Eine Frau mit Regenschirm und Maske in Wuhan. | AP

Zwei Jahre nach erstem Lockdown China zwischen Null-Covid und Omikron

Stand: 24.01.2022 10:05 Uhr

Während Omikron die Null-Covid-Strategie Chinas herausfordert, ist in Wuhan, wo alles vor zwei Jahren begann, kaum noch etwas von der Krise zu spüren. Dort feiert man den Erfolg sogar mit einem Kinofilm.

Von Eva Lamby-Schmitt, ARD-Studio Shanghai

In Wuhan ist kaum noch etwas zu spüren von der Corona-Krise. Dort bleibt die Erinnerung an den Lockdown vor zwei Jahren und kollektiver Stolz, das Virus verbannt zu haben. Und die Geschichte von Wuhan gibt es in China jetzt auch als Kinofilm. Zwei Jahre nachdem alles begann - nach dem ersten Ausbruch und dem ersten Lockdown in Wuhan. Nun sitzen hier etwa 20 Menschen in einem großen Kinosaal in der Millionen-Metropole in der Provinz Hubei vor einer Leinwand. Es ist ein Heldenepos über die Freiwilligen, die damals geholfen haben. Über diejenigen, die die Menschen im Lockdown und die Ärzte mit Lebensmitteln und Schutzausrüstung versorgt haben.

Eva Lamby-Schmitt ARD-Studio Shanghai

Yang Qian war selbst während des Lockdowns eine der Freiwilligen und hat den Film gesehen. Sie ist stolz auf Wuhan. Und doch erinnert sie sich an die Unsicherheit in der Zeit des Lockdowns. Sie erinnert sich, wie sie eine Mutter und ein Kind mit Covid-Symptomen auf dem Fahrrad ins Krankenhaus gebracht hat. Als sie ankamen, hingen handgeschriebene Zettel an der Eingangstür, keiner der Ärzte oder Krankenschwestern war ansprechbar, alle hatten zu tun.

"Wir hatten Angst"

Sie sah Ärzte, die verzweifelt waren und weinten. "Die Ärzte haben zehn Tage lang versucht, einem Patienten das Leben zu retten, aber sie konnten ihn nicht wiederbeleben und er starb. Der eine Arzt fragte den anderen, was passiert sei, und er sagte, dass es ihm leid tue und er sein Bestes getan habe", erzählt sie.

Dieser Moment machte ihr Angst. Auch Angst, sich selbst angesteckt zu haben. Doch für sie ging alles gut. Jetzt verarbeitet die Künstlerin den Lockdown in ihren Gemälden und stellt sie in einer Galerie in Wuhan aus. Seit eineinhalb Jahren arbeitet sie akribisch an einem überlebensgroßen Stadtbild von Wuhan. Dabei malt sie alles in schwarzen Punkten auf weißer Leinwand.

Das Foto von Menschen in Schutzanzügen, die ein Blatt Papier an eine Scheibe halten, hängt an einer Wand. | Eva Lamby-Schmitt

Die Künstlerin Yang Qian verarbeitet den Lockdown in Wuhan in ihren Gemälden. Bild: Eva Lamby-Schmitt

"Ich werde oft gefragt gefragt, warum ich dieses Bild in Schwarz-Weiß und ohne Farbe male. Ganz einfach: Weil damals waren wir alle sehr einsam und isoliert und wir hatten Angst." Jeder Punkt symbolisiert ein Leben in Wuhan, sagt sie. Alle zusammen: Stärke und Solidarität.

Ein Bild der Stadtkarte von Wuhan, bestehend aus vielen kleinen, schwarzen Punkten.  | Eva Lamby-Schmitt

Ein Bild der Stadtkarte von Wuhan, bestehend aus vielen kleinen, schwarzen Punkten. Jeder Punkt symbolisiert ein Leben in Wuhan, sagt Künstlerin Yang Qian. Alle zusammen: Stärke und Solidarität. Bild: Eva Lamby-Schmitt

Wut und viele Fragen

Für Zhang Hai aus dem südchinesischen Shenzhen ging der Lockdown nicht gut aus. Stolz ist er nicht. Er ist wütend. Sein Vater war Mitte Januar 2020 für eine Operation nach Wuhan in der Provinz Hubei gereist. Er hatte sich zuvor das Bein gebrochen. Im Krankenhaus in Wuhan soll sich der Vater mit dem damals neuartigen Virus Covid-19 angesteckt haben und starb. Seitdem verklagt Zhang Hai die chinesischen Behörden, hat nach eigenen Angaben sogar einen Brief an Staatschef Xi Jinping geschrieben - ohne Erfolg.

"Warum haben die Regierungen der Stadt Wuhan und der Provinz Hubei den Vorfall nicht rechtzeitig öffentlich gemacht und alle gewarnt, vorsichtig zu sein? Diese Katastrophe ist von Menschen verursacht. So viele Menschen haben in Wuhan ihr wertvolles Leben verloren." Hätte er von dem Virus gewusst, wäre er mit seinem Vater nicht nach Wuhan gefahren.

Todeszahlen in Wuhan drastisch korrigiert

Die chinesische Stadt Wuhan erlebte nach dem Ausbruch von Covid-19 den ersten Lockdown Ende Januar 2020. Die meisten Corona-Toten in China stammen aus diesen ersten zweieinhalb Monaten der Pandemie.

Nach offiziellen Angaben zählt China seit Beginn der Pandemie 4636 Tote. Die meisten davon, fast 4000, verzeichnete das Land bis zum Ende des Lockdowns in Wuhan im April 2020. Ob die absoluten Zahlen stimmen, ist fraglich. Internationale Beobachter gehen davon aus, dass mehr Menschen gestorben sind. Zu Beginn der Pandemie hatten die chinesischen Behörden vieles vertuscht. Erst im Nachhinein hatte China die Todeszahlen in Wuhan schon einmal drastisch nach oben korrigiert.

Im Film überleben die Helden

Im Kinofilm über Wuhan überleben die Helden. Ganz nach dem Narrativ Chinas: Wuhan als Stadt der Helden. Das Virus sei besiegt. Doch die Virus-Varianten Delta und Omikron fordern aktuell die Null-Covid-Strategie Chinas heraus. Mehrere Millionenstädte sind ganz oder teilweise im Lockdown.

Zhang Hai kritisiert die harten Maßnahmen der chinesischen Regierung: "Das zeigt, dass sie nichts aus Wuhan gelernt haben, dass viele Menschen im Lockdown in der Stadt Xian nicht genug zu Essen hatten, dass eine hochschwangere Frau im Krankenhaus nicht behandelt wurde und dass auch andere Menschen nicht behandelt wurden und deshalb gestorben sind."

Olympische Spiele sollen in "Blase" stattfinden

Auch wenn die Zahlen landesweit seit dem jüngsten Ausbruch offiziell wieder runtergehen: Gerade in der Hauptstadt Peking sind die Behörden angespannt. In etwa eineinhalb Wochen beginnen die olympischen Winterspiele. Diese sollen abgeschirmt vom Rest des Landes in einer sogenannten Blase stattfinden. Doch das Internationale Olympische Kommittee hat nun bestätigt: 72 Menschen in der Blase sind bereits positiv getestet worden. In einem Stadtteil der Hauptstadt werden nun zwei Millionen Menschen auf das Virus getestet.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Januar 2022 um 07:47 Uhr.