Xi Jinping | AP

Nach Unruhen in Kasachstan Im Spannungsfeld zwischen China und Russland

Stand: 20.01.2022 14:42 Uhr

Als Unruhen in Kasachstan ausgebrochen sind, sprach Peking der Regierung schnell Unterstützung zu. Stabilität in der Region scheint sogar so wichtig zu sein, dass China keine Einwände hat, wenn Russland Militär schickt und seinen Einfluss ausbaut.

Von Benjamin Eyssel, ARD-Studio Peking

Im September 2013 besucht Xi Jinping die Nasarbajew-Universität in der kasachischen Hauptstadt Nursultan, die damals noch Astana hieß: Seine Rede gilt als Startschuss für Chinas riesiges internationales Infrastrukturprojekt, das auf Deutsch "Neue Seidenstraße" genannt wird.

Benjamin Eyssel ARD-Studio Peking

Xi war damals nur wenige Monate als Staatschef der Volksrepublik im Amt. Wie mächtig er einmal sein und wie groß das Projekt "Neue Seidenstraße" werden würde, konnte damals niemand erahnen. Was aber damals schon klar war: Kasachstan ist ein wichtiges Nachbarland Chinas.

Kasachstan als wichtiger Energielieferant

Wang Yiwei ist Professor für internationale Studien an der Renmin-Universität in Peking. Er erklärt, Kasachstan sei wichtig für China als Verbindung zwischen Land und Meer, zwischen Asien und Europa. Aber auch als Energielieferant. Früher habe die Volksrepublik hauptsächlich Erdöl aus dem Nahen Osten importiert, doch inzwischen brauche China auch viel Erdgas.

Geschätzt 20 Prozent dieses Erdgases kommt aus Kasachstan oder wird zumindest durch das westliche Nachbarland durchgeleitet. Auch andere Bodenschätze bezieht China aus der Ex-Sowjetrepublik. Chinesische Konzerne haben in Kasachstan viel Geld investiert.

Nachricht der Unterstützung aus Peking

Vermutlich auch deswegen hat Chinas Staats- und Parteichef Xi am 7. Januar eine Nachricht der Unterstützung an den kasachischen Staatschef Kassym-Jomart Tokajew geschickt, die die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlichte. China wehre sich dagegen, dass Kräfte aus dem Ausland versuchten, Kasachstan zu destabilisieren. Außerdem sagte Xi Jinping dem Land chinesische Unterstützung zu.

Der Sprecher der Staats- und Parteiführung Wang Wenbin: "China hat gesehen, dass Kasachstan eine Reihe von Maßnahmen ergriffen hat, um gegen die gewaltsamen und terroristischen Aktivitäten vorzugehen. China wehrt sich dagegen, dass Kräfte von außen zu Gewalt anstacheln. Als Bruder, Nachbar und strategischer Partner wird China sich bemühen, jegliche notwendige Unterstützung anzubieten, damit Kasachstan diese Schwierigkeiten wieder los wird."

Entwicklung zur politischen und militärischen Großmacht

Präsident Tokajew hatte den kasachischen bewaffneten Einheiten da bereits den Befehl gegeben, auf militante Demonstranten zu schießen. Auch war schon klar, dass Russland im Rahmen der Militärallianz CSTO Truppen schicken würde. Mit der angebotenen Unterstützung habe China ohnehin keinen Militäreinsatz in Kasachstan gemeint, sagt Außenpolitik-Experte Wang Yiwei von der Renmin-Universität:

"China hat eine starke Wirtschaft anzubieten, beispielsweise Investitionen durch die 'Neue Seidenstraße'. Wenn die chinesische Regierung Hilfe anbietet, dann muss die kasachische Regierung auch erstmal sagen, was sie braucht."

Jahrzehntelang schien dies die klassische Aufteilung in Zentralasien gewesen zu sein: Russland sorgt für Ordnung und China kümmert sich um die Wirtschaft. Doch in den vergangenen Jahren ist China selbstbewusster geworden, das Land hat massiv in sein Militär investiert und wird immer mehr zu einer politischen und militärischen Großmacht. Da liegt die Vermutung nahe, dass China ein Problem damit haben könnte, wenn Russland seine Macht in der Region weiter ausbaut.

Wang Yiwei

Außenpolitik-Experte Wang Yiwei von der Renmin-Universität spricht von strategischem und politischen Vertrauen zwischen China und Russland bezüglich der Region Kasachstan.

Zunahme des strategischen Wettbewerbs

Der unabhängige Sicherheitsanalyst und China-Experte Adam Ni, Herausgeber des Newsletters China Neican, sagt: "In den vergangenen Jahren haben wir gesehen, wie der strategische Wettbewerb zwischen China und den USA zugenommen hat. Und das schafft eine Einordnung, wie China in Zentralasien denkt. Russland dagegen ist Chinas Partner. Beide Länder haben ein Interesse, den US-Einfluss in Zentralasien einzugrenzen."

Ähnlich sieht das der Außenpolitik-Experte Wang von der staatlichen chinesischen Renmin-Universität: "Russland ist das größte Nachbarland Chinas. Die beiden Länder bilden eine strategische Koordinierungspartnerschaft. Das strategische und politische Vertrauen ist deswegen groß." Wenn Russland mehr Einfluss in der Region bekommt, sei das nicht generell etwas Schlechtes und besser, als wenn der westliche Einfluss zunimmt. "Ich denke auch nicht, dass China Einfluss auf die politische Situation in Kasachstan nehmen wollte", so Wang.

Stabilität und Sicherheit in der Grenzregion

Adam Ni sieht noch einen weiteren Grund, warum die chinesische Regierung nichts gegen einen russischen Militäreinsatz in Kasachstan hatte: Stabilität und Sicherheit der chinesischen Grenzregion. Kasachstan grenzt direkt an den chinesischen Landesteil Xinjiang, in der neben den mehrheitlich muslimischen Uiguren auch mehr als eine Million ethnische Kasachen leben. Die Sorge sei, dass eine demokratische Revolution Instabilität in der gesamten Region verursachen könnte oder die Unruhen auf das benachbarte Xinjiang übergreifen könnten.

Russland hat seinen Einfluss in Zentralasien in den vergangenen Wochen zwar ausgebaut. China kann damit - zumindest im Moment - gut leben. Denn das Verhältnis zwischen den beiden Ländern ist durch die jüngsten Ereignisse nicht infrage gestellt worden.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 20. Januar 2022 um 12:05 Uhr.