Indische Ärzte mit persönlicher Schutzausrüstung untersuchen Patienten in einem COVID-19-Behandlungszentrum und Isolierstation in Neu-Delhi (Indien). | EPA
Hintergrund

Corona in Indien Warum der Zahlenvergleich täuscht

Stand: 23.04.2021 14:56 Uhr

Indien meldet bei den Neuinfektionen gerade einen Höchststand nach dem anderen. Die Sieben-Tage-Inzidenz des Landes ist aber niedriger als in Deutschland. Warum ein reiner Zahlenvergleich täuscht.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Auf Zahlenvergleiche ist in diesem Fall kein Verlass - denn sie führen in die Irre. Wenn man die Sieben-Tage-Inzidenz von Indien mit der von Deutschland vergleicht, dann könnte man sagen: Euch Indern geht's doch relativ gut. 134,5 gestern in Indien, 164 in Deutschland. In Brasilien ist der Wert gerade über 200, in der Türkei bei 500. Warum also steht Indien so im Mittelpunkt?

Peter Hornung

Die Sieben-Tage-Inzidenz ist die Zahl der innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner gemeldeten Neuinfektionen. Die darf man aber nicht isoliert betrachten - über Länder und Kontinente hinweg. Wenn in Deutschland und Indien gleich viele Fälle pro hunderttausend Einwohner auftreten, sagen wir mal 150, dann treffen diese Infizierten in Deutschland auf die Infrastruktur und das Gesundheitssystem eines westlichen Industrielandes. In Indien aber sieht es ganz anders aus. So hat Indien nur ein Viertel der Intensivbetten pro Einwohner im Vergleich zu Deutschland.

Bundesregierung stuft Indien als Hochinzidenzgebiet ein

Die Bundesregierung stuft Indien wegen der hohen Zahl an Corona-Neuinfektionen und der Ausbreitung von Virus-Varianten als Hochinzidenzgebiet ein. Das gab das Robert Koch-Institut bekannt. Mit der Einstufung Indiens als Hochinzidenzgebiet ist keine Verschärfung der Einreisebestimmungen verbunden. Die hätte es nur gegeben, wenn das Land mit den zweitmeisten Einwohnern weltweit zum Virusvariantengebiet erklärt worden wäre - was einige Beobachter erwartet hatten.

Es fehlt an allem - auch in den großen Städten

Aber jenseits aller Zahlen müssen wir ja auch darauf schauen, wie es tatsächlich aussieht. Und da ist es in Indien von Tag zu Tag schlimmer. Die Krankenhäuser sind voll, es fehlt an allem: Sauerstoff, Beatmungsgeräten, freien Intensivbetten. Nicht nur im ländlichen Indien, das ohnehin eine unterentwickelte Infrastruktur hat, sondern in den Megastädten wie Mumbai und Delhi.

332.000 Neuinfizierte sind eine Katastrophe für Indien - und wir sehen hier täglich die Auswirkungen. Dabei können wir gar nicht sicher sein, dass die Zahlen stimmen. Es wird weit weniger getestet als in Deutschland. Viele arme Menschen haben keinen Zugang zu Tests. Wenn sie erkranken, versuchen sie es durchzustehen. In einer Statistik tauchen sie nie auf. Und ob die offiziell gemeldeten Todeszahlen korrekt sind, ist zumindest in einigen Regionen Indiens mehr als fraglich.

Deshalb schauen wir uns in Indien als ARD-Korrespondentinnen und Korrespondenten an, was die Zahlen konkret bedeuten - für die Menschen, für das Land. Und da sieht es im Augenblick eben gar nicht gut aus.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 23. April 2021 um 12:52 Uhr.