Rauchwolken steigen über dem Kohlekraftwerk in Hejin in der zentralchinesischen Provinz Shanxi auf. (Archivfoto vom 28.11. 2019) | AP

Steigender CO2-Ausstoß China, Kerry und die Kohle

Stand: 30.08.2021 10:17 Uhr

Im Pro-Kopf-Vergleich stößt China mehr Kohlenstoffdioxid aus als die EU. Und noch immer werden neue Kohlekraftwerke genehmigt. Der US-Klimabeauftragte Kerry soll ein Umdenken befördern.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

24 neue Steinkohlekraftwerke hätten die Behörden in China seit Jahresbeginn genehmigt - zumindest gab das Greenpeace vergangene Woche bekannt. Die Gesamtleistung betrage mehr als fünf Gigawatt - fünfmal so viel wie das in Deutschland umstrittene Kohlegroßkraftwerk im nordrhein-westfälischen Datteln.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

In der Volksrepublik wird also weiter in die Kohle investiert. Zumindest aber habe sich das Tempo des Ausbaus von Kohlestrom in China in den vergangenen Monaten verlangsamt, erkennt die Umweltlobby-Organisation an.

Wind-, Solar- und Kohlekraft

Nirgendwo auf der Welt wird inzwischen so viel in neue Wind- und Solarstromanlagen investiert wie in China. Doch während sich die Zentralregierung in Peking dem Klimaschutz verpflichtet fühle, sei das Thema noch nicht in allen Provinzen angekommen, so Greenpeace-China-Mitarbeiterin Li Danqing.

"Einige Regionalregierungen, vor allem in kohlereichen Landesteilen, fühlen sich immer noch motiviert, in neue Kohleprojekte zu investieren," sagt Li Danqing. "Diese Regionalregierungen haben sich innerlich noch nicht vom Glauben an die Kohle verabschiedet, sie setzen weiter auf die Kohleindustrie."

Windkraftanlagen in der chinesischen Provinz Xinjiang | AFP

Auch in Windkraftanlagen wird kräftig investiert - so wie hier in der Provinz Xinjiang. Chinas Energiebedarf ist immens. Bild: AFP

Die Vorgaben kommen aus Peking

Der Eindruck, einzelne Regionalregierungen in China könnten in Sachen Klimaschutz machen, was sie wollen, täuscht allerdings. Denn in der Diktatur China hat die Kommunistische Partei uneingeschränkt das Sagen; sowohl auf zentralstaatlicher Ebene als auch in den 33 Landesteilen der Volksrepublik. Das gilt auch in Sachen Klimaschutz.

"Es ist an der Zeit, dass die Zentralregierung mehr Druck auf die Lokalregierungen aufbaut, damit diese ihre Einstellung zu Klimaschutz und Kohle ändern," fordert Yan Qin, Expertin für Chinas Klimapolitik beim Wirtschaftsanalyseunternehmen Refinitiv in Oslo. Vergangenes Jahr hatte Staats- und Parteichef Xi Jinping versprochen, die Volksrepublik bis 2060 zu einem klimaneutralen Land zu machen. Dies sei ein sehr anspruchsvolles Ziel, sagt die Analystin.

Pro Kopf stößt China inzwischen mehr Kohlenstoffdioxid aus als die EU. Anders als in Europa und den USA wird der CO2-Ausstoß in den nächsten Jahren auch weiter zunehmen. Erst gegen Ende des Jahrzehnts will China den Kohlenstoffdioxidausstoß reduzieren.

"Ein riesiges Potenzial für China"

"Was in den chinesischen Medien nicht allzu sehr diskutiert wird, ist die Tatsache, dass wir heute ganz andere Technologien haben als früher," sagt Klimaschutz-Analystin Yan Qin. "Die Kosten für Solar- und Windenergie, aber auch für Wasserstofftechnologien sind stark gesunken."

Die kohlenstoffarmen Optionen seien viel günstiger als noch vor zehn Jahren. "Es gibt also ein riesiges Potenzial für China, noch schneller aus den fossilen Brennstoffen auszusteigen", ist Yan überzeugt.

Greenpeace sieht China unter Zeitdruck

"Chinas Staatsführung hat festgelegt, ab wann der CO2-Ausstoß zurückgehen und ab wann die Kohlenstoffneutralität erreicht wird. Für die Volksrepublik bleibt nun nicht mehr viel Zeit," sagt Li Danqing vom Greenpeace-Büro in China. "Weil China später mit der Industrialisierung begonnen hat, als andere, bedeutet das, dass die Volksrepublik mehr Druck ausgesetzt ist und weniger Zeit hat als andere."

Kerry will China von der Kohle abbringen

Die Nachrichtenagentur Reuters und das "Wall Street Journal" berichten, dass in den nächsten Tagen der US-Klimabeauftragte John Kerry erneut nach China reisen wird, um die kommunistische Führung zu einem schnelleren Kohleausstieg zu bewegen. Möglich ist, dass Kerry die chinesische Führung dazu bringt, auf die Finanzierung von Kohlekraftwerke in anderen Staaten zu verzichten.

Bisher investiert China vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern Milliarden in Infrastrukturprojekte - unter anderem auch große Summen in Kohlekraftwerke. Laut "Wall Street Journal" finanzierte Chinas Staatsführung bereits im laufenden Jahr keine entsprechenden neuen Projekte mehr.

In China selbst spielt das Thema Klimaschutz bisher kaum eine Rolle - weder in der Gesellschaft, noch in den Medien oder im Alltag der Menschen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. August 2021 um 05:48 Uhr.