Menschen in Cherson  | AFP

Cherson nach der Rückeroberung Befreit, aber mit massiven Problemen

Stand: 13.11.2022 14:24 Uhr

Minen in den Straßen, zerstörte Strom- und Wasserleitungen, kein Handyempfang: Nach der Rückeroberung von Cherson wartet nun viel Arbeit auf die Ukraine. Gelitten hat auch die Umwelt.

Von Stephan Laack, ARD-Studio Moskau, zzt. Köln

In der südukrainischen Stadt Cherson, die jetzt wieder unter ukrainischer Kontrolle steht, stellen die Hinterlassenschaften der russischen Besatzer laut Präsident Wolodymyr Selenskyj eine große Belastung für die Bevölkerung dar. Seinen Angaben zufolge haben die russischen Truppen vor ihrem Rückzug lebenswichtige Infrastruktur zerstört.

Stephan Laack ARD-Studio Moskau

Betroffen sei unter anderem die Wasser- und Stromversorgung, Menschen könnten nicht mehr heizen. Ziel der Besatzer sei es gewesen, der Bevölkerung Schaden zuzufügen. So schnell wie möglich solle nun alles wieder instand gesetzt werden. Selenskyj appellierte an die Bewohner von Cherson, auf sich aufzupassen. An die Behörden gerichtet sagte er:

Es ist jetzt sehr wichtig, allen Einwohnern von Cherson zu sagen, dass sie vorsichtig sein sollen. Sie sollen nicht versuchen, von den Besatzern zurückgelassene Gebäude und Gegenstände selbstständig zu überprüfen. Bitte, wenn Sie eine Verbindung zu den Bürgern der Stadt haben, geben Sie dies unbedingt an sie weiter.

"Wir müssen fast alles erneuern"

Laut Selenskyj sind bislang mehr als 2000 Minen und explosive Gegenstände in Cherson entschärft worden. Ein Pionier sei dabei bereits verletzt worden. Vertreter der ukrainischen Gebietsverwaltung und auch Sicherheitsorgane wie Polizei und Geheimdienst haben vor Ort ihre Arbeit wieder aufgenommen. Selenskyj kündigte an, weitere noch von Russland kontrollierte Gebiete zu befreien. Man werde niemanden vergessen.

Cherson war als einzige Regionalhauptstadt von russischen Truppen erobert worden. Das Gebiet wurde vor wenigen Wochen völkerrechtswidrig von Russland annektiert. Für die Menschen bedeutete das zum Beispiel, dass der Rubel als Zahlungsmittel eingeführt wurde, nur noch russische Medien verfügbar waren und sie Sozialleistungen bei russischen Behörden beantragen mussten. Die Wiederherstellung des  ukrainischen Systems habe nun Priorität, so der stellvertretende Verwaltungschef der Region Cherson Sobolewskyj. "Die ukrainische Post nimmt ihre Arbeit wieder auf, damit auch den Menschen Renten zugestellt werden können, die keine Bankkarten haben", berichtet er.

Auch arbeiten wir an der Erneuerung des Bankensystems, damit man mit Bankkarten zahlen kann. Das Mobilfunknetz wird erneuert, denn es gibt jetzt so gut wie keine Telefonverbindung in Cherson. Also, es gibt sehr viele problematische Bereiche, wir müssen fast alles erneuern.

Giftstoffe in der Luft und im Grundwasser

Nach mehr als acht Monaten Krieg in der Ukraine leidet das Land zudem unter massiven Umweltschäden. Experten weisen darauf hin, dass durch russische Angriffe auf Treibstofflager Gifte in die Luft und ins Grundwasser gelangt sind. Es drohten gravierende Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung.

Nach Angaben der Umweltorganisation WWF haben mehr als sechs Millionen Menschen in der Ukraine keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu sauberem Trinkwasser. 280.000 Hektar Wald seien zerstört. Die Umweltschäden zu beseitigen, dürfte wahrscheinlich Jahrzehnte in Anspruch nehmen, so die Einschätzung von Experten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. November 2022 um 10:00 Uhr und BR24 um 12:03 Uhr.