Ein Mann steckt in Shanghai seinen Kopf durch eine Absperrung. | EPA
Reportage

Coronavirus in China Shanghais Sorge vor neuem Lockdown

Stand: 14.07.2022 07:02 Uhr

In Chinas Wirtschaftsmetropole Shanghai wächst die Sorge vor neuen Corona-Beschränkungen. Kleinere Infektionsausbrüche machen den Behörden zu schaffen. Die Unsicherheit hat auch Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking, zzt. Berlin

Shanghai leidet gerade unter einer Hitzewelle. Temperaturen um die 40 Grad machen vielen Menschen zu schaffen. Aber auch die Unsicherheit wegen der Corona-Lage zehrt an den Nerven. Jeden Tag werden neue Infektionen gemeldet. Meist liegen sie nur im zweistelligen Bereich. Doch die Nerven liegen blank.

Ruth Kirchner ARD-Studio Peking

"Die Covid-Lage hat sich im Juli wieder deutlich verschlechtert", sagt ein 35-Jähriger, der seinen Namen nicht nennen möchte. "Alle haben panische Angst, dass es einen neuen Lockdown geben könnte."

Bezirke rufen zum Anschaffen von Vorräten auf

Der harte Lockdown in Shanghai im April und Mai, als die Menschen wochenlang ihre Wohnungen nicht verlassen durften, hat tiefe Spuren hinterlassen. Als diese Woche in drei Stadtbezirken die Menschen aufgefordert wurden, Lebensmittel-Vorräte für 14 Tage anzulegen, kursierten sofort Gerüchte über einen bevorstehenden neuen Lockdown. Die Stadtregierung wiegelt ab, aber viele Menschen sind misstrauisch.

"Das Vertrauen in unsere Regierung ist zerstört", sagt eine 28-jährige Angestellte. "Nach all den Lügen, die man uns beim letzten Mal erzählt ​hat, ist es normal, dass die Leute jetzt paranoid reagieren, selbst wenn die Regierung versucht, Gerüchte auszuräumen."

Die Behörden gehen weiterhin gegen jeden noch so kleinen Corona-Ausbruch vor. Seit Dienstag läuft in Shanghai eine neue verpflichtende Testrunde. An den Teststationen sitzen die Mitarbeiter in weißen Schutzanzügen in der Bruthitze. Eisblöcke auf dem Boden sollen für etwas Kühlung sorgen. Über 200 Gebäude in Shanghai waren diese Woche wegen Corona abgeriegelt.

Zweifel an der strikten Null-Covid-Politik

​In Medienberichten heißt es, die Behörden würden auch zentrale ​Isolations-Einrichtungen wieder öffnen. In China werden alle, die sich mit Corona infiziert haben, zwangsweise in Krankenhäusern oder staatlichen Einrichtungen untergebracht. Doch in der Bevölkerung mehren sich die Zweifel an der strikten Null-Covid-Politik.

Das Virus ist vermutlich längst nicht mehr so gefährlich wie am Anfang. Die strikten Präventionsmaßnahmen richten jetzt oft viel größere Schäden an. Ich glaube, wir brauchen ein Umdenken und eine Korrektur.

Aber während der Rest der Welt versucht, mit dem Virus zu leben, zeichnet sich in China keine Kursänderung ab. Die wirtschaftlichen Folgen sind überall spürbar.

Wirtschaftlicher Ausblick getrübt

Gerade Kleinunternehmer, die ihre Geschäfte mal schließen müssen, dann wieder öffnen dürfen, bis zu den nächsten Restriktionen, wissen oft nicht mehr, wie sie über die Runden kommen sollen. Arbeiter aus ländlichen Regionen Chinas, die in Metropolen wie Shanghai im Niedriglohnsektor arbeiten, haben oft keine soziale Absicherung.

Chinas Exporte zogen zwar im Juni erstaunlich stark an, aber der wirtschaftliche Ausblick ist nicht so rosig: "Derzeit sind die Pandemie und das internationale Umfeld noch ernster und komplexer", sagt der Sprecher der Zollbehörde, Li Kuiwen. Es gebe Instabilität und Unsicherheit - der Druck sei groß.

Mit Spannung werden die Wirtschaftszahlen für das zweite Quartal erwartet. Analysten rechnen mit einem Wachstum, das weit hinter dem Jahresziel der Regierung von 5,5 Prozent zurückbleiben dürfte. Die Laune in Shanghai dürfte das nicht gerade heben.

Die 28-jährige Angestellte etwa hat die Stadt erst einmal verlassen - nicht wegen der Hitze, sondern wegen der miesen Stimmung und aus Angst vor einem neuen Lockdown.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Juli 2022 um 05:51 Uhr.