Kernkraftwerksblock Nr. 5 in der Stadt Fuqing in der südostchinesischen Provinz Fujian | picture alliance / Xinhua News A

Neues Atomkraftwerk Kaum Kritik am "Chinesischen Drachen"

Stand: 22.03.2021 09:21 Uhr

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hat in vielen Ländern zum Atomausstieg geführt. Nicht so in China. Das Land brachte gerade eines seiner modernsten AKW ans Netz. Kritik ist kaum zu hören.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Auf der kleinen Halbinsel in der Nähe der südchinesischen Stadt Fuqing trifft top-moderne Spitzentechnologie auf das sehr einfache, dörfliche Alltagsleben der Anwohner: Direkt an den meterhohen Stacheldraht-Zaun, der Chinas modernstes Atomkraftwerk schützt, grenzt ein matschiger Feldweg. Gänse und Hühner laufen durch die Gegend. Zwei Ferkel springen durch den Matsch.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Etwas entfernt steht ein baufälliger Schuppen, an dem ein schwarzer Schäferhund angekettet ist. Ansonsten gibt es ringsherum Felder, einige Hundert Meter entfernt liegt das Meer. Im Hintergrund drehen sich riesige Windkrafträder. Auf der anderen Seite des Zauns steht das Atomkraftwerk Fuqing. Für die meisten Menschen in der Region steht es für wirtschaftlichen Aufschwung, gut bezahlte Arbeitsplätze und die Aussicht auf Wohlstand. Sorgen um die Sicherheit der Anlage macht sich hier fast niemand.

Die Umgebung des AKWs |

Baufällige Schuppen, heruntergekommene Geflügelställe, das alltägliche Dorfleben...

Der Eingang zum AKW Fuqing |

...und ein top-modernes AKW liegen in Fuqing nah beieinander.

Neue Jobs im Atomkraftwerk

"Atomenergie, das ist die zuverslässigste Stromquelle überhaupt", findet Li Yinquan, der auf dem Feldweg neben dem Kraftwerksgelände mit zwei kleinen Hunden Gassi geht. "So ein Atomkraftwerk ist zwar eine teure Investition, aber es hat eben auch einen großen Nutzen - für die ganze Nation." Li ist Rentner. Seine Tochter arbeite im Kraftwerk in der Verwaltung, sagt der 63-Jährige stolz. Angst vor einem möglichen Reaktorunglück habe er nicht: "Ich wohne ja hier und die Experten aus dem Kraftwerk sagen mir alle: Ein Unglück ist ausgeschlossen."

Statistisch gesehen spielt die fast CO2-freie Atomenergie in China bisher keine große Rolle. Immer noch sorgen Kohlekraftwerke für mehr als 60 Prozent des Stroms. Der Anteil des Atomstroms liegt in China bei gerade einmal fünf Prozent. Zum Vergleich: In den USA sind es rund 20 Prozent und selbst in Deutschland, wo Ende nächsten Jahres die letzten AKW abgeschaltet werden, wurde vergangenes Jahr immerhin noch zwölf Prozent des Stroms nuklear erzeugt.

Doch der Trend sei klar, die Volksrepublik werde die Atomenergie in den nächsten Jahren kräftig ausbauen, sagt Lin Boqiang. Er ist Professor für Energiewirtschaft an der Universität der südchinesischen Küstenstadt Xiamen. "Wenn der Moment kommt, an dem es mit dem Kampf gegen die CO2-Emissionen wirklich ernst wird, dann müssen wir uns alle die Frage stellen: Was ist die größere Gefahr für die Menschheit - die Atomenergie oder die Folgen des Klimawandels?"

Fehlende verlässliche Alternative

Für sich selbst hat Lin die Frage schon geklärt. Atomenergie sei auf lange Sicht unverzichtbar, sagt der Wissenschaftler. Das gelte vor allem für große Staaten mit starker Wirtschaft. Dass Deutschland vor zehn Jahren aus der Kernenergie ausgestiegen sei, respektiere er. Das Ganze funktioniere aber nur, weil Deutschland am europäischen Netz hänge und so die Schwankungen beim Sonnen- und Windstromerzeugung durch Stromimporte abfedern könne.

"Viele Länder steigen aus der Atomenergie aus. Die Voraussetzung dafür ist, dass sie verlässliche Alternativen haben." China habe davon nicht besonders viele. "Zur Zeit sorgen Wind- und Solarenergie bei uns für mehr als 20 Prozent der zur Verfügung stehenden Stromleistung. Das gilt aber nur auf dem Papier. Der tatsächliche Anteil von Wind und Sonne an der Stromproduktion in China liegt bei weniger als neun Prozent. Denn Wind und Sonne sind nicht immer verfügbar." Atomenergie hingegen sei immer verfügbar - und dadurch effizienter, so Lin Boqiang.

Kaum Hinweise auf mögliche Gefahren

Über mögliche Gefahren der Atomkraft wird in den chinesischen Medien und in der Öffentlichkeit kaum gesprochen. Auch die Frage, was mit dem gefährlichen Atommüll passieren soll, wird nicht öffentlich diskutiert. Selbst Experte Lin weiß von keinem offiziellen Entsorgungskonzept seines Landes. Wenn in den nächsten Jahren mehr Reaktoren in China gebaut würden, werde es eine Diskussion über die Frage des Atommülls geben - noch spiele diese Frage aber keine Rolle.

Wenn die staatlichen Medien das Thema Sicherheit doch einmal aufgreifen, wird darauf hingewiesen, dass die neueste Generation der Atomkraftwerke mit älteren Anlagen wie der in Fukushima nichts zu tun habe. Ganz besonders stolz ist man in China auf den neuesten Reaktortyp namens "Hualong Yi Hao", was übersetzt bedeutet: "Chinesischer Drache Nummer eins". Dieser vollständig in China entwickelte Druckwassereaktor ist nach Angaben der staatlichen Entwicklerfirma Erdbebensicher und auch mögliche Flugzeugabstürze soll er überstehen. Auch der neueste Reaktorblock im Atomkraftwerk Fuqing im Landesteil Fujian ist so ein "Chinesischer Drache".

Bewohner kritisieren zu geringe Entschädigungszahlungen

Wenn man sich im angrenzenden Dorf namens Qianxue auf die Suche nach den wenigen Menschen macht, die etwas gegen das Atomkraftwerk haben, landet man im Haus von Xue Xiangshun. Der 73-Jährige züchtete früher vor der Küste seines Heimatdorfes Muscheln - bis Ende der 2000er-Jahre der erste Reaktorblock des Atomkraftwerks gebaut wurde. Für gut 1200 Hektar Küstenfläche habe seine Familie damals vom Staat umgerechnet nur ein paar Tausend Euro Entschädigung bekommen, erzählt er - viel zu wenig als Ersatz für seine Muschelzucht.

Xue Xiangshun |

Der 73-jährige Xue Xiangshun ist einer der wenigen, die sich offen gegen das Atomkraftwerk aussprechen.

Er wolle mehr Geld für seine Familie und das Dorf. Deswegen wende er sich seit mehr als zehn Jahren immer wieder mit Petitionen an die Behörden, bisher vergeblich. "In Zukunft wird dieser Küstenabschnitt nur noch eine große Müllhalde sein", befürchtet Xue. Wobei es ihm relativ egal scheint, ob hier nun ein Atomkraftwerk oder eine andere große Industrieanlage die Natur verschandelt und verschmutzt. "Muschelzuchtgebiete oder freie Felder wird’s hier künftig gar keine mehr geben. In 100 Jahren steht hier nur noch das Kraftwerk und in zehntausend Jahren wird alles zerstört sein. Wer will dann noch hier her ziehen?"

Die meisten anderen Bewohner des Dorfes neben dem Atomkraftwerk Fuqing teilen diese Sorgen nicht. Sie sehen vor allem die Vorteile, den wirtschaftlichen Aufschwung, den die riesige Anlage gebracht hat. So auch die 38-Jährige Zhu Yinyin, die aus dem fast 2000 Kilometer entfernten relativ armen chinesischen Landesteil Gansu hierher gezogen ist. Ihr Mann habe einen Job im Kernkraftwerk angenommen, erzählt sie. Und darauf sei sie stolz. Schließlich stehe hier auf der Anlage der erste rein-chinesische Atomreaktor.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. März 2021 um 07:50 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".