Xi Jinping (Archivbild Mai 2020) | AP

Chinas Kampf gegen Armut Ein "historisches Wunder"?

Stand: 25.02.2021 15:05 Uhr

Präsident Xi Jinping hat die Überwindung der Armut in China verkündet. Jeder Bürger verfüge über mehr als 1,25 Euro pro Tag und lebe damit über der Armutsgrenze. Die Weltbank definiert dafür allerdings fast das Vierfache.

Von Birgit Eger, ARD-Studio Shanghai

Mehr als 2500 Urkunden überreichte am Morgen der chinesische Präsident Xi Jinping den Helden der Armutsbekämpfung. Damit ist ein Teil des chinesischen Traums, des "Zhongguo meng" wahr geworden, so wie ihn Xi vor fast zehn Jahren als politischen Slogan formulierte.

Das Ziel für dieses Jahr: Zum 100. Jahrestag der Gründung der kommunistischen Partei wird niemand mehr in absoluter Armut leben müssen. Nach Pekinger Definition sollte dazu jeder mehr als umgerechnet 1,25 Euro pro Tag zur Verfügung haben.

Xi: Knapp 99 Millionen Menschen aus Armut befreit

Dieses Ziel sei jetzt erreicht, verkündete Präsident Xi mit den üblichen pathetischen Worten: "Gemäß den aktuellen Daten konnten 98,99 Millionen arme Menschen in ländlichen Regionen aus ihrer Armut befreit werden. Wir konnten alle betroffenen Regierungsbezirke und Dörfer von der Armutsliste streichen", so Xi. "Die beschwerliche Aufgabe, absolute Armut auszulöschen, ist erledigt. Das ist ein historisches Wunder."

Jahrelang hatten die großen Städte im Mittelpunkt der chinesischen Wirtschaftspolitik gestanden. Seit 2013, seit Xis Amtsantritt, galt auch der konkreten Armutsbekämpfung mehr Aufmerksamkeit. Das bedeutete: Mikrokredite für den Hausbau oder für eine Unternehmensgründung wurden vergeben, Ausbildungsprogramme für Erwachsene aufgelegt, Schulgeld für Kinder bezahlt und Straßen in entlegene Gebiete gebaut.

Seit Monaten berichten die staatliche Medien immer wieder über persönliche Schicksale und ihren Weg aus der Armut - dank der Hilfe der Kommunistischen Partei, wie es heißt.

Weltbank setzt Armutsgrenze höher an

Die Weltbank erkennt die Anstrengungen Chinas an und schreibt den Erfolg der konsequenten wirtschaftlichen Öffnung des Landes zu, die bereits Ende der 1970-er Jahre begann. Sie setzt allerdings die Armutsgrenze höher an als die chinesische Regierung: 4,50 Euro täglich seien in China im Schnitt nötig.

Eine Mammutaufgabe für die Zukunft, meint auch Jörg Wuttke, Präsident der europäischen Handelskammer in Peking: "In China herrschen schon spanische Verhältnisse in den Städten. Aber es gibt 600 Millionen Menschen, die etwa 200 bis 300 Euro im Monat verdienen. Es ist nicht mehr die brutale Armut wie vor 20 Jahren oder 30 Jahren, als die Menschen noch von Hand in den Mund lebten."

Wie erfolgreich - schwer zu prüfen

Wie erfolgreich Chinas Programme zur Bekämpfung der Armut im Einzelnen sind, ist schwer zu überprüfen. Hinter der Übermittlung der Daten an die Zentrale steht oft der politischer Druck, den Plan zu erfüllen und ein besonders gutes Bild abzugeben. China-Beobachter befürchten auch, dass Hilfsgelder veruntreut werden.

Armutsbekämpfung bleibt aber weiterhin ein wichtiges Ziel auf der politischen Agenda der chinesischen Regierung. So beschäftigt sich auch der neue Fünf-Jahres-Plan mit den Einkommensunterschieden von Stadt und Land. Das Wirtschaftsprogramm wird ab der kommende Woche vom Nationalen Volkskongress diskutiert.