Tamara Anthony
Interview

Berichten von den Winterspielen "Die Kontrolle ist absolut"

Stand: 04.02.2022 01:45 Uhr

Tägliche PCR-Tests, eine Überwachungs-App und ein schmaler Bewegungsradius: ARD-Korrespondentin Tamara Anthony erzählt, unter welchen Umständen sie über die Winterspiele in Peking berichtet.

tagesschau.de: Wer vor Ort über die Olympischen Winterspiele aus Peking berichten will, muss sich wochenlang in die sogenannte Blase begeben. Was bedeutet das?

Tamara Anthony: Die sogenannte Bubble ist kein in sich geschlossener Ort, sondern beschreibt verschiedene Zellen, die in ihrer Geschlossenheit untereinander verbunden sind - Sportstätten, Unterkünfte, Medienzentren teils weit außerhalb von Peking. Schon hierhin zu kommen unter Coronabedingungen war eine Herausforderung und bedeutete fünf Stunden Anfahrt. Wer länger im Land ist und wie ich die Orte vorher besichtigen konnte, kann dabei aber gut sehen, was für die Winterspiele schöngefärbt wurde, welche Gegenden, Dörfer und Straßen für die olympischen Kameras hergerichtet wurden, wo Häuser abgerissen und wo Bäume gepflanzt wurden. Diesen Teil der Wirklichkeit rund um die Winterspiele zu vermitteln, ist ein Ziel unserer Arbeit.

tagesschau.de: Wie streng sind denn die Corona-Auflagen rund um die Bubble?

Anthony: Ich musste keinen Covid-Test vorlegen, um in die Bubble zu kommen, dafür aber vier Sicherheitsschleusen, die Kontrollen an Flughäfen gleichen. Die Frage stellt sich, ob diese Kontrollen dann nicht vor allem dazu dienen, die Abgeschlossenheit der Spiele zu demonstrieren. In der Bubble haben wir täglich einen PCR-Test, sollen überall FFP2-Masken tragen. Überall stehen Desinfektionsmittel bereit. Ein Teil des chinesischen Personals trägt Ganzkörper-Schutzkleidung.

Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt

tagesschau.de: Wie ungehindert oder eingeschränkt können Sie sich in der Bubble bewegen und Gespräche führen?

Anthony: Meine Bewegungsfreiheit ist extrem eingeschränkt. Wenn man das Hotel verlässt, kommt man schnell an eine Polizeisperre - und von dort darf ich mich nicht mehr alleine bewegen, sondern nur noch mit eigens bereitgestellten Transportmitteln, die auch Teil der Bubble sind, zu einem anderen Hotel, zum Medienzentrum oder einer der Spielstätten fahren. Schon beim Öffnen eines Busfensters kann man sich eine Zurechtweisung einhandeln.

Die Kontrolle ist absolut und stellt sicher, dass ich nur den Bereich betrete, der vorher abgesteckt wurde. Es gibt hier keine Möglichkeit, mit "normalen" Chinesen, die nichts mit den Spielen zu tun haben, zusammenzukommen. Wer China nicht kennt, hat also keine Chance, einen Eindruck vom Land zu bekommen.

tagesschau.de: Wird auch die Telekommunikation überwacht?

Anthony: Alle in der Bubble müssen eine App namens My2022 herunterladen und dort regelmäßig ihre Körpertemperatur eingeben. Man hat aber festgestellt, dass diese App in der ersten Version Hintertüren eingebaut waren, die üblicherweise für Spyware, also Ausspähprogramme benutzt werden. Nach chinesischen Angaben wurden diese Hintertüren bei einer zweiten Version der App geschlossen.

Viele Nationale Olympischen Komitees haben ihren Sportlern deshalb eigenes Handy mitgegeben, auch der DOSB hat seinen Sportlern ohne Begründung empfohlen, Einmal-Handys mitzunehmen. Auch das ARD-Team hat eigene Mobilgeräte, die danach platt gemacht werden. Im Medienzentrum können wir uns ins freie Internet einwählen - die chinesischen Kollegen wie zum Beispiel die Übersetzer können das aber nicht. Auch das beschreibt die engmaschige Überwachung hier. Das IOC trägt das mit.

"Immer wieder von Aufpassern verfolgt"

tagesschau.de: Ist das eine Fortsetzung beziehungsweise Zuspitzung der Umstände, unter denen in den vergangenen Jahren aus China berichtet werden konnte?

Anthony: Seit ich hier bin, sind die Arbeitsbedingungen für Journalisten noch restriktiver geworden. Es gibt insgesamt weniger ausländische Journalisten, weil viele US-amerikanische Kollegen das Land verlassen mussten. Es wirkt, als hätten die "Aufpasser" dadurch noch mehr Zeit für jeden einzelnen Journalisten. Covid-Maßnahmen waren für die chinesische Regierung immer eine gute Begründung, den Journalisten möglichst vorzuschreiben, was sie drehen sollen und was nicht - oder sie unter dem Vorwand eines erforderlichen Tests, der natürlich nur von ausländische Berichterstattern genommen wird, 24 Stunden in einem Hotel festzusetzen.

Wir werden immer wieder von Aufpassern verfolgt, die bei spontanen Interviews dazwischengehen, häufig auch mit Verweis auf Covid-Maßnahmen. Und ihr bloßes Erscheinen kann dafür sorgen, dass unser Interviewpartner Angst bekommt und wegläuft. Häufig werden Interviewpartner vorab von der chinesischen Polizei gewarnt und sagen uns dann kurzfristig ab. Das spricht auch für eine dichte Überwachung unserer Telekommunikation. Für uns bedeutet das, dass wir jeden Tag einen erheblichen Aufwand betreiben müssen, um ins freie Internet zu kommen und geschützte Wege zu finden, über die wir unser Material schicken können. Das erschwert unsere Arbeit extrem.

Wir müssen auch immer genau überlegen, wen wir durch unsere Arbeit möglicherweise gefährden. Die kurzfristigen Absagen von Interviewpartnern zeigen ja, unter welchem Druck sie stehen.

"Wohnungsbesuche" in Abwesenheit

tagesschau.de: Zieht sich das auch in den privaten Bereich? Die Vermutung liegt nahe, dass man das Gefühl der Überwachung mit nach Hause nimmt oder dort wieder antrifft.

Anthony: Ich nehme an, dass ich sehr transparent für die chinesischen Behörden bin. Ein Polizist sagte mir einmal "Ich weiß, wo Sie wohnen" und nannte mir dann meine Adresse. Da ich davon ausgehen kann, dass die ohnehin staatlicherseits registriert ist, habe ich das als Versuch einer Drohung aufgefasst. Auch aus meinem Umfeld höre ich immer wieder Berichte darüber, dass ihre Wohnung "besucht" wurde, während sie abwesend waren. Ich habe deshalb für meine Wohnung keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen getroffen um gar nicht erst der Illusion zu unterliegen, meine Wohnung sei privat.

tagesschau.de: Noch einmal zurück zu den Winterspielen: Kann unter den Umständen, die Sie geschildert haben, überhaupt eine besondere Olympia-Atmosphäre aufkommen?

Anthony: Die Spiele sind schon rein räumlich so weit weg vom normalen Leben, finden hinter Zäunen statt, Tickets für die Wettbewerbe gibt es nicht, auch kein Public Viewing - da kann keine Euphorie entstehen. Außerdem spielt Wintersport in China keine große Rolle. Es gibt fast keine Wintersport-Stars. Und es gibt auch keine Zivilgesellschaft, die frei und selbstbestimmt Zusammenkünfte, Events, Feiern und all das organisieren könnte, was so ein "Happening" normalerweise ausmacht.

Die Fragen stellte Eckart Aretz, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 04. Februar 2022 um 10:00 Uhr.