Eine Frau mit Corona-Maske verbrennt Weihrauch und betet um Glück im Zifu-Tempel in Fuyang am ersten Tag des ersten Monats des chinesischen Mondkalenders. | dpa

Corona-Pandemie in China Mit Hoffnung in das neue Jahr

Stand: 25.01.2023 10:50 Uhr

In Hunan im Süden Chinas scheint die Corona-Welle abgeflaut zu sein - auch wenn verlässliche Infektionszahlen fehlen. Die Menschen blicken nach schwierigen Wochen mit Hoffnung auf das neue Jahr.

Von Eva Lamby-Schmitt, ARD Studio Shanghai, zzt. im chinesischen Landesteil Hunan

Ein Dorf mit etwas mehr als 2000 Einwohnerinnen und Einwohnern im Landesteil Hunan im Süden Chinas. Weiße Häuser mit dunkelblauen Dächern säumen sich an einem kleinen Waldstück entlang, davor grüne Felder, auf denen verschiedene Sorten Gemüse angebaut werden. Ein kleiner Bachlauf führt durch das Dorf. Hier und da laufen Hühner und Gänse frei herum. Auf dem Dorfplatz spielen Kinder. Die älteren Dorfbewohner sitzen auf kleinen Holzstühlen draußen vor einem Haus in der wärmenden Wintersonne.

Eva Lamby-Schmitt ARD-Studio Shanghai

Sie alle hatten bereits eine Corona-Infektion, sagen sie. Wie die meisten der Dorfbewohnerinnen und -bewohner bereits im Dezember. Sieben oder acht Menschen seien in diesem Dorf im Zusammenhang mit Covid gestorben, erzählen sie - das ist, was sich hier unter den Nachbarn herumspricht. Niemand aus ihren eigenen Familien sei gestorben, sie seien erleichtert.

Ein 85-jähriger Mann erzählt, er sei zwei Tage lang im Kreiskrankenhaus gewesen. Alle schwereren Fälle seien vom Dorfarzt dorthin verwiesen worden. Ihm gehe es wieder gut. Doch nicht alle wurden aufgenommen, erinnert sich eine 61-Jährige, die selbst ein Herzleiden hat und kein Bett bekommen habe. Es seien zu viele Patienten gewesen im Dezember.

Leere Intensivstationen nach der Dezember-Welle

Das Krankenhaus, von welchem die Dorfbewohner sprechen ist für den gesamten Landkreis zuständig. Die Fieberklinik, extra für Corona-Patienten, ist inzwischen aber wieder geschlossen. Die Flure des Krankenhauses sind leer, es ist fast nichts los in der Notaufnahme.

In einem der Patientenzimmer steht eine große blaue Sauerstoffflasche, unbenutzt. Das Bett ist leer. Mehrere Ärzte sitzen alleine ohne Patienten in ihren Untersuchungsräumen. Einer von ihnen ist Dr. Wang Min. "Als China im Dezember die Null-Covid-Politik beendet hat, hatten wir sehr viele Patienten. Aber nur wenige davon hatten schwere Symptome. Die meisten hatten einen milden Verlauf, manche hatten eine Bronchitis, wenige eine Lungenentzündung", schildert der Arzt:

Hier war sehr viel los. Deshalb habe ich weitergearbeitet, obwohl ich mich auch selbst angesteckt hatte. Meine Aufgabe war es, den Leuten zu helfen. Unsere Stationen waren voll, viele Patienten mussten auf den Korridoren untergebracht werden. Wir haben unser Bestes gegeben, um durch die Infektionswelle zu kommen.

Der Höhepunkt an Infektionen sei mittlerweile vorbei, sagt Dr. Wang Min weiter. Seit etwa zwei Wochen kämen kaum noch Covid-Patienten.

Auch im nächsten Krankenhaus, in einem anderen Landkreis weiter nördlich, ist die Situation ähnlich. Die Ärzte berichten von einer Zeit im Dezember, in der es nicht genügend Betten für Patienten gab. 80 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner der kleinen Stadt hätten sich in dieser Zeit infiziert, erzählt ein Arzt. Von etwa 20.000 Infizierten seien mehr als 100 gestorben, die meisten mehr als 80 Jahre alt mit Vorerkrankungen.

Offizielle Angaben zu Todesopfern wohl viel zu niedrig

Die chinesische Staats- und Parteiführung hat bis Mitte Januar knapp 60.000 Corona-Todesfälle gemeldet seit dem Ende der Null-Covid-Politik. In der vergangenen Woche kamen offiziell nochmal 12.600 Tote hinzu. Rechnet man allerdings allein die Angaben der Todesfälle aus den verschiedenen Dörfern in Relation ihrer Einwohnerzahl hoch, dann müsste die Zahl landesweit viel höher sein.

Auch der Epidemiologe Ben Cowling von der Universität Hongkong hält die offiziell gemeldeten Zahlen für viel zu niedrig. "Ich denke, es müsste in China etwa eine Milliarde Infektionen in diesem Winter geben, weil sich das Virus fast ungehindert verbreiten kann", sagt er. "Unter einer Milliarde Infektionen müsste es mehr schwere Verläufe und mehr Todesfälle geben, als wir es bisher gehört haben. Es müssten mindestens 600.000 Todesfälle sein."

Arzt dementiert Medikamentenmangel

Mit einem Taxi geht es weiter ins nächste Dorf. Der Fahrer Liu Zhiai lebt in der Hauptstadt des Landesteils Hunan - in Changsha mit etwa zehn Millionen Einwohnern. Die Infektionswelle in der Stadt und auf dem Land sei relativ zeitgleich gewesen, sagt er: "Wir leben in der Stadt und sind eng in Kontakt mit unseren Verwandten auf dem Land. Als die Infektionswelle im Dezember die Stadt traf und gefühlt alle infiziert waren, da haben wir in unserem Heimatdorf angerufen und alle dort hatten sich auch schon angesteckt."

Ein Stopp bei einem Dorfarzt, rund 50 Kilometer nordöstlich von Changsha: Seine Praxis besteht aus nur zwei kleinen Räumen - ein Untersuchungsraum und eine kleine Apotheke mit sowohl traditioneller chinesischer Medizin als auch allgemein anerkannter Schulmedizin. Auch hier ist es leer, keine Patienten. Seit mehr als 20 Jahren kümmert sich Chen Hao als Arzt um die mehr als 2000 Einwohnerinnen und Einwohner des Dorfes.

Er zeigt uns noch Tüten mit abgepackten Corona-Hilfspaketen von der Regierung, die er an Covid-Patienten ausgegeben hat. Darin sind Masken, ein Corona-Selbsttest und fiebersenkende Medikamente. Einen Mangel an Medikamenten habe es nicht gegeben, sagt Chen Hao. Schließlich gebe es noch die traditionelle chinesische Medizin. Er zeigt uns Trinkpäckchen mit einer gelben Flüssigkeit. Was genau drin ist, weiß er nicht, aber es helfe auch gegen Covid: "Man nimmt es drei, vier Tage lang und es wirkt. Es kann Fieber senken."

Um den 20. Dezember hat Chen Hua die meisten Patienten mit Corona versorgt, erzählt er. Mit seinem Sauerstoffmessgerät hat er Hausbesuche gemacht und schwere Corona-Fälle ins Krankenhaus geschickt. Fünf oder sechs Menschen aus dem Dorf seien dort gestorben. Auch ein Kollege von ihm, ein Arzt aus einem anderen Dorf, habe es nicht geschafft, erzählt Chen Hua bedrückt. Er sei an Krebs vorerkrankt gewesen.

Hoffnung für das neue Jahr

Die Fahrt führt durch eine kleine Einkaufsstraße mit Geschäften. Am Straßenrand werden gegrillte Spieße mit Fleisch und Gemüse verkauft. Aus den umliegenden Dörfern kommen die Menschen hierher, um einzukaufen. Im Vergleich zu den leeren Krankenhausfluren und Arztpraxen ist es hier belebt. Die meisten der Angesprochenen waren bereits infiziert. Sie blicken nicht zurück, sondern blicken nach vorn - auf das neue Jahr. "Ich bin froh, dass jetzt Chinesisches Neujahr ist und dass meine Kinder nach Hause gekommen sind, um mit mir zusammen zu feiern", sagt eine Frau. Und andere Einwohnerin berichtet:

Bei uns ist alles normal. Ich hatte nur milde Symptome, manche aus meiner Familie hatten es schlimmer. Einige ältere Menschen in meinem Dorf sind gestorben. Aber die Öffnung Chinas musste kommen. Die Wirtschaft war zu stark belastet. Ich hoffe, wieder mehr Geld zu verdienen im neuen Jahr.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Januar 2023 um 23:41 Uhr.