Proteste in Shanghai | Eva Lamby-Schmitt

Proteste gegen Null-Covid-Politik Demonstrationen in China weiten sich aus

Stand: 27.11.2022 13:15 Uhr

Die Wut der Menschen gegen die strikten Corona-Maßnahmen in China entlädt sich in immer mehr Demonstrationen. Auch an Elite-Unis gab es Proteste. Demonstrierende forderten den Rücktritt von Staatschef Xi.

Proteste gegen die strikten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus in China haben sich auf mehrere Städte ausgeweitet. In der Finanzmetropole Shanghai hatte sich eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Hochhausbrandes von Urumqi laut Augenzeugen in der Nacht zu einem offenen Protest gegen Staats- und Parteichef Xi Jinping entwickelt.

Wie in Online-Videos zu hören war, riefen die Demonstranten unter anderem: "Nieder mit der kommunistischen Partei! Nieder mit Xi!". Zwar nahmen an der Demonstration in der 25-Millionen-Einwohner-Stadt schätzungsweise nur etwas mehr als 1000 Menschen teil. Doch auch das gilt als ungewöhnlich, denn im kommunistischen China gibt es weder Demonstrationsrecht noch Meinungsfreiheit. Die kommunistische Führung versucht, jegliche Proteste zu unterdrücken.

Laut Augenzeugen setzte die Polizei in Shanghai Pfefferspray gegen Protestierende ein, um die Demonstration zu beenden. Videos davon, die sich im Internet verbreiteten, wurden von den Zensurbehörden in China rasch wieder gelöscht.

Neue Proteste an derselben Stelle

Im Laufe des Tages gab es aber neue Proteste an derselben Stelle. Die Polizei von Shanghai hatte an der Urumqi-Straße, die nach der Stadt Urumqi im Landesteil Xinjiang benannt ist, zwar in den frühen Morgenstunden alle Blumen, Kerzen und Plakate weggeräumt. Doch die Menschen kamen am Mittag wieder zurück.

Dass die Blumen, die zum Gedenken an die Opfer des Hochhausbrandes niedergelegt worden waren, von der Polizei eingesammelt wurden, stieß auf Unverständnis der Menschen, berichtet ARD-Korrespondentin Eva Lamby-Schmitt.

Polizisten räumen die Blumen der Demonstranten weg. | Eva Lamby-Schmitt

Blumen, die zum Gedenken an die Opfer des Hochhausbrandes niedergelegt worden waren, wurden von der Polizei weggeräumt. Bild: Eva Lamby-Schmitt

Auch Studierende an Elite-Uni demonstrieren

Wegen der Zensur ist es schwer einzuschätzen, welches Ausmaß die Proteste im ganzen Land inzwischen haben. Im Internet tauchten noch weitere Videos auf, die Bilder von Protesten zeigen. Sie sollen unter anderem in Nanjing in Ostchina und in Guangzhou im Süden gedreht worden sein, berichtet die US-amerikanische Nachrichtenagentur AP, verweist aber darauf, dass sich die Videos nicht unabhängig verifizieren lassen.

Karte von China mit den Städten Peking, Shanghai, Chengdu, Chongqing, Wuhan, Nanjing, Xi'an und Guangzhou

Die Proteste erreichten inzwischen auch zwei Elitehochschulen in der Hauptstadt Peking. Nach einer nächtlichen Mahnwache an der Peking-Universität versammelten sich laut einem Bericht der französischen Nachrichtenagentur AFP am Vormittag Hunderte Studierende im Hof vor der Mensa der benachbarten Tsinghua-Universität.

Screenshot aus einem Video, der offenbar Proteste an der Tsinghua-Universität zeigt | AFP

Auf Videos, die offenbar an der Tsinghua-Universität aufgenommen wurden, ist zu sehen, wie Studierende zum Protest weiße Blätter hochhalten. Bild: AFP

"'Nein zu Lockdowns, wir wollen Freiheit"

Eine Studentin habe am Vormittag damit begonnen, am Eingang zur Mensa ein weißes Stück Papier aus Protest gegen die Zensur hochzuhalten, weitere hätten sich angeschlossen. "Wir haben die Nationalhymne gesungen und die Internationale und skandiert: 'Die Freiheit wird siegen', 'Schluss mit den Corona-Tests, wir wollen Essen' und 'Nein zu Lockdowns, wir wollen Freiheit'", zitiert die Agentur AFP einen Augenzeugen. 

China hält noch immer an seiner Null-Covid-Strategie fest - und steht mit dieser Politik ziemlich alleine auf der Welt. Bereits beim Auftreten einzelner positiver Tests versucht die kommunistische Führung mit Ausgangsbeschränkungen und Massentestungen eine Verbreitung in den Griff zu bekommen. Wegen der Masse an Corona-Infektionen wird dies zunehmend schwierig.

Seit mehr als 100 Tagen im Lockdown

Während in anderen Teilen der Welt die Pandemie ihren Schrecken verloren zu haben scheint, meldet China seit einigen Tagen einen neuen Infektionsrekord nach dem anderen. Die Lockdowns werden für das Land auch wirtschaftlich zunehmend zum Problem.

Verstärkt wurde die Wut vieler Menschen über die massiven Einschränkungen offenbar durch den Hochhausbrand in Urumqi in der Region Xinjiang im Nordwesten des Landes. Dabei waren am Donnerstag mindestens zehn Menschen ums Leben gekommen. Etliche Anwohner kritisierten in sozialen Netzwerken, dass die rigiden Corona-Maßnahmen den Kampf gegen das Feuer erschwert hätten. Bewohnern sei die Flucht ins Freie durch abgeschlossene Wohnungstüren erschwert worden.

Der Landesteil Xinjiang ist seit mehr als 100 Tagen im Lockdown. Wie in anderen Regionen Chinas dürfen die Menschen teils ihre Wohnungen und Häuser nicht verlassen.

Mit Informationen von Eva Lamby-Schmitt, ARD-Studio Shanghai

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. November 2022 um 09:00 Uhr.