Die Silbermedaillengewinner Huang Xuechen und Sun Wenyan aus China posieren mit ihren Medaillen. | REUTERS

Sommerspiele in Tokio Olympia verstärkt Chinas Nationalismus

Stand: 05.08.2021 10:13 Uhr

Die Olympischen Spiele in Tokio sind für Chinas Führung eine hochpolitische Angelegenheit. Eigene Medaillen werden als Errungenschaft von nationaler Bedeutung gefeiert, Kritik aus dem Ausland wird mit Empörung zurückgewiesen.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Sportlich gesehen sind die Olympischen Spiele von Tokio ein riesiger Erfolg für China. Politisch gesehen ist alles, was Olympia angeht, hochgradig aufgeladen in der Volksrepublik. "Wir erleben in der Volksrepublik einen aggressiven Nationalismus. Innerhalb Chinas wird dieser durch Social-Media-Aktivitäten verstärkt, auch durch staatliche Medien und sogar chinesische Diplomaten", sagt die Asienexpertin Didi Kirsten Tatlow von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. "Das wirklich Interessante daran ist nicht, dass es diese nationalistische Stimmung in China gibt, sondern dass die Staatsführung zulässt, dass sie sich so stark ausbreitet."

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Seit dem ersten Wettkampftag reagiert die kommunistische Führung hochsensibel auf jegliche Misstöne und vermeintliche Kritik. In Hongkong, wo wegen des Autonomiestatus der Stadt eigentlich noch Meinungsfreiheit gilt, wurde ein 40-jähriger Mann festgenommen.

Sein Vergehen: Bei einer öffentlichen Olympiaübertragung in einem Einkaufszentrum soll er gebuht haben, während die chinesische Nationalhymne zu hören war.

Staatsführung beschwert sich bei BBC

Bei der britischen BBC beschwerte sich die chinesische Staatsführung, weil der Rundfunksender seinen Zuschauern erklärt hatte, dass die asiatische Inselrepublik Taiwan nicht unter eben diesem Namen bei Olympia mitmachen darf, sondern sich auf Druck der chinesischen Führung offiziell "Chinesisch Taipeh" nennen muss.

Aus Sicht der Sinologin Didi Kirsten Tatlow spiegelt die Politisierung diverser Olympia-Aspekte die Lage in Ostasien wider. "Taiwan muss bei den Olympischen Spielen unter dem Namen 'Chinesisch Taipeh' antreten. Die taiwanische Nationalhymne darf nicht gespielt werden. Das sind zwei Beispiele für politische Konflikte, die durch die Olympischen Spiele nun sichtbar werden. Die chinesischsprachige Welt ist ein politisch hochumkämpfter Raum und das wird bei diesen Spielen deutlich."

Machtdemonstration am Beispiel Taiwan

Gerade was die Taiwan-Frage angeht, nutzt Chinas Staats- und Parteiführung die Olympischen Spiele, um ihre Macht in Asien zu demonstrieren. Sie vertritt die Meinung, Taiwan gehöre zur Volksrepublik - obwohl das nie der Fall war. Wer Chinas Taiwan-Politik nur andeutungsweise infrage stellt, wird von der kommunistischen Führung bestraft.

So etwa die taiwanische Sängerin, Schauspielerin und Comedy-Moderatorin Dee Hsu alias Xiao S. Sie ist auch in China sehr erfolgreich. Als sie auf Instagram taiwanische Olympia-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer als "Nationalsportler" Taiwans bezeichnete, brach in China ein Sturm der Entrüstung los. Innerhalb weniger Stunden verlor Dee Hsu in der Volksrepublik reihenweise Werbeverträge - auf Druck nationalistischer Chinesinnen und Chinesen.

Verstoß gegen olympische Charta

Der offen zur Schau gestellte Nationalismus der kommunistischen Führung zeigt sich auch direkt bei den Spielen in Tokio. Obwohl das nach Regel 50 der olympischen Charta eigentlich verboten ist.

Zum Beispiel bei der Siegerehrung des Bahnrad-Team-Sprint-Wettbewerbs. Gold holten die beiden chinesischen Bahnrad-Sprinterinnen Zhong Tianshi und Bao Shanju. Der staatliche Sender CCTV übertrug die Siegerehrung live und deutlich zu sehen war: Die beiden Chinesinnen hatten sich für diesen Anlass kleine gold-rote Anstecker der Kommunistischen Partei an die Brust geheftet. Die Anstecker zeigen ein stilisiertes Porträt von Mao Zedong - Gründer der Volksrepublik und Langzeitdiktator Chinas.

Die Goldmedaillen von Zhong Tianshi und Bao Shanju

Die chinesischen Bahnrad-Sprinterinnen Zhong Tianshi und Bao Shanju trugen bei der Siegerehrung kleine gold-rote Anstecker der Kommunistischen Partei - was ein Verstoß gegen die olympische Charta ist.

Olympia-Veranstalter ermittelt gegen China

Nach diversen Beschwerden ermitteln nun die Olympia-Veranstalter gegen China. Man sei wegen der Mao-Zedong-Anstecker bereits in Kontakt mit dem chinesischen Olympia-Komitee und erwarte eine formelle Antwort, sagte Olympia-Sprecher Mark Adams am Mittwoch in Tokio. Die chinesische Seite habe bereits versichert, dass so etwas nicht mehr vorkommen werde.

In rund einem halben Jahr beginnen in der chinesischen Hauptstadt Peking die Olympischen Winterspiele. Eine überbordende Politisierung der Wettkämpfe ist schon jetzt absehbar. Sowohl Chinas Olympisches Komitee als auch das Veranstalter-Team der Spiele bestehen fast vollständig aus Kadern der Kommunistischen Partei.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 05. August 2021 um 09:48 Uhr.