Menschen stehen vor einem großen Videobildschirm in einem Einkaufszentrum. | dpa

Berichterstattung über die Ukraine Der Schlingerkurs von Chinas Medien

Stand: 07.03.2022 11:02 Uhr

Die Zensur hat die Vokabel "Invasion" für die Lage in der Ukraine verboten, die Bezeichnung "Krieg" kommt aber vor. China versucht sich in distanzierter Neutralität, die auch Widersprüche akzeptiert.

Von Eva Lamby-Schmitt, ARD-Studio Shanghai

Der Krieg in der Ukraine ist angekommen - das Wort fällt manchmal in den staatlich kontrollierten Medien in China. Meistens ist jedoch angelehnt an die russischen Staatsmedien von einer "Militäroperation" die Rede. Das Wort "Invasion" ist nicht erlaubt. Doch das Wort "Krieg" schleicht sich ein: In die Sozialen Medien, sogar in die offiziellen Staatsmedien und in die Alltagssprache auf der Straße.

Eva Lamby-Schmitt ARD-Studio Shanghai

"Ich habe großes Mitgefühl für die Menschen in der Ukraine", sagt eine 44-jährige Frau in Shanghai. "Lange Zeit dachten wir, dass Kriege sehr weit von uns entfernt sind. Das hat mich plötzlich traurig gemacht und auch erschreckt."

Das Bild über den Krieg wandelt sich

Nach mehr als einer Woche Krieg in der Ukraine hat sich das Bild auf den Straßen Shanghais gewandelt. Es scheint alles doch nicht mehr ganz so weit weg zu sein wie es noch bei einer früheren ARD-Umfrage kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine der Fall war. Die meisten sympathisieren mit Russland oder bleiben neutral.

Vor allem, dass Russland Sicherheitsbedenken habe, scheint für viele Menschen ein legitimer Grund für den russischen Angriff zu sein. "Ich glaube, dass Russland einen legitimen Grund hat", sagt ein Mann. Ein anderer möchte sich nicht für eine Seite entscheiden, der Krieg sei sehr weit weg von seinem Leben. Eine 28-Jährige meint, China solle besser neutral bleiben. "Das Beste, was wir tun können, ist, den verletzten Menschen in Russland und der Ukraine humanitäre Hilfe anzubieten", sagt sie.

Viele Menschen unterstützen die Ukraine

Der Krieg bewegt die Menschen auch in den sozialen Netzwerken in China, wenn auch nicht mehr so stark wie vergangene Woche. Xiong Peng ist Blogger in China und schreibt selbst über den Krieg in der Ukraine. Die Russland-Ukraine-Krise hat die Meinung der Community in den Sozialen Netzwerken gespalten. Obwohl der Mainstream Russland sehr unterstützt, gibt es auch viele Menschen, die die Ukraine unterstützen. "Sie sind vielleicht die schweigende Mehrheit", sagt Xiong Peng. "Ich kenne zum Beispiel einige Freunde, die innerhalb des Systems arbeiten oder in den entsprechenden Regierungsabteilungen tätig sind. Sie können ihre Einstellung zu diesem Thema nicht frei äußern."

Was aktuell in den Staatsmedien in China wichtig ist, ist der Nationale Volkskongress: das Scheinparlament, das jedes Jahr zusammen kommt. Der Krieg in der Ukraine spielt eine untergeordnete Rolle. Was in den wenigen Nachrichten darüber überwiegt, sind Meldungen, die häufig von russischen Propagandamedien eins-zu-eins übernommen werden, ohne die Gegenseite darzustellen. Die Bilder von Friedensdemos in aller Welt bekommen die Menschen in China nicht zu sehen.

China will Russland als Partner nicht verlieren

In offiziellen Statements versucht die chinesische Staats- und Parteiführung nach außen hin, ein möglichst neutrales Bild zu wahren. China positioniert sich nicht eindeutig und die Thesen sind widersprüchlich. Einerseits gesteht China Russland zu, die vermeintlichen Sicherheitsbedenken und die Bedrohung durch Osterweiterung der NATO seien real. Andererseits betont China immer wieder, souveräne Staaten wie die Ukraine zu respektieren. Manche Beobachter sprechen bei dieser Haltung von einer pro-russischen Neutralität.

Russland ist für China ein strategischer Partner, den die Volksrepublik nicht verlieren will. Gleichzeitig hat China wirtschaftliche Interessen und starke Handelsbeziehungen in die USA und nach Europa, die für China unentbehrlich sind. Im UN-Sicherheitsrat und in der UN-Vollversammlung enthielt China sich.

Pro-ukrainische Stimmen in den sozialen Netzwerken

In den sozialen Netzwerken wurden anfangs noch Witze gemacht über den Krieg. Diese wurden nun von staatlichen Zensoren gelöscht. Krieg sei eine ernstzunehmende Sache, hieß es in den chinesischen Staatsmedien.

Pro-ukrainische Stimmen wurden in der Debatte in den sozialen Netzwerken dagegen zugelassen. Ein Video, das noch immer abrufbar ist, zeigt zum Beispiel mehrere chinesische Internetnutzer, die sich für die Witze von anderen entschuldigen: "Liebe ukrainische Freunde. Ich möchte mich für einige der unfreundlichen Äußerungen entschuldigen, die Sie in diesen Tagen in den chinesischen sozialen Medien finden können. Es tut uns leid. Diese Meinungen sind kein Mainstream in den chinesischen Medien. Wir fühlen mit unseren ukrainischen Brüdern und Schwestern, die derzeit unter dem Krieg leiden."

Medien zeigen Bilder aus dem Krieg

Auch wenn teilweise Kriegsbilder mittlerweile in den chinesischen Staatsmedien gezeigt werden - zum Beispiel Bilder von Angriffen auf zivile Wohnhäuser und von Geflüchteten, die in den Nachbarländern warmherzig empfangen werden - ist Blogger Xiong Peng vorsichtig, dem zu viel Bedeutung beizumessen. "Ich denke, aus der Sicht der staatlichen Medien gibt es derzeit keinen Wechsel von einer pro-russischen zu einer neutralen oder verständnisvolleren Haltung gegenüber der Ukraine. Vielleicht haben wir einige subtile Veränderungen gesehen, aber ich persönlich denke, dass diese Veränderungen nicht ausreichen, um die Ansicht zu stützen, dass sich ihre grundlegende Position geändert hat."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 07. März 2022 um 09:55 Uhr.