Polizisten befragen eine Journalisten in Peking, als vor einem Spionage-Prozess gegen einen Australier Aufnahmen machen will. | AFP

Korrespondenten in China "Warum redet ihr alles schlecht?"

Stand: 12.08.2021 05:21 Uhr

Die Arbeitsbedingungen von Auslandskorrespondenten in China haben sich massiv verschlechtert. Freie Bewegung im Land und die ungehinderte Kontaktaufnahme mit Gesprächspartnern sind kaum noch möglich. Zuletzt kam es sogar zu Angriffen.

Von Astrid Freyeisen, ARD-Studio Peking, zurzeit München

Eine Straßenszene am Rande der Hochwasserkatastrophe in der chinesischen Provinz Henan: Ein Journalist ist für die Deutsche Welle unterwegs, inmitten von chinesischen Passanten, die er um Interviews bittet. Doch dazu kommt es nicht. Der Korrespondent wird beschimpft: "Warum redet Ihr alles schlecht?", wird der Korrespondent angefeindet. "Ich hasse Dich", sagt der Mann am Schluss des Videoclips.

Astrid Freyeisen

Die Szene wird im chinesischen Staatsfernsehen und in sozialen Medien immer wieder als Beleg gesendet, wie vermeintlich falsch und voreingenommen westliche Medien über China berichteten. Dem deutschen Korrespondenten wird vorgeworfen, er habe gelogen - weil er in seinem Bericht gesagt hatte, dass er die Transparenz im Umgang mit den Todeszahlen der Flutkatastrophe nicht für ausreichend hielt.

Die wütenden Passanten verwechselten den Deutschen aber mit Reportern von CNN oder BBC. Diese beiden stehen besonders im Kreuzfeuer. Die BBC, so behauptet das Video von Xinhua, verwende Graufilter, um Berichte besonders hoffnungslos aussehen zu lassen.

Unerwünschte Aufnahmen

Der Foreign Correspondents Club of China, inoffizielle Vertretung der Auslandskorrespondenten in der Volksrepublik, berichtet auf Twitter über etliche Vorfälle rund um die Flut. So schildert der Verein, wie Reporter verfolgt, angegriffen und gezwungen wurden, Filmaufnahmen zu löschen: "Besonders alarmierend ist, dass die kommunistische Jugendliga der Provinz Henan ihre 1,6 Millionen Follower auf der Website Weibo aufgerufen hat, den Aufenthaltsort des BBC-Reporter Robin Brant zu melden. Die Mitarbeiter von BBC, "L.A. Times" und anderen haben seither beleidigende Anrufe und Mitteilungen und sogar Todesdrohungen erhalten."

Reporter ohne Grenzen führt die Volksrepublik China in diesem Jahr weltweit unter 180 Ländern auf dem viertletzten Platz der Rangliste zur Pressefreiheit auf.

Eine Schmierenkampagne gegen China?

Im Video der Nachrichtenagentur Xinhua wird westlichen Medien eine Schmierenkampagne gegen China vorgeworfen. Absichtlich falsche Berichte sollten die Volksrepublik in ein schlechtes Licht rücken.

In einem Post auf der digitalen Plattform Weibo wird auch vor den chinesischen Mitarbeitern westlicher Korrespondenten gewarnt: "Diese chinesischen Mitarbeiter wurden speziell ausgewählt und haben ein striktes ideologisches Training erhalten. Sie bekommen von den westlichen Medienhäusern sogar beigebracht, wie sie Nachforschungen gegen die nationalen Sicherheitsbehörden anstellen."

Ein solches Training gibt es nicht. Und: Die chinesischen Mitarbeiter westlicher Medien sind nur zum Teil deren Angestellte, denn rein formell sind sie Angestellte einer chinesischen staatlichen Firma. Ohne bei dieser angemeldet zu sein, darf ein Chinese keinem Auslandskorrespondenten zuarbeiten.

Ein atmosphärischer Wechsel

Grundsätzlich wird die Berichterstattung aus der Volksrepublik immer schwieriger. Vor zehn Jahren war es problemlos möglich, Passanten auf der Straße zu allen möglichen Themen zu befragen. Tumulte wie der um den Berichterstatter der Deutschen Welle waren undenkbar, Freundlichkeit und Offenheit von Chinesen dagegen die Regel. Auch bei eher problematischen Fragen.

Zwar gab es wütende Reaktionen im Vorfeld der Olympischen Spiele von Peking 2008, als westliche Medien - unter anderem die Berliner Morgenpost - versehentlich ein falsches Bild gedruckt hatten. Aber dieser Vorfall blieb die Ausnahme.

In der Chinesischen Stadt Yangzhou werden Hochwasseropfer mit Rettungsbooten in Sicherheit gebracht. | AFP

Bitte nur die richtigen Bilder: Schon bei der Berichterstattung über Naturkatastrophen reagieren Chinas Behörden höchst empfindlich. Bild: AFP

Willkommen, aber ...

Heute scheint das anders zu sein: Auch zwei Wochen nach der Flut in Henan tauchen auf millionenfach geklickten chinesischen Internetseiten immer wieder dieselben Vorwürfe auf. Die Nachrichtenagentur Xinhua beendet ihren aktuellen Post mit der Frage an Passanten: "Was erwartet Ihr von ausländischen Medien in China?" Ein junger Mann antwortet: "Wir heißen ausländische Medien bei uns willkommen. Aber wir erwarten, dass ihre Berichte objektiver, wahrheitsgemäßer und ausgewogen sind."

Auf den wachsenden Druck auf ausländische Medien angesprochen, sagte der Sprecher des Außenministeriums Zhao Lijian, es gebe immer Gründe für Liebe oder Hass.

Zeichen einer anderen Haltung sind derzeit selten. Aber es gibt sie. So berichtet die Hongkonger Zeitung "South China Morning Post" über Zhao Qizheng, einem früheren Sprecher des chinesischen Staatsrats und zitiert ihn so: "Wir brauchen mehr Austausch mit ausländischen Medien wie dem 'Wall Street Journal' und der 'New York Times'. Wir dürfen ihnen gegenüber nicht unfreundlich sein, weil sie uns kritisiert haben. Die Berichte von wichtigen ausländischen Medien sind sehr wichtig. Wir müssen sie ernst nehmen."

Der Appell zur Mäßigung wurde von der Volkszeitung verbreitet, dem Organ der kommunistischen Partei.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. August 2021 um 15:57 Uhr in der Sendung "@mediasres".