Frauen schauen sich Computer an | picture alliance/dpa

China Gewalt gegen Frauen - ein Tabuthema

Stand: 19.03.2021 14:43 Uhr

Etwa alle sieben Sekunden wird in China eine Frau von ihrem Ehemann oder Partner geschlagen. Häusliche Gewalt ist weit verbreitet - aber ein Tabuthema. Ein Popsong sorgt jetzt für eine breite Diskussion.

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking, zurzeit Berlin

Als Popstar Tan Weiwei vor drei Monaten ihre Single "Xiao Juan" herausbrachte, was das ein Schock. Chinesische Popsongs greifen selten gesellschaftliche Probleme auf, aber "Xiao Juan" beleuchtet ein Thema, das in China gerne unter den Teppich gekehrt wird: Gewalt gegen Frauen. Tan beschreibt reale Fälle: Frauen, die von ihren Männern geschlagen, misshandelt oder grausam ermordet wurden.

Ruth Kirchner ARD-Studio Peking

Popsong löst breite Diskussion aus

In China traf der Song einen Nerv und löste im Internet heftige Diskussionen aus. Hashtags dazu wurden über 340 Millionen Mal aufgerufen. "In dem Lied geht es um Strafen und Gewalt, die Frauen aller Altersstufen wahrscheinlich schon mal erlebt haben", erklärt Texterin Yin Yue den Erfolg des Songs in einem Interview.

Die Zahlen sind erschreckend: Alle sieben Sekunden wird nach Angaben des chinesischen Frauenverbands eine Frau von ihrem Partner geschlagen. Etwa jede vierte, vielleicht sogar jede dritte chinesische Frau erlebt häusliche Gewalt. Die staatlich kontrollierten Medien berichten selten darüber. Opfer melden sich verstärkt in den sozialen Medien zu Wort.

Berichte im Internet

Wie die Beauty-Bloggerin, die unter dem Namen Yuya Mika bekannt ist und im Netz ein Video postete, das zeigt, wie ihr Freund sie misshandelte. Schockierend auch der Fall einer jungen Tibeterin, ebenfalls ein Star im Internet, die im vergangenen Herbst vor laufender Kamera von ihrem Ex-Mann angegriffen wurde. Er soll sie dann mit Benzin übergossen und angezündet haben; sie starb an ihren schweren Verbrennungen.

Vor wenigen Wochen war es Ma Jinyu, eine frühere Journalistin, die online berichtete, wie sie und ihre Kinder jahrelang  von ihrem Mann misshandelt wurden: "Er hatte mir mit der Faust bereits aufs Auge geschlagen, dann schlug er weiter auf meinen Kopf ein, ich war völlig benommen."

Gesetz zum Schutz von Frauen hilft kaum

Seit genau fünf Jahren gibt es in China ein Gesetz, dass Frauen schützen soll. Doch Frauengruppen kritisierten, es werde nicht richtig umgesetzt: "Häusliche Gewalt ist weit verbreitet," sagt Xiatian von der Pekinger NGO Wei Ping. Sie spricht nur unter Pseudonym mit der ARD, aus Angst vor Repressalien der Behörden. "Mehr und mehr Frauen kennen zwar ihre Rechte", sagt sie, "aber auf vielen Ebenen ist der rechtliche Schutz noch nicht umgesetzt worden."

Polizei unternimmt häufig nichts

Gewalt in den eigenen vier Wänden wird weiter oft als "Familienangelegenheit" abgetan, die Polizei nehme Anrufe von Frauen oft nicht ernst.  "Vor allem Polizisten und Richter müssten besser ausgebildet werden und lernen, das Gesetz auch anzuwenden", sagt Xiatian, "damit Opfern schneller geholfen werden kann".

Manchmal müssen betroffene Frauen die Behörden erst darauf hinweisen, welche Maßnahmen diese ergreifen können - Kontaktverbote etwa für gewalttätige Ex-Ehemänner und Partner. Im letzten Jahr wurden in ganz China nur etwa 2100 solcher Schutzanordnungen für Frauen erlassen. Das sei immer noch viel zu wenig, sagen Aktivistinnen. Beauty-Bloggerin Yuya Mika ruft in ihrem Video  Frauen auch dazu auf, nicht länger zu schweigen. "Häusliche Gewalt geht weiter. Redet darüber - um weitere Opfer zu verhindern."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. März 2021 um 05:48 Uhr.