Ein Mann läuft an einer Werbetafel für die Olympischen Winterspiele in Peking vorbei. | REUTERS

Menschenrechte in China Olympia-Sponsoren in der Zwickmühle

Stand: 02.02.2022 04:13 Uhr

Menschenrechtsgruppen kritisieren die internationalen Olympia-Sponsoren. Sie rufen Konzerne wie Allianz, Airbnb und Coca-Cola auf, Menschenrechtsverletzungen in China anzuprangern. Doch in der Realität passiert das Gegenteil.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai, zurzeit Freiburg

Eine Demonstration Mitte Januar vor der Allianz-Niederlassung in Berlin-Adlershof. Vor allem Tibet- und Uiguren-Aktivistinnen und -Aktivisten protestieren dagegen, dass der Konzern im Rahmen seines Olympia-Sponsorings die Winterspiele in Peking finanziell unterstützt.

"Unsere konkrete Forderung ist, dass die Allianz die Olympischen Spiele in Peking nicht unterstützt und ihr Sponsoren-Geld zurückzieht," sagt Tenzyn Zöchbauer vom Verein Tibet-Initiative. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters beklagt sie, dass sich der größte Versicherungskonzern Europas nicht klar von den Menschenrechtsverletzungen in China distanziere.

"Wir halten es nicht für vertretbar, dass ein deutsches Unternehmen wie die Allianz, das mit Versicherungen und für Sicherheit für das Leben wirbt, es nicht schafft, sich klar zur Menschenrechtslage in China zu positionieren", sagt Zöchbauer.

Allianz geht nicht auf Kritik ein

Angesprochen auf die Kritik am Sponsoring der Olympischen Winterspiele in China schickt die Allianz-Pressestelle eine schriftliche Stellungnahme. Auf die Vorwürfe der Aktivistinnen und Aktivisten geht der Konzern darin nicht ein. "Für uns als IOC-Sponsor stehen die Werte der olympischen Bewegung - Exzellenz, Freundschaft und Respekt - sowie die Leistungen der Athleten an erster Stelle", heißt es. "Deswegen stehen die Athleten im Mittelpunkt unserer Kampagnen und Programme."

Dieses bewusste Nicht-Eingehen auf die Kritik von Menschenrechtsgruppen ist typisch für die olympischen Top-Sponsoren. Dazu gehören neben dem deutschen DAX-Unternehmen Allianz auch der Konsumgüterkonzern Procter&Gamble, der Autokonzern Toyota sowie der Uhrenhersteller Omega.

"Man wusste ja schon, was in China Sache ist"

Die Wirtschaftsethikerin Alicia Hennig vom Internationalen Hochschulinstitut (IHI) Zittau kritisiert, dass sich die meisten Konzerne, die die hoch umstrittenen Olympischen Winterspiele in China mitfinanzieren, offensichtlich wegducken, wenn ihnen Fragen gestellt werden zur Unterdrückung der uigurischen Minderheit in China oder zur Lage in Tibet und Hongkong.

"Man wusste ja schon, was in China Sache ist. Die Unternehmen konnten also eigentlich schon vorab abschätzten, dass (ein solches Sponsoring, Anm. d. Red.) in ihren Heimatmärkten nicht gut ankommen wird", sagt Hennig.

Kritik auch an Coca-Cola, Visa, und Airbnb

Besonders laut ist die Kritik an den Olympia-Top-Sponsoren in den USA. Fünf der 13 sogenannten "Olympic Partners" kommen aus den Vereinigten Staaten: neben Procter&Gamble auch der Getränkekonzern Coca-Cola, der Kreditkartenanbieter Visa, die Buchungswebseite Airbnb und der Chiphersteller Intel.

In einer Anhörung des US-Parlaments im vergangenen Sommer ging es um die Verantwortung dieser Firmen beim Thema Menschenrechte. Zu Wort kam damals auch Andrea Fairchild vom Kreditkarten-Anbieter Visa. "Wir sind gegen Völkermord, wo immer so etwas passiert", sagte die PR-Managerin von Visa. Das Wort "China" nahm sie nicht in den Mund.

"Nicht in der Lage, das zu beurteilen"

Zuvor hatte US-Senator Tom Cotton Vertreterinnen und Vertreter aller amerikanischen Sponsoren gefragt, ob sie das, was im chinesischen Landesteil Xinjiang passiert, als Völkermord bezeichnen würden. "Unser Unternehmen sieht sich nicht in der Lage, das zu beurteilen", sagte die Visa-Managerin.

Der US-Senator verlor daraufhin die Fassung. Das sei die "erbärmlichste und widerlichste Anhörung", die er in den vergangenen acht Jahren erlebt habe, sagte der Republikaner Cotton. Offensichtlich seien alle Firmenvertreter beauftragt worden, nichts zu sagen, was Chinas kommunistische Führung verletzen könne.

Selbstbild versus Wunschbild

Die Angst der Konzerne, nach vermeintlich kritischen Aussagen von Chinas Führung bestraft zu werden, ist ganz offensichtlich groß. Schließlich geht es auf dem riesigen chinesischen Markt um viel Geld.

Für die Wirtschaftsethikerin Hennig passt das Herumdrucksen der internationalen Olympia-Top-Sponsoren in Sachen Menschenrechte ins Bild. "Da herrscht immer eine extreme Kluft. Natürlich möchten sich Unternehmen immer gerne so darstellen, als seien sie alle super offen, divers et cetera, trallala", sagt sie.

Aber die Realität sehe grundsätzlich anders aus. "Nur, weil sich ein Unternehmen nach außen offen darstellt, würde ich ihm das nicht hundertprozentig abnehmen. Das Selbstbild und das Wunschbild, das nach außen getragen wird, muss nicht zwangsweise die Realität abbilden", sagt Hennig.

Dieser Beitrag lief am 02. Februar 2022 um 05:41 Uhr im Deutschlandfunk.