Eine Statue im Shougang Park  - Symbol für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking | AP

Olympische Winterspiele in Peking Besonders nachhaltig oder bloß Fassade?

Stand: 30.12.2021 08:01 Uhr

In fünf Wochen sollen die Olympischen Spiele in Peking beginnen. Nach Angaben der Veranstalter werden die Winterspiele besonders nachhaltig und umweltfreundlich sein. Experten bezweifeln das.

Von Benjamin Eyssel, ARD-Studio Peking

Mit der neu gebauten Seilbahn geht es nach oben auf den Berg. Hier in Yanqing, etwa 70 Kilometer nördlich des Stadtzentrums, sollen im Februar die olympischen Ski-Alpin-Wettbewerbe ausgetragen werden. Bei einer organisierten Tour für Journalisten zeigen die chinesischen Organisatoren, was in den vergangenen Jahren hier geschaffen wurde. Bei minus 15 Grad weht ein eisiger Wind.

Benjamin Eyssel ARD-Studio Peking

Eine gigantische Skipiste ist hier in den Berg gebaut worden. Die Abfahrten sind von weißem Kunstschnee bedeckt. Alle Berge drum herum sind braun. Der Grund: Die Winter hier sind zwar kalt, aber auch extrem trocken. Um den enormen Wasserbedarf für die Schneeproduktion zu decken, wird Wasser aus dem Tal durch ein riesiges Netz aus Rohren auf den Berg zu den 180 Schneekanonen gepumpt.

"Wir nutzen nur grünen Strom"

Alles nachhaltig, erklärt Li Xin, der für die Schneeproduktion zuständig ist: "Wir nutzen nur grünen Strom aus Wind- und Sonnenenergie. Und das Wasser kommt aus Flüssen, Seen und Reservoirs. Wir nutzen kein Grundwasser. Dadurch können wir sicherstellen, dass es umweltfreundliche Olympische Spiele werden."

Und wenn der Kunstschnee schmilzt, werde das ganze Wasser wieder aufgefangen. Unabhängig überprüfen kann diese Aussagen in China niemand. Klar ist aber, die chinesische Hauptstadt Peking mit ihren rund 20 Millionen Einwohnern hat generell ein enormes Wasserproblem.

Nur 170 Kubikmeter Wasser pro Person pro Jahr

Der chinesische Wasserexperte Zhang Junfeng rechnet vor: "Wenn in einer Gegend weniger als 1000 Kubikmeter Wasser pro Person im Jahr zur Verfügung stehen, dann spricht man international von Wasserknappheit. Unter 300 von extremer Wasserknappheit. In der Hauptstadtregion stehen pro Person nur 170 Kubikmeter Wasser zur Verfügung. Wenn man die Menschen mitrechnet, die nicht hier gemeldet sind, sind es sogar weniger als 100 Kubikmeter."

Um dieser extrem Knappheit zu begegnen, werden in China seit Jahren schon riesige Wassermassen aus dem Süden in den trockenen Norden des Landes befördert - über ein gigantisches Netzwerk aus Kanälen und Leitungen, das immer weiter ausgebaut wird. Doch auch dies ändere nur wenig an der Wasserknappheit in der chinesischen Hauptstadt, so der Experte. Umso mehr überrascht es, dass Zhang Junfeng trotzdem erklärt, für die Schneeproduktion bei den Olympischen Spielen sei genügend Wasser vorhanden.

"Die unnachhaltigsten Spiele aller Zeiten"

Zweifel an der Nachhaltigkeit der Olympischen Spiele oder generell Kritik an dem Mega-Event hört man in der autoritär regierten Volksrepublik so gut wie keine. Meinungen zu äußern, die von der Staatslinie abweichen, kann gefährlich sein.

Dafür ist die Kritik außerhalb Chinas umso lauter. Sie kommt unter anderem von Carmen de Jong, Professorin für Geografie an der Universität Straßburg in Frankreich. Das Versprechen, die Spiele seien nachhaltig, grün und sauber, könne China nicht einhalten, sagte sie im November im Deutschlandfunk: "Ich finde das ziemlich unrealistisch. Diese Winterspiele werden die unnachhaltigsten Spiele aller Zeiten sein. Es ist einfach zu viel im Spiel, was Wasser angeht, Bodenverlust, CO2-Ausstoß und so weiter."

China hat neben den Austragungsorten für die Winterspiele Autobahnen, Hotels und Hochgeschwindigkeits-Bahntrassen gebaut. Von diesen enormen Investitionen in die Infrastruktur könne die chinesische Gesellschaft zwar profitieren, so die Hydrologin. "Das wird allerdings natürlich nur ein gewisses soziales Niveau ansprechen, weil Skifahren ja nicht sehr billig ist - die ganze Ausstattung und man muss ja auch dahin kommen. Ich denke jetzt nicht, dass sich das lokale Bauern leisten können. Das wird eher die Oberschicht aus Peking sein und aus dem Umkreis."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Dezember 2021 um 12:45 Uhr.