Ein Blick auf die Beschilderung der Ant Group auf dem Gelände des Hauptsitzes des Fintech-Giganten in der ostchinesischen Provinz Zhejiang. | dpa

Marktmacht chinesischer Unternehmen Peking legt sich mit Techkonzernen an

Stand: 23.06.2021 12:18 Uhr

In China sind in den vergangenen Jahren zahlreiche große und wertvolle Techkonzerne entstanden. Die Staatsführung hat den Aufstieg nach Kräften befördert. Inzwischen ist die Wohlfühlphase aber vorbei.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Ein kleiner Kaffeeladen im Shanghaier Geschäftsviertel Jing'an. Der Laden ist beliebt, ein Kaffee zum Mitnehmen kostet umgerechnet zwei Euro, ein Schnäppchen für diesen Standort. Dass es sich für Ladenbesitzer Wu Jialing trotzdem lohnt, liegt daran, dass er viel Kaffee innerhalb kurzer Zeit verkaufen kann. Die Kundinnen und Kunden bezahlen per Smartphone. Sie scannen einfach den QR-Code, der neben der Kaffee-Maschine hängt.

"Bezahlen per App geht wahnsinnig schnell", sagt der Ladenbesitzer. Kasse bedienen, Wechselgeld raussuchen, nach Kontakt mit Kasse und Bargeld die Hände waschen - das alles fällt weg. Entsprechend mehr Umsatz ist drin.

Umgang mit Geld revolutioniert

Die Bezahl-Apps Alipay und WeChat-Pay haben den Umgang mit Geld in China innerhalb weniger Jahre revolutioniert. Statt sich mit den meist altmodischen, komplizierten und behäbigen staatlichen Banken herumzuschlagen, verlassen sich die meisten Chinesinnen und Chinesen inzwischen voll auf die Smartphone-Apps der heimischen Fintech-Konzerne Ant und Tencent, um ihre Alltagsfinanzgeschäfte abzuwickeln.

Dabei geht es längst nicht mehr nur ums bargeldlose Bezahlen. Mit der Alipay-App lassen sich inzwischen auch Geldanlage, Versicherungen und Altersvorsorge erledigen. Auch das schwächt die Rolle der staatlichen Banken. "China hat sich im Bereich des Finanzwesens von einem sehr rückständigen Ort zu einem weltweiten Vorreiter in Sachen Fintech entwickelt", erklärt Martin Chorzempa vom Peterson Institute for International Economics in Washington.

Nicht nur in der Finanztechnologie-Branche sind in dem Land in den vergangenen Jahren neue, mächtige Großkonzerne entstanden. Auch in anderen Tech-Bereichen gab es einen Gründerboom, finanziert durch teils staatliches, teils privates Wagniskapital.

Staatsführung überdenkt Beziehung zu Konzernen

Egal ob Online-Shopping, Socialmedia oder Lieferdienste: Jahrelang konnten sich Unternehmen wie Alibaba, Bytedance und Meituan auf politische und teils auch finanzielle Unterstützung der Staatsführung verlassen. Doch in den vergangenen Monaten habe sich das Klima gewandelt, sagt Duncan Clark, Chef der Unternehmensberatung BDA in der chinesischen Hauptstadt Peking. "Es scheint, dass die Regierung in China ihre Beziehung zu den großen Technologieunternehmen überdenkt."

Ganz offensichtlich sind der kommunistischen Staatsführung einige der großen Techfirmen zu schnell zu groß geworden - und vor allem zu mächtig. Dass Kartell- und Aufsichtsbehörden gegen die Marktmacht großer Konzerne wie Google, Amazon oder Facebook vorgingen, das gebe es zwar auch in Europa und den USA. Aber: "Was die Sache in China speziell macht, das sind die herausragende Stellung der Kommunistischen Partei und die Spannungen, die es in China immer wieder gibt: Spannungen zwischen den staatlichen Großkonzernen, die von der KP beaufsichtigt werden, einerseits und dem Privatsektor anderseits", erklärt Clark.

Ant-Börsengang gestoppt

Diese Spannungen wurden im zurückliegenden Jahr in China sichtbar. In mehreren Fällen bremste die Staats- und Parteiführung die aufstrebenden Privatunternehmen aus. Ant, der Mutterkonzern der Bezahl- und Finanzdienstleistungs-App Alipay, wollte beispielsweise im vergangenen November an die Börse gehen. Es wäre der größte Börsengang der Weltwirtschaftsgeschichte gewesen. Mit ihm hätte das chinesische Fintech-Unternehmen Ant rund 30 Milliarden Euro eingesammelt.

Doch zwei Tage vor dem Aktien-Debüt in Hongkong und Shanghai stoppte die Staatsführung den Börsengang überraschend. Ant erfülle bestimmte Regularien nicht, wurde mitgeteilt. Weitere Details: keine. Aber in den folgenden Wochen wurde deutlich, dass die Absage des Ant-Börsengangs wohl von ganz oben kam.

Chinas Staats- und Parteiführung hatte sich offensichtlich an Aussagen des Ant-Chefs Ma Yun alias Jack Ma gestört, der kurz vor dem geplanten Börsengang bei einer Rede in Shanghai gesagt hatte: "Was die Finanzbranche angeht sind wir in China noch Anfänger. Wir haben zwar große Banken - die sind wie große Flüsse. Was wir aber vor allem brauchen sind kleine Seen, Teiche, Bäche und kleinere Flüsse."

Offene Kritik überschreitet eine rote Linie

Chinas bisher von staatlichen Großbanken dominiertes Finanzsystem berge Risiken, kritisierte Ma. Das sei ungesund. Eine Aussage, die zwar viele Expertinnen und Experten unterschreiben würden, doch aus Sicht der kommunistischen Führung hatte der bis dahin allgegenwärtige Vorzeige-Manager mit seiner offenen Kritik an den Staatsbanken eine rote Linie übertreten.

Der Börsengang seines Fintech-Unternehmens Ant platzte. Ma selbst musste sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückziehen.

Mehrere Firmenchefs zurückgetreten

"Zunächst dachte man, es geht hier nur um Jack Ma, weil er sich so offen äußert, und um sein Unternehmen Ant", sagt Unternehmensberater Clark, der auch ein Buch über den Aufstieg von Jack Ma geschrieben hat. "Aber seitdem haben wir ein noch viel weitgehenderes Durchgreifen der Behörden gegen große Techfirmen in China erlebt."

So traten weitere prominente Startup-Gründer und Techmilliardäre zurück. Zhang Yiming zum Beispiel, der Chef des TikTok-Mutterkonzerns Bytedance, und Huang Zheng, der den aufstrebenden chinesischen Online-Shoppingkonzern Pinduoduo leitete. Die Gründe für die Rücktritte sind unklar, aber die meisten Branchenbeobachter gehen davon aus, dass Druck der Staatsführung dabei eine Rolle gespielt hat.

"Die Kommunistische Partei profitiert enorm vom Konsum-Boom, den all diese Techfirmen in China ausgelöst haben", analysiert Clark. "Aber das ist keine Einbahnstraße. Wir sehen hier eine gewisse doppelte Abhängigkeit zwischen der KP und den Techkonzernen: Beide brauchen sich irgendwie gegenseitig, aber letztlich sagt die Partei: 'Ihr braucht uns mehr.'"

Es wird immer deutlicher, dass Chinas Staatsführung den privaten Techkonzernen nicht mehr so viel durchgehen lässt wie bisher. Auch sie müssen sich dem Führungsanspruch der Kommunistischen Partei unterordnen. Kritik wird nicht geduldet, sei sie noch so dezent.

25 Milliarden Euro durch einen Post verloren

Zu erleben war das zuletzt auch beim Lieferdienst-Konzern Meituan, gegen den die Kartellbehörden ermitteln. Meituan-Chef Wang Xing postete Anfang Mai einen historischen, mehr als 1000 Jahre alten satirischen Text. In diesem Text geht es um Kritik an einem früheren chinesischen Kaiser. Einige verstanden das Posting des Firmenchefs und Multimilliardärs als versteckte Kritik an den heutigen Herrschern.

Der Meituan-Chef löschte den geposteten Text zwar wieder, trotzdem sackte der Börsenkurs von Meituan um fast 15 Prozent ab, das Unternehmen verlor auf einen Schlag rund 25 Milliarden Euro an Wert. Dass Xing daraufhin etwa zehn Prozent seines persönlichen Vermögens, rund 1,8 Milliarden Euro, an eine Wohltätigkeitsorganisation spendete, wird als Versuch einer Buße verstanden.

"Viele Firmenchefs in China prüfen gerade, wie sie herausragende Titel oder sogar Teile ihres Vermögens loswerden können", berichtet Unternehmensberater Clark. "Es geht darum, sich möglichst unauffällig zu verhalten, nicht mehr der höchste Baum im Wald zu sein. Denn der ist der erste, der gefällt wird."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Juni 2021 um 13:35 Uhr.