Ein Teenager wird gegen das Coronavirus geimpft (Archivbild).

Coronavirus-Pandemie Delta besorgt nun auch "Impf-Weltmeister" Israel

Stand: 24.06.2021 04:23 Uhr

Trotz einer hohen Impfrate und der scheinbaren Rückkehr zur Normalität breitet sich auch in Israel die Delta-Variante aus. Die Regierung reagiert und will den Rückschritt im Keim ersticken.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Premierminister Naftali Bennett besuchte vor einigen Tagen den Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv. Bennett trat ans Rednerpult, hinter ihm ein Passagierflugzeug. Aber der Premier machte deutlich, dass die Israelis in den kommenden Wochen auf Reisen verzichten sollen.

Die Delta-Variante des Coronavirus breitet sich aktuell auf der ganzen Welt aus. Die Ansteckungsrate ist 50 Prozent höher, und ich bedaure, dass wir den Beginn dieser Entwicklung auch in Israel sehen.
Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Bennett kam zum Flughafen, weil über ihn die Delta-Variante wohl ins Land gekommen ist. Obwohl alle Passagiere nach der Landung einen Corona-Test machen müssen. Es sei denn, die Teststation ist überlastet. Vor wenigen Tagen herrschte Chaos und manche Reisende wurden einfach durchgelassen.

Wochenlang kaum Infektionen

Das Leben in Israel fühlt sich seit Wochen so an, als sei die Corona-Pandemie beendet. Die Kneipen sind voll, die Menschen stehen eng beieinander. Auch in den meisten Innenräumen fiel vor kurzem die Maskenpflicht. Wochenlang wurden kaum neue Infektionen nachgewiesen.

Das ändert sich aber. In mehreren Schulen gibt es Ausbrüche in ganzen Jahrgangsstufen. Mit Dutzenden Fällen. Naftali Bennett bereitet das Sorgen.

“Wir haben in Ländern wie Großbritannien gesehen, dass die Zahl der Kinder, die ins Krankenhaus müssen, deutlich steigt. In Israel blicken wir nur auf sehr vorläufige Daten. Dennoch haben wir beschlossen, dies als neuen Ausbruch des Virus in Israel zu behandeln. Wir wollen ihn stoppen. Wie mit einem Eimer Wasser über einem kleinen Feuer.

Impfempfehlung für 12-15-Jährige

Israels Regierung empfiehlt nun auch 12-15-jährigen eine Corona-Schutzimpfung. Bisher gab es zwar das Angebot, aber keine Empfehlung. Die Zahl der Kinder, die sich impfen lassen, ist in Israel bereits deutlich gestiegen. Das israelische Fernsehen sprach mit der Mutter einer 13-Jährigen, die sich gerade impfen ließ.

Ich hatte meine Bedenken, weil sie noch ein Kind ist. Sie ist noch nicht ganz 14 Jahre alt, da hatte ich Angst. Aber angesichts des Ausbruches in einer Schule in der Stadt Modiin haben wir uns sofort für das Impfen entschieden.

Apropos Impfen: Auch in Israel wird die Delta-Variante bei Menschen nachgewiesen, die doppelt geimpft wurden. In Israel wurde fast ausschließlich der Impfstoff von BioNTech/Pfizer verimpft. Und so trifft die Delta-Variante auch den sogenannten Impfweltmeister Israel.

Leitender Arzt: "Müssen Herdenimmunität erreichen"

Roni Gamzu ist der Leiter des Ichilov-Krankenhauses in Tel Aviv und ehemaliger Corona-Beauftragter der israelischen Regierung.

Ich bin nicht überrascht. Corona ist ein neues Virus und es hat nun einmal nicht die effektivste Variante erreicht. Wir müssen nun so schnell wie möglich Herdenimmunität erreichen. Damit wir den Veränderungen des Virus einen Schritt voraus sind. In jedem Land der Welt.

Gamzu setzt weiterhin auf Impfstoffe. Das Produkt von Pfizer/BioNTech schütze zu 88 Prozent vor der Delta-Variante. Zu 95 Prozent vor einem schweren Verlauf. Deshalb müssten nun auch die 12-15-Jährigen geimpft werden. Die neue Lage in Israel verlange Aufmerksamkeit. Aber keine Panik.

Doch die vermeintliche Normalität im Alltag Israel könnte bald wieder eingeschränkt werden. Sollten weiterhin mehr als 100 neue Infektionen pro Tag nachgewiesen werden, soll wieder eine Maskenpflicht in Innenräumen kommen. Eine weitere Maßnahme hat die Regierung bereits beschlossen: Touristen dürfen weiterhin nicht einreisen. Auch nicht im Juli, wie ursprünglich geplant. Und auch nicht, wenn sie doppelt geimpft sind.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Juni 2021 um 06:22 Uhr.