch - nicht nur zur EM

Stand: 15.06.2021 18:43 Uhr

Erdogan ist zu Besuch in Aserbaidschan, das Fußball-EM-Spiel der Türkei ist dabei aber nachrangig: Aliyev genießt den demonstrativen Rückhalt seines Amtskollegen im Bergkarabach-Konflikt - und führt ihn durchs Krisengebiet.

Von Stephan Laack, ARD-Studio Moskau, z.Zt. Baku

Aserbaidschanische Fußballfans freuen sich auf die erste EM-Partie der Türkei in Baku. Zum Spiel gegen Wales werden einige Tausend türkische Anhänger erwartet. Im Stadtbild von Baku sieht man neben den aserbaidschanischen Flaggen häufig die der Türkei. Das Herz der Fußballfans aus der Hauptstadt schlägt eindeutig für das türkische Team: "Das schaue ich mir an und ich drücke der Türkei die Daumen, denn die Türkei ist doch unser Bruderland", sagt ein begeisterter Fan.

Stephan Laack
Ein heiterer Fußballfan mit der türkischen Nationalflagge in Baku (Foto vom 13.06.2021). | REUTERS

Ein heiterer Fußballfan mit der türkischen Nationalflagge in Baku (Foto vom 13.06.2021). Bild: REUTERS

Als Ausdruck dieser engen Freundschaft gilt auch der Besuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der allerdings nicht nur wegen der EM stattfindet. Zusammen mit dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev reiste er in die Konfliktregion Bergkarabach in der eroberten Stadt Schuscha wurde Erdogan der rote Teppich ausgerollt.

Aliyev empfing seinen Gast mit militärischen Ehren. Die beiden Staatschefs unterzeichneten dort eine Deklaration wonach beide Länder auch offiziell fortan Verbündete sind. Am Mittwoch wird der türkische Staatschef eine Rede vor dem Parlament in Baku halten.

Ilham Aliyev und Recep Tayyip Erdogan Arm in Arm. | via REUTERS

Aserbaidschans Präsident Aliyev empfängt seinen türkischen Amtskollegen Erdogan. Bild: via REUTERS

Unterstützung im Krieg um Bergkarabach

Die Türkei hatte im vergangenen Herbst Aserbaidschan im Krieg um Bergkarabach militärisch unterstützt, auch durch den Einsatz von Kampf- und Aufklärungsdrohnen. Die militärische Kooperation zwischen beiden Ländern gibt es seit den 1990er-Jahren. Mittlerweile seien rund 3000 aserbaidschanische Offiziere und Kommandeure von der Türkei ausgebildet worden, erklärt Mechman Aliyev, Chefredakteur der aserbaidschanischen Nachrichtenagentur Turan.

"In den letzten sechs, sieben Jahren haben wir unsere gemeinsamen Militärübungen intensiviert. Bei Boden- und Luftstreitkräften, Spezialeinheiten und so weiter. Deswegen war das alles vorbereitet, als der Krieg begann", sagt Aliyev. "Ja, es gab türkische Spezialisten hier in dieser Zeit, das stimmt. Unsere Kommandeure, alle Spezialisten erhielten eine türkische Ausbildung."

Für die Türkei ist die Partnerschaft mit Aserbaidschan sicherlich auch Ausdruck einer Machtpolitik, mit der Ankara Interessen in der Kaukasusregion durchsetzen will. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit wurde laut Aliyev ebenfalls in den vergangenen Jahren ausgebaut. "Wir sind in große gemeinsame internationale Projekte eingestiegen, wie zum Beispiel in große Werke in der Türkei. Es betraf Öl- und Gaslieferungen, sowie die Rohstoffverarbeitung. Zudem noch der Ausbau des Pipelineprojekts Baku-Tiflis-Türkei. Es waren wirklich globale, große Projekte."

Besuch mit Signalwirkung an Armenien

Der Besuch Erdogans in Baku während der EURO ist daher wohl nicht so sehr dem sportlichem Interesse geschuldet. Unmittelbar vor den Parlamentswahlen in Armenien am kommenden Sonntag sei dies ein deutliches Zeichen an den Nachbarn, meint Ilgar Mammadov von der oppositionellen Real-Partei in Aserbaidschan: "Es ist ein sehr starkes Signal, dass er nach Schuscha reist, weil weder Schuscha noch irgendein anderer Teil von Aserbaidschan anzurühren sind. Das ist die Hauptbotschaft. In dieser Frage stehen wir alle zusammen, Regierung und Opposition."

Bei allen Differenzen, was die türkische Innenpolitik angehe - "da wollen wir uns nicht einmischen", sagt Mammdov dazu - schätze Aserbaidschan dieses "Zeichen der Solidarität" sehr.

Die Situation in Bergkarabach bleibt weiterhin angespannt - mindestens bis nach den Parlamentswahlen in Armenien, schätzen Beobachter. Zumindest gab es vor wenigen Tagen ein hoffnungsvolles Zeichen: Aserbaidschan übergab 15 Kriegsgefangene an Armenien; im Gegenzug händigte Armenien Landkarten aus, auf denen Minenfelder in der Konfliktregion verzeichnet sind. Nach Schätzungen handelt es sich um fast 100.000 Panzerabwehr- und Antipersonenminen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Dezember 2020 um 23:50 Uhr.