Einer Person wird in einem Impfzentrum in Moskau eine Spritze mit dem Impfstoff Sputnik-V injiziert. | REUTERS

Moskau Kein Impfschutz - kein Geld

Stand: 16.08.2021 03:38 Uhr

Von heute an müssen in vielen Moskauer Betrieben mindestens 60 Prozent der Mitarbeitenden gegen Corona geimpft sein - sonst drohen Geldstrafen. Wer es könnte, aber sich nicht impfen lässt, muss um sein Gehalt fürchten.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Maxim Belyayev hat viel zu tun. Der Moskauer Restaurantbesitzer leitet auch ein Catering-Unternehmen. Gerade ist er auf dem Weg zum Flughafen - für einen Auftrag an der russischen Schwarzmeerküste.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Mit der Erfüllung der Impfquote habe es in seinem Betrieb keine Probleme gegeben, erzählt der 39-Jährige: "Alle haben verstanden, dass es einfach die Voraussetzung ist, um überhaupt arbeiten zu können, und alle haben sich impfen lassen. Es gab keinen einzigen, der sich strikt geweigert hätte. Alle schätzen ihren Job und hatten Verständnis. Wir haben es einfach gemacht und Schluss."

Seit heute müssen Gastronomie-, Dienstleistungs-, Handels- und Verkehrsbetriebe in der russischen Hauptstadt nachweisen, dass mindestens 60 Prozent ihrer Belegschaft vollständig geimpft sind. Gleiches gilt für den Bildungs- und Gesundheitssektor sowie im Öffentlichen Dienst.

Geldstrafen und Tätigkeitsverbot

Erfüllt ein Unternehmen diese Quote nicht, drohen harte Strafen, sagt Caterer Balyayev: "Bis zu 50.000 Rubel - knapp 600 Euro - sind es für Privatunternehmer, bis zu 300.000 Rubel für Betriebe und bis zu einer Million bei weiterer Nichteinhaltung." Das Schlimmste sei aus seiner Sicht aber das Tätigkeitsverbot für 90 Tage. "Zwar hatten wir während der Pandemie ohnehin nicht viel Betrieb, aber das würde ich mir trotzdem nicht wünschen."

Auch impfunwillige Angestellte kann es hart treffen: Wer sich ohne nachweislich medizinische Gründe einer Impfung verweigert, kann von der Arbeit freigestellt werden - unbezahlt.

Im Juni beschlossen die Stadt und Region Moskau diese Impfflicht für bestimmte Branchen und Betriebe. Grund dafür waren die durch die Ausbreitung der Delta-Variante stark angestiegenen Infektionszahlen - sowie eine nach wie vor sehr geringe Impfquote. Obwohl Russland mit Sputnik V schon vor einem Jahr den weltweit ersten Corona-Impfstoff offiziell zugelassen hat, gilt gerade einmal ein Fünftel aller Russinnen und Russen als vollständig geimpft.

Großes Misstrauen gegen die Impfung

Ein Grund dafür ist ein anhaltendes Misstrauen der Bevölkerung - auch nachdem Sputnik V von unabhängigen Forschern eine sehr hohe Wirksamkeit attestiert wurde. "Ich traue dem Impfstoff nicht", sagt zum Beispiel die 27-jährige Marina.

Geimpft sei sie trotzdem, weil sie an einer Moskauer Universität arbeitet und nur zwei Möglichkeiten hatte: "Entweder impfen lassen oder unbezahlten Urlaub nehmen. Da gab es keine Diskussionen oder Alternativen."

Moskauer Modell macht Schule

Städtische Inspektoren sollen vor Ort kontrollieren, ob die verordnete Impfquote in Betrieben und Unternehmen eingehalten wird. Das meiste laufe aber online, erläutert Restaurantbesitzer Maxim Belyayev: "Auf der Internetseite der Moskauer Stadtregierung hat meine Kollegin alle Angaben zu den Mitarbeitern eingetragen und alle Impf-Unterlagen eingereicht. Es ist ziemlich simpel und übersichtlich."

Mittlerweile haben sich weit über 40 russische Regionen dem Moskauer Impfpflicht-Modell angeschlossen. Einige Staatskonzerne gehen sogar noch weiter. Der Chef des staatlichen Ölgiganten Rosneft erklärte bereits zu Jahresbeginn, alle 300.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu einer Corona-Impfung zu verpflichten - zu 100 Prozent.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. August 2021 um 05:21 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".