Blauer Himmel über Hochhäusern in Peking. | ARD-Studio Peking

Weniger Smog in Peking Blauer Himmel, gute Luft

Stand: 10.02.2022 08:34 Uhr

Jahrelang war in Chinas Großstädten die Luftverschmutzung so extrem, dass der Himmel oft kaum sichtbar war. Heute ist das anders: Durch strikte Regeln hat sich das Pekinger Smog-Problem beinahe in Luft aufgelöst.

Von Benjamin Eyssel, ARD-Studio Peking

In einem Pekinger Gemeindezentrum rollt Zou Yi ein riesiges Transparent aus. Darauf Tausende Fotos mit gleichem Bildausschnitt: Hochhäuser und viel Himmel. Der Hobbyfotograf hat sie selbst gemacht, jeden Morgen ein Foto von einer Fußgänger-Brücke, die über eine Stadtautobahn in der chinesischen Hauptstadt führt.

Benjamin Eyssel ARD-Studio Peking

Seit neun Jahren macht Zou Yi jeden Tag ein Foto. Sein Ziel war es, die sichtbare Luftverschmutzung in Peking zu dokumentieren. Als er damit 2013 anfing, waren die Luftwerte in Chinas Hauptstadt katastrophal.

Zou Yi hat die Luftverschmutzung in Peking jahrelang dokumentiert. | ARD-Studio Beijing

Zou Yi hat die Luftverschmutzung in Peking jahrelang dokumentiert. Bild: ARD-Studio Beijing

Bessere Luft- und Lebensqualität

"Als ich die Fotos ins Internet hochgeladen habe, fanden das viele Leute gut. Das hat mir natürlich gefallen", sagt Zou Yi. "Nach etwa einem Jahr berichteten viele Medien darüber, zum Beispiel CCTV und CNN. Mit dieser Methode sehen wir den Unterschied. Wir nutzen die Fotos, um zu vergleichen und zu analysieren. Das ist ein neuer Blickwinkel auf die Luftverschmutzung."

Was sofort auffällt: Am Anfang der Serie von mehr als dreitausend Fotos überwiegen grau und braun als Farbe. Jahr für Jahr ist mehr blau auf den Bildern zu sehen. Im vergangenen Jahr überwiegt die Farbe blau sogar deutlich. Die Luftqualität in Peking hat sich in den vergangenen Jahren sichtbar verbessert und damit auch die Lebensqualität.

Zou Yi macht ein Foto von dem blauen Himmel in Peking. | picture alliance/AP Photo

Zou Yi macht ein Foto von dem blauen Himmel in Peking. Bild: picture alliance/AP Photo

"Smog sieht man ganz selten inzwischen"

"Jetzt gibt es viel weniger Luftverschmutzung als früher", sagt ein 26 Jahre alter Passant. "Smog sieht man ganz selten inzwischen. Als ich vor sechs Jahren nach Peking gezogen bin, gab es richtig viel Luftverschmutzung. In den vergangenen zwei Jahren habe ich fast keinen Smog mehr erlebt."

Eine 40 Jahre alte Pekingerin stimmt zu: "Die Luft ist jetzt sehr gut, es gibt wenig Smog. Im Winter sieht man immer blauen Himmel und weiße Wolken. Ich weiß gar nicht mehr, wie das in meiner Kindheit war, aber auf einmal war die Luft viele Jahre nicht gut, jetzt ist es viel besser."

US-Botschaft veröffentlichte Daten zur Luftqualität

Die Verbesserung der Luftqualität lässt sich messen. Den Stein ins Rollen gebracht hat die US-Botschaft in Peking. Mitarbeiter installierten wegen der katastrophalen Luftqualität im Jahr 2008 ein Messgerät auf dem Botschaftsgelände, das automatisch die Werte auf Twitter veröffentlichte. Mit erschreckenden Ergebnissen.

Der Druck auf die chinesische Regierung nahm immer weiter zu, auch von nicht-staatlichen Umweltorganisationen und Bürgern. Luftverschmutzung ist bis heute eines der wenigen Themen, zu denen sich Menschen in China bis zu einem gewissen Grad kritisch äußern können. Im Jahr 2013 hat China dann zum ersten Mal selbst Daten zur Luftqualität veröffentlicht, für alle zugänglich.

"Vom Jahr 2013 an realisierten die Menschen, dass es keine nebligen Tage sind, nichts natürliches, sondern Luftverschmutzung", sagt Ma Jun von der chinesischen Umweltschutzorganisation Institute of Public & Environmental Affairs (IPE). In der Folge habe die Regierung einen Plan zur Luftverbesserung im ganzen Land verabschiedet, Schwerindustrie und andere große Verschmutzer wurden aus Großstädten in weniger dicht besiedelte Gegenden umgesiedelt.

Ma Jun und seine Umweltorganisation haben eine App entwickelt, die die Daten zur Luftverschmutzung aufbereitet. | ARD-Studio Beijing

Ma Jun und seine Umweltorganisation haben eine App entwickelt, die die Daten zur Luftverschmutzung aufbereitet. Bild: ARD-Studio Beijing

Behörden bestrafen Umweltbeschmutzer

Die Regeln für Kraftwerke, Fabriken, Fahrzeuge und Baustellen wurden immer strenger. In immer mehr Städten durften Privathaushalte keine Kohle mehr verbrennen. Richtig Bewegung sei im Jahr 2014 in die Sache gekommen, so Ma Jun. Denn ab dann mussten die größten Luftverschmutzer im Land ihre eigenen Emissionen nicht nur messen, sondern auch stündlich im Internet veröffentlichen.

"Unsere Umweltschutzorganisation hat daraufhin eine App entwickelt, um den Menschen Zugang zu den Daten aus den unterschiedlichen Landesteilen zu ermöglichen", sagt Ma Jun. "Wir haben das grafisch aufbereitet: rot bedeutet einen Verstoß, blau bedeutet, die Regeln werden eingehalten. Und viele Nutzer haben dann begonnen, die Verstöße zu melden."

Die Behörden hätten Inspektoren losgeschickt, die Verschmutzer bestraft haben, die die Grenzwerte überschritten. Auch Betreiber, die ihre Messungen nicht regelmäßig veröffentlichten, müssten Strafen zahlen, so Ma Jun.

Bei der Feinstaub-Belastung ist noch Luft nach oben

Im vergangenen Jahr hat die chinesische Hauptstadt Peking zum ersten Mal die nationalen Grenzwerte unterschritten. 2021 lag die durchschnittliche Feinstaub-Belastung durch besonders gefährliche PM2,5-Partikel erstmals unter dem chinesischen Grenzwert von 35 Mikrogramm pro Kubikmeter. Zu den schlimmsten Zeiten war der Durchschnittswert rund drei Mal so hoch. Eine deutlich spürbare und sichtbare Verbesserung.

Dennoch weit entfernt von dem, was Gesundheitsexperten empfehlen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt maximal fünf Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, also ein Siebtel des chinesischen Grenzwerts.

Es sei also noch ein weiter Weg, sagt Lauri Myllyvirta vom Centre for Research on Energy and Clean Air in Finnland, der die Entwicklung in China seit Jahren verfolgt: "Bei den Werten, die wir momentan in Peking sehen, sind die Gesundheitsrisiken extrem. Das Risiko, eine tödliche chronische Erkrankung zu bekommen ist dutzendfach höher. Da muss auf jeden Fall noch mehr getan werden. Dennoch: Die Luftqualität hat sich deutlich verbessert und wir sehen, dass das machbar ist."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 10. Februar 2022 um 07:49 Uhr.