Eine Frau hält während einer Demonstration in Yangon ein Bild der festgenommenen Aung San Suu Kyi in die Höhe. | AFP

Nach Putsch in Myanmar Massenproteste trotz Kriegsrecht

Stand: 09.02.2021 14:55 Uhr

Die Massenproteste gegen den Militärputsch in Myanmar gehen weiter. Die neuen Machthaber scheinen überrascht und versprechen eine Rückkehr zur Demokratie im kommenden Jahr. Doch nur wenige trauen den Militärs.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Frauen und Männer in schwarzer Trauerkleidung sind zu sehen und Mönche in safrangelben Roben. Sprechchöre, Polizisten wie Ritter in ihrer Körperpanzerung, Lautsprecherdurchsagen. Dann der Hochdruckstrahl einer Wasserkanone. Verletzte durch Gummigeschosse, Warnschüssen aus scharfen Waffen in die Luft.

Holger Senzel ARD-Studio Singapur

Das alles sind Szenen aus der Hauptstadt Naypidaw. Aber auch in Yangon und Mandalay versammelten sich heute Tausende zum Protest, obwohl die Militärjunta über die beiden größten Städte des Landes das Kriegsrecht verhängt hatte. Es gilt eine Ausgangssperre von 20 Uhr Abends bis fünf Uhr morgens und ein Versammlungsverbot für über fünf Personen.

Kriegsrecht schreckt die Menschen nicht

Die Menschen jedoch schreckte das Kriegsrecht nicht - eine Journalistin in Yangon schildert die Lage am Vormittag: "Ich sehe, dass sich immer mehr Menschen versammeln, mehr sogar noch als gestern. Und das, obwohl Versammlungen von mehr als fünf Menschen verboten sind. Viele tragen Transparente, Autofahrer hupen - aber auch ganz normale Passanten auf dem Weg zur Arbeit strecken drei Finger in die Höhe um ihre Unterstützung für die Proteste zu zeigen."

Drei Finger in die Luft gereckt - die Geste des Protestes aus der Tribute-von-Panem-Trilogie; die Demonstranten in Bangkok zeigen damit ebenfalls ihren Widerstand. Autofahrer in ganz Myanmar solidarisierten sich heute durch die Drei-Finger-Geste mit der Bewegung des zivilen Widerstands - obwohl auch sogenannte motorisierte Proteste seit gestern Abend verboten sind.

Schwer gerüstete Polizisten während einer Demonstration in Yangon. | AFP

Schwer gerüstete Polizisten während einer Demonstration in Yangon. In einigen Städten setzten die Sicherheitskräfte Wasserwerfer und Gummigeschosse ein. Auch wurden Warnschüsse abgefeuert. Bild: AFP

Oberbefehlshaber warnt vor Zerstörung der Demokratie

General Minh Aung Hlaing - Oberbefehlshaber der Streitkräfte und neuer starker Mann in Myanmar - warnte in einer Fernsehansprache, ohne Disziplin könne die Demokratie zerstört werden. "Niemand steht über dem Gesetz", sagte er, was als Drohung verstanden wurde, die Proteste notfalls gewaltsam aufzulösen.

Gleichzeitig versprach Minh Aung Hlaing die Rückkehr zur Demokratie im kommenden Jahr: "Myanmars Armee ist immer für das Volk da. Die Bürger sind die Mütter und Väter. Die Armee achtet die Gesetze und die Verfassung von 2008. Die Armee wird für gerechte und freie Wahlen für alle Parteien sorgen, die uns zu der Demokratie führt, welche das Volk immer wollte."

Militär von Vehemenz der Proteste überrascht

Offenbar haben die Militärs die Wut und den Widerstandswillen des Volkes unterschätzt und wurden von der Vehemenz der Proteste überrascht. Damit steckt der General, der im Frühjahr regulär pensioniert worden wäre, in einem Dilemma. Er hat selbst Ambitionen auf das Amt des Staatspräsidenten. Die Zeit bis zur Wahl wollte seine militärnahe USDP-Partei nutzen, um mit erfolgreicher Corona-Strategie und Wirtschaftsaufschwung bei den Wählern zu punkten.

Sollte Minh Aung Hlaing jetzt das Kriegsrecht gewaltsam durchsetzen und die Armee gegen Demonstranten schicken, würde er den Großteil des Volkes gegen sich aufbringen. Die Frage ist natürlich, was letztlich vom Versprechen des Generals auf Demokratie und freie Wahlen zu halten ist. Ein politischer Beobachter, der anonym bleiben möchte, meinte dazu: "Wenn dieses Wort eine Brücke wäre, ich würde nicht hinübergehen."

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 09. Februar 2021 um 15:20 Uhr.