Fußgänger in Peking | picture alliance/dpa/AP

Lockerungen in China Kaum vorbereitet auf die Corona-Welle

Stand: 19.12.2022 09:15 Uhr

Nach der Lockerung der Null-Covid-Politik dürfte sich Corona in China schnell ausbreiten. Eine Immunisierung gibt es kaum, die Impfquote bei älteren Menschen ist gering und das Gesundheitssystem schlecht vorbereitet.

Von Benjamin Eyssel, ARD-Studio Peking

Was sich seit Tagen schon in zahlreichen chinesischen Städten angedeutet hatte, ist nun fürs ganze Land offiziell. Auf einer Pressekonferenz gab die Nationale Gesundheitskommission die neuen Regeln bekannt: Ein Zehn-Punkte-Plan sieht zahlreiche Erleichterungen bei Lockdowns, Isolation, Quarantäne, Testpflicht und Reisen im Land vor.

Benjamin Eyssel ARD-Studio Peking

Für Infizierte mit leichten Verläufen soll es möglich sein, sich auch zu Hause zu isolieren. Bislang wurden Menschen nach einem positiven Test in Krankenhäuser oder zentrale Isolationseinrichtungen gebracht. Bei lokalen Ausbrüchen sollen künftig nicht mehr ganze Wohnviertel oder Bezirke abgeriegelt werden. Bürgerinnen und Bürger sind nicht mehr gezwungen, fast überall den Nachweis eines negativen Corona-Tests anhand von Corona-Apps auf dem Smartphone vorzuzeigen.

Die Entscheidung kommt für viele überraschend und wirkt nicht geplant. Doch die hochansteckende Omikron-Variante ließ sich mit den Maßnahmen kaum noch aufhalten, die Zahlen stiegen im ganzen Land. Nach fast drei Jahren strikter Null-Covid-Politik steckt außerdem die Wirtschaft tief in der Krise, und die Menschen sind genervt von den Maßnahmen, vor zwei Wochen gab es landesweit Proteste.

"Diese Politik ist chaotisch"

In Peking reagieren sie unterschiedlich auf die jüngsten Lockerungen: "Wir machen, was der Staat uns aufgetragen hat", sagt eine 71-jährige Frau. "Als Pekingerin bleibt mir nichts anderes übrig. Ich vertraue der Regierung." Ihr Mann und sie gingen jeden Tag vormittags spazieren, nach dem Abendessen noch einmal. "Wir haben keine psychische Belastung. Wir waschen unsere Hände und gurgeln mit Salzwasser, sobald wir nach Hause kommen. Wir haben gute Laune, keine Probleme."

Eine andere Frau Mitte 70 schimpft: "Diese Politik ist chaotisch." Sie sei gerade im Krankenhaus gewesen. "Es hieß, man bekommt dort Covid-Präventionsmedikamente, aber es gibt keine. Ich weiß nicht, was mit diesem sozialistischen Land passiert."

Ein 28-Jähriger sagt, die Änderungen seien "sehr gut". Man brauche nicht mehr immer für einen Test anzustehen. "Zuvor musste ich in meinem Wohnblock zwei Stunden für einen Test warten. Die Regierung hat uns gesagt, das Virus ist jetzt nicht mehr so tödlich. Ungefähr wie eine Grippe." Eigentlich mache er sich keine großen Sorgen. "Ein Freund von mir aus Shanghai war positiv, eine Woche war er im Quarantänelager und nahm Medikamente, dann war alles wieder gut."

Covid dürfte sich rasend schnell verbreiten

Es ist das Ende von Null-Covid, auch wenn die kommunistische Staats- und Parteiführung sowie die Staatsmedien es nicht so nennen. Der Begriff "Null-Covid" fällt gar nicht mehr. Stattdessen wird darauf verwiesen, dass die derzeit kursierenden Omikron-Subtypen deutlich mildere Verläufe verursachen als bisherige Varianten.

Doch sie sind auch hochansteckend, Covid dürfte sich jetzt in China rasend schnell verbreiten. Die offiziellen Zahlen spiegeln das noch nicht wider: Sie sanken zuletzt sogar, was sicher daran liegt, dass es keine Massentests mehr gibt. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen. Inzwischen gibt es viele Menschen in China, die jemanden kennen, der Covid hat. Das ist neu.

Für die meisten Chinesen war Corona in den vergangenen zweieinhalb Jahren nur wegen der strikten Maßnahmen präsent. Das Virus trifft also nun auf eine Bevölkerung, in der es so gut wie keine natürliche Immunität gibt.

Viele Impfskeptiker unter den Rentnern

Zwar hat China insgesamt eine hohe Impfquote, doch gerade Millionen ältere Menschen haben sich nicht ausreichend impfen lassen. Es gibt viele Impfskeptiker unter Chinas Rentnerinnen und Rentnern, dabei sind diese besonders vulnerabel. China versucht nun, mit einer Impfkampagne gegenzusteuern.

Zudem lasse bei vielen Geimpften der Impfschutz nach, warnt Ben Cowling, Epidemiologe an der Universität Hongkong. China müsse dringend mehr als drei Impfungen zulassen. "Es sollte eine Kampagne für Viertimpfungen geben und diese sollte jetzt beginnen", fordert er.

Auf der ganzen Welt verimpften Länder, die wie China inaktivierte Impfstoffe verwendeten, vier Dosen. Ebenso wie Länder, die andere Impfstoffe nutzten. "Besonders ältere Menschen und vulnerable Gruppen sollten alle sechs Monate eine Impfung bekommen", sagt Cowling. Bei Jüngeren sei das nicht so wichtig, aber bei Älteren und Menschen mit Vorerkrankungen könne die vierte Impfung "einen großen Unterschied machen, wenn die Infektionszahlen in den kommenden Monaten steigen".

Nur vier Intensivbetten pro 100.000 Einwohner

Ein Problem ist außerdem, dass das Gesundheitssystem nur unzureichend auf einen massiven Anstieg von Covid-Fällen vorbereitet ist. In der Volksrepublik gibt es nur etwa vier Intensivbetten pro hunderttausend Einwohner - in Deutschland sind es mehr als 30. Kritiker werfen der chinesischen Staats- und Parteiführung vor, die Zeit, in der es wenige Fälle gab, nicht genutzt zu haben, um gerade die ältere Bevölkerung ausreichend zu impfen.

Zudem sei Geld in Massentests und Quarantänezentren investiert worden anstatt ins Gesundheitssystem. Statt eines geplanten Exits aus Null-Covid, beispielsweise im vergangenen Frühjahr, komme es jetzt zu einem Hals-über-Kopf-Ausstieg mitten im Winter, wenn sich das Virus noch leichter verbreitet.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 08. Dezember 2022 um 09:50 Uhr.