Bildschirme in der Überwachungszentrale in Pudong. | ARD-Studio Peking
Reportage

Überwachung in China Shanghais "Gehirn" sieht alles

Stand: 31.05.2021 20:01 Uhr

Bauarbeiter ohne Helm, Autofahrer am Handy: 290.000 Kameras im Shanghaier Stadtteil Pudong filmen alles und senden es an die Behörden. Chinas Regierung begründet die Überwachung mit "sozialer Stabilität".

Von Tamara Anthony, ARD-Studio Peking

Im Überwachungszentrum des Stadtbezirks Pudong in Shanghai laufen alle Informationen zusammen: Die Mitarbeiter haben Zugriff auf 290.000 Kameras, teilweise können sie diese auch direkt steuern. Auf einem überdimensionalen Bildschirm erscheinen Fotos von Menschen, die gerade gegen Regeln verstoßen: Ein Bauarbeiter trägt keinen Helm, jemand telefoniert am Steuer, eine andere Person schmeißt ihren Müll neben die Tonne.

Tamara Anthony ARD-Studio Peking

Als Teil eines "intelligenten Stadtkonzepts" bezeichnet die chinesische Regierung solche Überwachungszentren. "Uns Bürgern hilft das System, eine sichere, ordentliche und saubere Umgebung zu schaffen", erklärt Sheng Dandan. Die 37-Jährige ist die stellvertretende Direktorin der "intelligenten Stadt" von Pudong, sie hat das System mitentwickelt. "Für die Regierung ist es ein Mittel, die Stadt effizienter zu verwalten", fügt sie hinzu.

Algorithmen erkennen Fehlverhalten

Auch um die Corona-Krise im Land in den Griff zu bekommen, hat China digitale Technologien eingesetzt. "Wir installieren vernetzte Sensoren vor der Wohnung. Wenn der Sensor an der Tür dann das regelwidrige Verlassen der Wohnung registriert, werden wir alarmiert", sagt Sheng.

Über eine Handy-App ist das Überwachungszentrum mit Mitarbeitern des Nachbarschaftskomitees verbunden: So heißt die Parteizelle in jeder Wohnanlage, die von der Kommunistischen Partei Aufgaben erhält - zum Beispiel wacht sie während der Corona-Krise darüber, dass alle Bewohner die Schutzauflagen einhalten. Wird etwa eine Wohnungstür geöffnet, obwohl die Bewohner sich in Quarantäne befinden, informiert das Nachbarschaftskomitee die Zentrale in Pudong.

Seit Beginn der Pandemie kann die "intelligente Stadt" in Shanghai auch ermitteln, wer keine Maske trägt. "Algorithmen erkennen dieses Fehlverhalten sofort", sagt Sheng. Gerade arbeitet sie an einem Pilotprojekt. Künftig sollen Kameras mit Gesichtserkennung ermitteln, wer ein Corona-Sicherheitsrisiko ist: Wer aus einem Gebiet kommt, wo es noch Infektionen gibt, soll automatisch erkannt werden.

Offenbar wird dafür das Bewegungsprofil jeder Person erfasst. Sheng Dandan will dazu nur soviel sagen: "Dank Gesichtserkennung und Datenaustausch zwischen Behörden können wir das automatisch herausfinden."

Das Ziel: vollständige Kameraabdeckung

Das "Gehirn" genannte Überwachungszentrum im Stadtbezirk Pudong ist Teil einer Entwicklung, die die Regierung in ganz China vorantreibt. Das Ziel ist eine hundertprozentige Kamera-Abdeckung an allen wichtigen öffentlichen Orten, wie Bahnhöfen, Straßenkreuzungen, Parks. Chinas Staatsmedien verbreiten dazu stolz, innerhalb von nur einer Sekunde könne die Polizei jede einzelne Person auf der Straße identifizieren.

Mareike Ohlberg vom German Marshall Fund in Berlin beobachtet Chinas rasant wachsenden Sicherheitsapparat. Dafür analysierte sie im Internet verfügbare öffentliche Ausschreibungen von Städten in China. "Wir haben mehrere Millionen Datensätze runtergeladen, teilweise mit sehr detaillierten Anhängen, wo Überwachungs-Schemata im genaueren Detail erklärt werden", erzählt sie. Welche Art von Kamera soll über welche Hauseingänge? All das geht aus den Datensätzen hervor.

"Soziale Stabilität" um jeden Preis

Offiziell spricht China nicht von Überwachung. "Sicherheit" wird oft als Argument genannt für die allgegenwärtigen Kameras - die Kriminalitätsrate etwa sei dadurch rasant gefallen, heißt es. In den Unterlagen der Regierung werden die Überwachungsprojekte damit begründet, dass sie für "soziale Stabilität" sorgen.

Die Idee dahinter beschreibt Ohlberg so: "Solange man jegliche Bereiche des menschlichen Lebens mit Kameras abdeckt, kann man auch jeglichen Konflikt rechtzeitig entdecken und entschärfen und hat wieder Ruhe."

Öffentliche Kritik an der massiven Überwachung durch den Staat ist in China nicht möglich. Doch so wie Sheng Dandan, die stellvertretende Direktorin der Überwachungszentrale in Shanghai, sehen die meisten in China vor allem den Nutzen der neuen Technik. Alle anderen werden letztlich zum Schweigen gebracht.

Die ganze Reportage sehen Sie am 31.05.2021 um 22.50 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek.