Ein Mann mit einer Atemschutzmaske sitzt in einem Bus in Shanghai (Archivbild). | REUTERS

Coronavirus-Pandemie Zweifel an Chinas Null-Covid-Strategie

Stand: 25.08.2021 02:32 Uhr

China hat den jüngsten Corona-Ausbruch weitgehend unter Kontrolle gebracht. Ziel ist es, Neuinfektionen komplett zu unterbinden. Doch es wachsen die Zweifel, ob China diese Null-Covid-Strategie durchhalten kann.

Von Ruth Kirchner, für das ARD-Studio Peking

Aufatmen in China - die Zahl der Neuinfektionen im ganzen Land wieder im zweistelligen Bereich, wie das Staatsfernsehen berichtet. Der Weg dahin: strikte Reisebeschränkungen im Inland, Massentests, örtliche Lockdowns. Doch den Menschen verlangt die Null-Covid-Strategie der Regierung viel ab.

Ruth Kirchner ARD-Studio Peking

Der jüngste Ausbruch hat mein Leben total durcheinandergebracht, sagt ein Arbeiter in Peking, der im Zuge der jüngsten Beschränkungen einen seiner zwei Jobs verlor. Er könne Rechnungen nicht mehr bezahlen. Die Pandemie beeinträchtige ihn sehr.

Internationaler Handel leidet unter strengen Maßnahmen Chinas

Beeinträchtigt sind auch ausländische Unternehmen. Es gelten weiter strenge Einreisebeschränkungen und lange Quarantänepflichten. Wegen eines einzigen Corona-Falls wurde kürzlich einer der größten Häfens Chinas, Ningbo, teilweise geschlossen - Lieferketten gerieten durcheinander.

Während andere Länder angesichts steigender Impfquoten gewisse Inzidenzen tolerieren, hält China am Null-Covid-Kurs fest. Nicholas Thomas, der an der City University in Hongkong zu Chinas Umgang mit der Pandemie forscht, sieht das mit Skepsis.

Wenn es nur um China ginge, wäre diese Strategie ok. Aber China muss sich schon aus wirtschaftlichen Gründen gegenüber der Welt wieder öffnen. Die Null-Covid-Strategie können sie auf Dauer nicht durchhalten, sie müssen sie in den nächsten sechs bis 12 Monaten ändern.

Nationalisten feiern Erfolge im Kampf gegen Corona

Lernen mit dem Virus zu leben, wäre die Alternative zu Null Covid. Doch als der bekannte Epidemiologe Zhang Wenhong kürzlich in einem Social-Media-Post in diese Richtung argumentierte, erntete er einen Shitstorm, wurde als Verräter und "Hund der Amerikaner" beschimpft. Denn Chinas Nationalisten werten die Erfolge bei der Bekämpfung des Virus auch als Beleg für die Überlegenheit des autoritären Einparteiensystems, Kritik ist daher unerwünscht.

Dabei argumentieren auch andere ähnlich wie Zhang. "Wir brauchen eine ernsthafte Diskussion unter Experten, ob die aktuellen Präventions- und Kontrollstrategien angepasst und optimiert werden sollten", sagte kürzlich der Gesundheitsökonom Liu Guoen von der Universität Peking.

China nicht gut auf Delta-Variante vorbereitet

Doch eine Änderung der Null-Covid-Strategie ist heikel. Denn auf die hoch ansteckende Delta-Variante des Virus ist China nicht gut eingestellt. Etwa 55 Prozent der Menschen im Land sind zwar vollständig geimpft - aber die chinesischen Impfstoffe sind gegen die Delta-Variante weniger wirksam als die mRNA-Impfstoffe von BioNTech oder Moderna, sagt Nicholas Thomas.

China muss mRNA-Impfstoffe in der breiten Bevölkerung einsetzen, um die Immunität zu verbessern. Bis dahin können sie nur weitermachen wie bisher - also mit Lockdowns und strikter Kontaktnachverfolgungen. Aber die Impfungen sind zentral.

Doch eine dritte Impfung mit einem mRNA-Impfstoff ist nicht nur logistisch schwierig. Es fehlt auch an Vertrauen. Monatelang haben Staatsmedien und Regierungsvertreter die Sicherheit ausländischer Impfstoffe angezweifelt - und die eigenen Impfstoffe als die besseren präsentiert. Jetzt eine Kehrtwende zu vollführen, ist schwierig. Leute wie Zhang Wenhong dürften daher in China weiter wenig Gehör finden. Und die Grenzen der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt bleiben voraussichtlich weiterhin weitgehend zu.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 25. August 2021 um 11:50 Uhr.