In Shanghai inhaliert eine Frau die chinesische Covid-Impfung des Unternehmens Cansino. | AP

Corona in China Ist der Impfnebel die Lösung?

Stand: 01.12.2022 11:04 Uhr

China befindet sich in der größten Coronawelle seit Beginn der Pandemie. Die Wut der Menschen auf die strikten Maßnahmen steigt. Noch traut sich Peking nicht, zu lockern - zu wenige Senioren sind vollständig geimpft. Bringt ein Booster zum Inhalieren die Wende?

Von Benjamin Eyssel, ARD-Studio Peking

Ein Impfstoff zum Einatmen - das chinesische Staatsfernsehen preist das neue Vakzin an. Demnach handelt es sich um eine Aerosol-Variante eines ursprünglich per Spritze verabreichten Corona-Impfstoffs des chinesischen Unternehmens Cansino. Seit September ist der Impfstoff verfügbar. Damit ist China das erste Land der Welt, das ein Covid-19-Vakzin zum Einatmen zugelassen hat.

Benjamin Eyssel ARD-Studio Peking

In der Hauptstadt Peking ist es nach Recherchen des ARD-Studios allerdings nicht so einfach, einen Impftermin dafür zu bekommen. Der Corona-Impfstoff zum Einatmen ist nur in wenigen Einrichtungen an bestimmten Tagen verfügbar.

Einatmen und den Atem fünf Sekunden halten

Im Jianwai-Gesundheitszentrum im Pekinger Bezirk Chaoyang wird das Vakzin zum Einatmen jeden Dienstagnachmittag verimpft. Man muss sich vorher dafür anmelden, Besucher und Medien dürfen nicht rein. Ausländer können den Impfstoff nicht bekommen, erklärt ein Mitarbeiter.

Aus dem Gesundheitszentrum kommt eine 80-jährige Frau. Sie hat sich gerade einen Booster geholt. "Es handelt sich um einen Nebel zum Inhalieren", erzählt sie. "Man braucht sich nicht auszuziehen, das ist schon sehr bequem. Sie haben das ganze vorbereitet, dann habe ich ausgeatmet, die Impfung eingeatmet und den Atem fünf Sekunden angehalten. Dann war es schon vorbei."

In Shanghai inhaliert ein Mann die chinesische Covid-Impfung des Unternehmens Cansino. | AP

Tief einatmen: In Shanghai inhaliert ein Mann die chinesische Covid-Impfung des Unternehmens Cansino. Bild: AP

Niedrige Impfquote bei Älteren

Das Corona-Vakzin zum Inhalieren könnte eine Möglichkeit sein, die niedrige Impfquote bei den älteren Menschen in China zu erhöhen. Millionen über 80-Jährige sind bisher nicht ausreichend geschützt. Das ist ein großes Problem, denn sollte das Virus trotz der strikten Null-Covid-Politik in China außer Kontrolle geraten, wären die alten Menschen besonders gefährdet.

Impfungen durch Inhalation könnten auch Menschen überzeugen, die Angst vor einer Injektion haben. Bei einer größeren Auswahl an Impfstoffen ließen sich generell mehr Menschen impfen, meint Ben Cowling, Epidemiologe von der Universität Hongkong. "Vielleicht gibt es einige Leute, die keine Spritze wollen."

Er habe bislang keine Daten darüber gesehen, wie gut der Impfstoff wirkt, "aber er wird schon ganz gut sein, er wird ja schließlich verwendet", so der Epidemiologe. Es sei wichtig, dass es mehr Impfmöglichkeiten gibt - auch für Menschen, die im vergangenen Jahr noch nicht mit den anderen Vakzinen geimpft wurden. Die Inhalationsimpfung sei besser, als ungeimpft zu bleiben.

Experten: China soll Kreuzimpfungen zulassen

Der Impfnebel stärkt laut chinesischen Angaben die Virusabwehr direkt in Mund und Rachen. Außerdem würden die Tröpfchen weiter in den Körper wandern. Bislang ist das Vakzin nur als Auffrischungsimpfung für Erwachsene zugelassen, erklärt Shi Rujing von der Gesundheitsbehörde des Pekinger Bezirks Haidian im chinesischen Staatsfernsehen.

Die Inhalationsimpfung könne maximal als dritte Dosis der bisher in der Volksrepublik genutzten chinesischen Impfstoffe verwendet werden. Aktuell verabreichen chinesische Mediziner ohnehin nicht mehr als drei Dosen. Wer seine Grundimmunisierung mit mRNA-Impfstoffen im Ausland erhalten hat, könne den Booster zum Inhalieren nicht bekommen.

Pandemieexperten im Ausland fordern seit langem, dass China auch mRNA-Impfstoffe und sogenannte Kreuzimpfungen zulässt. Außerdem wäre die Zulassung eines zweiten Boosters der heimischen Impfstoffe wichtig, um die Immunität in der Bevölkerung zu erhöhen - gerade jetzt, inmitten der größten Corona-Welle in China seit Beginn der Pandemie.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 01. Dezember 2022 um 10:21 Uhr.