Disha Ravi wird im Februar 2021 zum Gericht gebracht | AP

Der Fall Disha Ravi Plötzlich Staatsfeindin

Stand: 12.03.2021 15:55 Uhr

Sie unterstützt die Bauern und kämpft gegen den Klimawandel, Indiens Regierung sieht in ihr eine Verschwörerin : Die 22-jährige Disha Ravi muss sich nun vor Gericht verantworten. Ihre Freunde sprechen von Einschüchterung einer Bewegung.

Von Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi 

Es ist das Beispiel ihrer Großeltern: "Ich habe gesehen, wie sie mit den Folgen des Klimawandels kämpfen", sagt Disha Ravi. "Sie sind Bauern. Ich musste mich einfach für die Umwelt engagieren." Die 22-Jährige aus Bangalore hat Indiens Fridays-for-Future-Bewegung mitbegründet. Doch zunächst war ihr Name einer breiten Öffentlichkeit nicht bekannt, das änderte sich buchstäblich über Nacht.

Sibylle Licht ARD-Studio Neu-Delhi

Als die junge Frau die andauernden Bauernproteste unterstützte und inhaftiert wurde, kam Zuspruch aus dem Ausland und von prominenter Seite - von Greta Thunberg, US-Pop-Star Rihanna und und von der Autorin Meena Harris, Nichte der US-Vizepräsidentin. Inzwischen sieht sich Ravi einer gravierenden Anklage gegenüber.

Anweisung zum Aufruhr?

Es geht dabei um ein sogenanntes Toolkit, Kampagnenmaterial, das auf Twitter verbreitet wurde, um die Bauern zu unterstützen. Ravi beteuert, sie habe dafür lediglich zwei Zeilen formuliert. Indiens BJP-geführte Regierung sieht das anders. Das Toolkit sei eine Art Handlungsanweisung zum Aufruhr gewesen.

Neu-Delhis Polizei verhaftete Ravi, nachdem der zunächst friedliche Protest der Bauern Ende Januar in Gewalt umgeschlagen war, die Staatsanwaltschaft klagte sie wegen Volksverhetzung an. In dem Gerichtsverfahren wird auch untersucht, ob die junge Frau Teil einer internationalen Verschwörung ist, die sich gegen den indischen Staat richtet.

Ihre Freunde stehen nicht für Interviews zur Verfügung. Auch ihr Rechtsanwalt Akhil Sibal verweist auf das laufende Verfahren. Dass der prominente und teure Anwalt, der schon Bollywood-Schauspieler vertrat, jetzt die Klimaaktivistin verteidigt, ärgert die BJP.

Ein Kampf nicht nur für die Zukunft

Die rechtsgerichtete hindu-nationalistischen Partei von Premierminister Narenda Modi fürchtet offenbar, dass Ravi zur Leitfigur der Umweltbewegung Indiens wird. Denn bei Fridays for Future organisiert sich ein Teil der jungen Generation des Landes und ruft - so wie Ravi - zu Umweltstreiks, Aufräumaktionen an Gewässern oder Workshops auf. "Wir kämpfen nicht nur für unsere Zukunft, wir kämpfen für unser Leben hier und heute", erklärte Ravi der britischen Zeitung "Guardian".  

In Indien vernetzen sich zurzeit international agierende Umweltgruppen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion mit lokalen Gruppen. Trotzdem ist Indiens Umweltbewegung zahlenmäßig nach wie vor klein. Dabei sind die Umweltprobleme des Landes riesig.

Laut Weltwirtschaftsforum befanden sich 2020 sechs von zehn Städten mit der höchsten Feinstaubbelastung in Indien. Unter allen Hauptstädten des Globus führt Neu-Delhi hier die Rangliste an. 1,2 Millionen Inder starben allein 2017 an den Folgen der Luftverschmutzung, wie aus einer Studie hervorgeht, die die Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichte.

Protest gegen die Verhaftung von Disha Ravi in Neu-Delhi | AFP

Eine Verhaftung, in der viele junge Menschen ein Vorgehen gegen sich selbst sehen: Mit Masken von Disha Ravi protestieren sie in Neu-Delhi gegen die Verhaftung der 22-Jährigen. Bild: AFP

Ein blauer Himmel ist möglich

Der monatelange Lockdown 2020 aber zeigte den Indern, dass ein klarer, blauer Himmel an Stelle von dickem Smog möglich ist. Die Modi-Regierung versucht dagegen gerade, die ohnehin geringen Standards für den Umweltschutz weiter aufzuweichen. Gegen die neuen Vorschriften gingen über zwei Millionen Einsprüche bei der Regierung ein.

Für die Direktorin von Human Rights Watch Südasien, Meenakshi Ganguly, ist klar, dass Verhaftung und Anklage von Ravi auch andere Aktivisten einschüchtern soll. "Die indischen Gesetze erlauben friedlichen Protest." Ravis Aufruf auf Twitter dazu sei rechtskonform, so die Einschätzung von Ganguly.

Ravi wurde inzwischen nach fast einer Woche Haft auf Kaution frei gelassen. Sie wartet auf ihren Prozess.