Migranten fliehen durch die Atacama-Wüste
Reportage

Chile Mit dem Baby durch die Wüste

Stand: 20.02.2022 08:32 Uhr

In Chile treffen täglich Hunderte Migranten aus Venezuela ein. Hinter ihnen liegt eine lebensgefährliche Route durch die Wüste, die auch Familien auf sich nehmen. Doch in Chile wächst die Ablehnung.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Südamerika

Als erstes fällt der Kinderwagen ins Auge, den ein abgemagerter junger Mann stoisch am Straßenrand schiebt. Dahinter läuft eine Frau mit einem Kleinkind an der Hand - in Chiles Atacama-Wüste in der Nähe der Grenze zu Bolivien.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

André, der Familienvater, ist 28 und sieht müde aus. Seine Lippen sind aufgeplatzt. Seine Frau hält ein Baby unter ihrem Umhang, während von oben die Mittagssonne unerbittlich ihre heißen Strahlen auf den staubtrockenen Boden schickt. Bei 30 Grad ist am Himmel keine einzige Wolke zu sehen - und auf der Erde nirgendwo ein Schatten.

Zu viert hätten sie sich vor einem Monat von Ecuador aus Richtung Chile aufgemacht, kurz nach der Geburt ihrer Tochter. Aus ihrer Heimat Venezuela seien sie schon vor drei Jahren geflohen, erklärt André. Die desaströse wirtschaftliche Lage habe ihnen keine andere Wahl gelassen. "Wir wollen uns Arbeit suchen in Iquique", sagt er.

Migranten aus Venezuela | ARD Rio de Janeiro

Hinter ihnen liegt eine gefährliche Route - und ob sie für André und seine Familie am Ende gelingen wird, ist ungewiss. Bild: ARD Rio de Janeiro

Eine lebensgefährliche Route

Doch zwischen diesem Ort auf 4000 Meter Höhe und Iquique an der Pazifikküste liegen 180 Kilometer Wüste fast ohne Siedlungen oder Orte, an denen sie rasten können. Es ist eine lebensgefährliche Route durch das sauerstoffarme Anden-Hochplateau. 2021 waren 21 Venezolaner beim Marsch durch diese Wüste gestorben. "Irgendwie müssen wir es schaffen", sagt André, der bereits jetzt völlig entkräftet wirkt.

Jeden Tag strömen Hunderte Migranten von Bolivien nach Chile, in das wirtschaftlich erfolgreichste Land des Kontinents. Das Flüchtlingsaufkommen war vor drei Jahren angestiegen, nachdem Chiles Präsident Sebastián Piñera im kolumbianischen Grenzort Cúcuta Venezuelas Menschenrechtspolitik kritisierte und der Bevölkerung in dem sozialistischen Land eine bessere Zukunft in Chile in Aussicht stellte.

Doch mittlerweile wirkt seine Regierung aufgrund der schieren Zahl der Einwanderer überfordert. Die illegale Einreise ist kaum zu stoppen, weil es mehr als 30 illegale Pfade über die Wüstengrenze gibt.

Migranten fliehen durch die Atacama-Wüste

Kein Schatten, kein Wasser - in ihrer Verzweiflung nehmen die Migranten beim Marsch durch die Wüste ein hohes Risiko auf sich.

Ein Graben soll die Migranten stoppen

Der bislang letzte Versuch, die unregulierte Migration in den Griff zu kriegen, ist ein Graben. 1,5 Meter tief und mehrere hundert Meter lang verläuft er im Niemandsland gleich neben dem Grenzübergang Colchane.

Chilenische Grenzsoldaten patrouillieren daneben mit Maschinengewehren und weisen jeden zurück, der Anstalten macht, illegal hinüberzuspringen. Doch sobald die Grenzschützer Dienstschluss haben, nach 18 Uhr, beginnt ungeniert ein reger Verkehr über den Graben von Bolivien nach Chile.

Migranten aus Venezuela | ARD Rio de Janeiro

Kein Zaun - ein Graben soll die Migranten nun abhalten. Bild: ARD Rio de Janeiro

Abgeschoben - und bald wieder zurück

Eine weitere neue Maßnahme ist der staatlich organisierte Rücktransport von Venezolanern ohne Aufenthaltsstatus nach Bolivien. Dieser entpuppt sich als wirkungslos, weil die meisten Migranten umgehend wieder über die Wüstengrenze zurück nach Chile marschieren.

Auch Daniel Lozada will sich von seinem Traum in Chile nicht abbringen lassen. "Ich möchte in der Landwirtschaft arbeiten oder auf dem Bau", sagt er. Daniel schläft seit sechs Tagen zusammen mit Dutzenden anderen in verdreckten Bretterverschlägen neben dem Grenzübergang.

Migranten aus Venezuela | ARD Rio de Janeiro

Die Migranten hausen in einfachen Verschlägen an der Grenze - weitgehend unbehelligt von der Polizei. Bild: ARD Rio de Janeiro

Hoffen auf einen legalen Zugang

Sie hoffen auf eine offizielle Einreisegenehmigung und einen Bus, der sie in die Stadt Iquique bringt. Insgesamt hat Chile bereits mehr als eine halbe Million Venezolaner aufgenommen. Doch nicht überall sind sie willkommen.

José al Pino aus Maracaibo erzählt von Diskriminierungen. "Manche Leute schreien uns an, dass wir verschwinden sollen." Mancherorts kippt die Stimmung. Wütende Chilenen hatten 2021 in Iquique Zelte und Rucksäcke von Flüchtlingen angezündet. Sie machen die Einwanderer für die aus ihrer Sicht gestiegene Kriminalität verantwortlich.

Das Mitgefühl schwindet

André erzählt, dass sich in der Tat auch kriminelle Venezolaner unter den Einwanderern befänden. "Solche Leute gibt es, aber nur ganz wenige." Der daraus resultierende Fremdenhass stellt ihn jeden Tag vor große Probleme, weil Mitgefühl selten geworden ist.

Als er mit seiner Familie an einem der wenigen Wüstendörfer vorbeikommt, wo er um Wasser bitten will, sieht er an einer Schranke am Ortseingang ein Schild: "Eintritt verboten - drei Pitbulls laufen frei herum". Eine unmissverständliche Botschaft, dass die junge Familie hier keine Hilfe erwarten kann.

Staat und NGOs sind überfordert

Andrés Marsch durch die Wüste gleicht einem Himmelfahrtskommando. Doch niemand hält ihn und seine Familie auf. Weder der chilenische Staat noch die hier tätigen Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks scheinen die Lage in der Atacama-Wüste in den Griff zu kriegen.

André selbst wurde zwar gewarnt vor den Strapazen und Gefahren der Wüstendurchquerung. Aber er glaube daran, dass sie es schaffen. Kurz darauf schiebt er sichtbar erschöpft den Kinderwagen am Straßenrand einen Hang hinauf. Seine Frau mit dem Baby und sein Sohn folgen ihm langsam durch die Wüste.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 20. September 2018 um 18:30 Uhr.