Ein Radfahrer auf dem festlich dekorierten Tiananmen-Platz in Peking | EPA
Reportage

100 Jahre KP in China Jubelstimmung statt Aufarbeitung

Stand: 01.07.2021 04:47 Uhr

100 Jahre nach der Gründung feiert Chinas Kommunistische Partei sich selbst: Überall werden rote Fahnen gehisst, Hammer und Sichel dekoriert. Kritik am totalitären Staatsapparat und dunkle Geschichtskapitel blendet die KP aus.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Demonstrativ legte Staats- und Parteichef Xi Jinping den Treueeid der Kommunistischen Partei Chinas Mitte Juni ein weiteres Mal ab - gemeinsam mit etwa 50 Führungskadern der KP in einem Geschichtsmuseum in Peking. "Ich werde der Partei treu sein, lebenslang für den Kommunismus kämpfen, ich werde jederzeit bereit sein, alles für die Partei und das Volk zu opfern und ich werde die Partei niemals verraten", riefen er und die ganz überwiegend männlichen Führungskader, stramm stehend und die rechte Hand zur Faust geballt in die Höhe gestreckt.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Der landesweit im Fernsehen und Online übertragene Treueeid der Staatsführung passt ins Bild: Die staatlich orchestrierte Partei-Propaganda hat in den vergangenen Wochen ein - selbst für chinesische Verhältnisse - bemerkenswertes Ausmaß angenommen. Überall in China wurden zum 100. Jahrestag der KP rote Fahnen gehisst, Hammer-und-Sichel-Logos aufgestellt und Gedenkausstellungen organisiert. Fernsehen, Zeitungen und Onlinemedien berichten ausführlich über die vermeintlich einzigartigen Errungenschaften der kommunistischen Einparteiendiktatur.

Eine Besuchergruppe im KP-Museum in Yan'an | Steffen Wurzel

100 Jahre nach der Gründung der Partei boomt der patriotische Tourismus: Eine Besuchergruppe im KP-Museum in Yan'an. Bild: Steffen Wurzel

Personenkult um Xi

Die Kommunistische Partei Chinas habe das chinesische Volk vereint und aus Hunger und Schwäche zu neuer Stärke geführt, sagt Feng Jianmei, Professorin an der KP-Führungskaderakademie im zentralchinesischen Yan’an. Worüber die KP und die vollständig von ihr kontrollierten Medien des Landes kein Wort verlieren, das sind die vielen Millionen Toten, die die Kommunistische Partei Chinas auf dem Gewissen hat.

Weder wird der mehr als 15 Millionen Toten der staatlich verursachten Hungersnot während des so genannten "Großen Sprungs nach Vorne" von 1959 bis 1961 gedacht, noch werden die staatliche Willkür und die von KP-Funktionären verübten Morde während der staatlichen Landreform von 1950 und der zehn Jahre dauernden Kulturrevolution von 1966 bis 1976 erwähnt. Genauso bleibt es tabu, an die wochenlangen friedlichen Studentenproteste von 1989 zu erinnern, die die von der kommunistischen Führung mit dem Tiananmen-Massaker am 4. Juni blutig niedergeschlagen wurden.

"Den Anfangsgeist nicht vergessen, die Mission im Kopf behalten" steht auf einem Wandplakat der chinesischen KP im beliebten Urlaubsort Sanya. | Steffen Wurzel

"Den Anfangsgeist nicht vergessen, die Mission im Kopf behalten" steht auf einem Wandplakat der chinesischen KP im beliebten Urlaubsort Sanya. Bild: Steffen Wurzel

Stattdessen: uneingeschränkte Jubelstimmung dieser Tage in China und ein weiter zunehmender Personenkult um Xi. Die Begrenzung der Amtszeit auf zehn Jahre hat der 68-Jährige abschaffen lassen. Er ist "der Kern" der KP, wie es im Jargon der Kommunistischen Partei und der staatlichen Medien in China heißt. In jedem Fall ist der der mächtigste Führer der KP und Chinas seit Mao Zedong, darüber sind sich Historiker einig.

Blumenschmuck zum 100. Geburtstag der Partei vor einem Shanghaier Einkaufszentrum. | Steffen Wurzel

Blumenschmuck zum 100. Geburtstag der Partei vor einem Shanghaier Einkaufszentrum. Bild: Steffen Wurzel

KP-Mitgliedschaft als Karrieretreiber

Eigentlich sei die Grundlage der Partei-Selbstverständigung nach Mao Zedongs Tod gewesen, dass nie wieder ein Individuum über der Partei stehen dürfe, sagt Historiker Daniel Leese von der Universität Freiburg im Breisgau. "Aber ganz offensichtlich waren die Fliehkräfte innerhalb der Partei so stark, dass er für sich keine andere Möglichkeit gesehen hat, als auf diesem Wege die Partei zusammenzuhalten."

Rund 91 Millionen Mitglieder hat die Kommunistische Partei Chinas nach eigenen Angaben. Eine Mitgliedschaft hilft bei der Karriere in Staatsunternehmen, aber auch in Privatunternehmen. Doch nur die Besten, Zuverlässigsten und Strebsamsten werden überhaupt zugelassen für das komplizierte Aufnahmeverfahren. Bis zu einer vollwertigen Mitgliedschaft können mehrere Jahre vergehen.

Gao Cong | Steffen Wurzel

Gao Cong aus Xi'an will es unbedingt in die Partei schaffen. Dazu strengt er sich mächtig an - und lobt die KP in den höchsten Tönen. Bild: Steffen Wurzel

Einer, der sich gerade im Aufnahmeprozess befindet, ist der 29-Jährige Gao Cong aus der zentralchinesischen Stadt Xi’an. "Bei uns im Nachbarschaftszentrum, in dem ich arbeite, wollen viele von uns jüngeren Leuten Parteimitglied werden", erzählt er. "Ich versuche also, noch besser zu sein als die anderen. In mein Motivationsschreiben lasse ich echte Gefühle einfließen. Ich versuche also, ein echter Partei-Enthusiast zu sein - ich bemühe mich um extra gute Leistung und um Anerkennung durch die Partei-Oberen."

Partei und Volk - untrennbar?

Kritik an der Kommunistischen Partei hört man in China natürlich auch, allerdings will sich kaum jemand offen äußern. Zu groß ist die Angst vor Bestrafung oder Jobverlust. Die beiden Argumente, die man von KP-Kritikerinnen und -Kritikern regelmäßig hört sind: China sei so reich und mächtig geworden nicht wegen, sondern trotz der Kommunistischen Partei. Und: Das Land China und das chinesische Volk seien nicht gleichzusetzen mit der KP.

Feng Jianmei | Steffen Wurzel

Feng Jianmei, Professorin an der KP-Führungskaderakademie im zentralchinesischen Yan’an. Bild: Steffen Wurzel

Die Professorin Feng Jianmei von der Kommunistischen Parteihochschule in Yan’an weißt das empört zurück. "Das Volk und die Geschichte haben es entschieden: Die Kommunistische Partei und das chinesische Volk sind untrennbar", sagt sie. "Wenn man glaubt, man könne das chinesische Volk und die Partei getrennt betrachten, dann heißt das, dass man absolut nichts versteht von China."

Auf Kritik an der kommunistischen Einparteiendiktatur und ihrer Politik reagiert die KP immer wieder mit dem Hinweis, man verstehe China nicht. Historiker Daniel Leese von der Universität Freiburg hält das für falsch: Vielmehr mache die Partei sich den Umstand bewusst zu Nutze, dass jegliche Parteikritik als Kritik am Staat und am Volk ausgelegt wird. "Damit ist man in einem Teufelskreis gefangen, in dem es keinen Grund mehr gibt, irgendwelche Alternativen zu denken - denn die Geschichte hat ihre Erfüllung gefunden."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Juli 2021 um 09:00 Uhr.