Eine Menschenmenge hat sich an der Universität von Dhaka versammelt, um gegen Vandalismus an einer Statue zu protestieren. | MONIRUL ALAM/EPA-EFE/Shutterstoc

Bangladesch Bilderstürmer gegen Regierungschefin

Stand: 09.12.2020 05:20 Uhr

50 Jahre nach der Unabhängigkeit drohen Islamisten Bangladesch ins Chaos zu stürzen: Hinter einem vordergründigen Streit über das islamische Bilderverbot steckt ein erbitterter Machtkampf.

Von Peter Gerhardt, ARD-Studio Neu-Delhi

Ob auf Bildern, Büsten oder Statuen: Das Konterfei des Republikgründers Sheikh Mujibur Rahman ist allgegenwärtig in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Er war es, der das südasiatische Land vor 50 Jahren nach einem blutigen Krieg gegen Pakistan in die Unabhängigkeit führte. Dafür wird Rahman bis heute verehrt wie ein Heiliger.

Peter Gerhardt ARD-Studio Neu-Delhi

Die Feier seines 100. Geburtstags im März dieses Jahres bildete den Auftakt der Jubiläumsfestivitäten. Unzählige neue Statuen und Bildnisses des "Bangabandhu", des Freundes Bangladeschs, wie ihn die knapp 160 Millionen Bangladescher ehrfürchtig nennen, sollten errichtet werden. Doch genau das ist den Islamisten im Land ein Dorn im Auge.

"Das sind Götzenbilder. Es ist absolut unislamisch und gegen die Scharia, Statuen zu errichten", wettert Junaid Babunagari. Er ist seit kurzem Chef der radikalislamischen Organisation Hifazat-e-Islam. Und die Islamisten wollen es nicht bei Worten belassen: Sie drohten damit, sämtliche Statuen des Staatsgründers niederzureißen. "Ich würde nicht einmal dulden, wenn für meinen eigenen Vater Statuen errichtet würden", sagt Babunagari - ein direkter Affront gegen Bangladeschs Regierungschefin Sheikh Hasina Wajed: Sie ist die Tochter des Staatsgründers Rahman und verantwortlich für die geplanten Feierlichkeiten.

Der Tag der Ermordung des Scheichs Mujibur Rahman ist Nationaltrauertag in Bangladesch. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Nachfrage nach Billigtextilien sank - der Hunger kam zurück

Was sich auf den ersten Blick ausnimmt wie ein bizarrer Streit über die Auslegung des islamischen Bilderverbots, ist in Wirklichkeit ein erbitterter Machtkampf in dem südasiatischen Land. Bangladesch galt jahrelang als das Armenhaus der Welt. Doch unter der Mitte-Links-Regierung von Premierministerin Hasina ist dem Land in den vergangenen zehn Jahren ein bemerkenswerter wirtschaftlicher Aufstieg gelungen. Dafür hat vor allem die Textilindustrie gesorgt. Hunderttausende Frauen fanden hier als Näherinnen Arbeit. Und auch wenn die Arbeitsbedingungen und vor allem die Löhne zum Teil miserabel sind, hatten die Näherinnen doch die Möglichkeit, mit ihren Jobs Familien zu ernähren.

So kam es, dass die Wachstumsraten seit 2010 beständig über fünf Prozent lagen und im vergangenen Jahr sogar 7,3 Prozent erreichten. Damit war Bangladesch eine der am stärksten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Sogar von einem neuen Tigerstaat war plötzlich die Rede - in Anlehnung an Südkorea, Singapur und Taiwan, die sich über Jahrzehnte wirtschaftlichen Wachstums hinweg diesen Titel verdienten.

Doch mit der Corona-Pandemie brach die weltweite Nachfrage nach Billig-Textilien "Made in Bangladesh" dramatisch ein. Seitdem kämpft das Land mit Arbeitslosigkeit - und extreme Armut und Hunger kamen nach Bangladesch zurück. In dieser Situation sehen die Islamisten nun ihre Chance.

Die Islamisten begehren gegen die Regierung auf

Hinzu kommt, dass die Regentschaft von Premierministerin Hasina zunehmend autoritäre Züge annimmt. Bei der letzten Parlamentswahl 2018 erreichte die Regierungspartei knapp 77 Prozent, ein eher ungewöhnliches Ergebnis für eine funktionierende Demokratie. Die politische Opposition wird mundtot gemacht und kaltgestellt. Die Islamisten sind fast die einzigen, die dagegen aufbegehren.

Offiziell ist Bangladesch ein säkulares Land, doch fast 90 Prozent der Bevölkerung sind Muslime. Damit ist Bangladesch nach Indonesien und Pakistan das drittgrößte muslimische Land der Welt. In den vergangenen Jahren schossen überall im Land konservative und fundamentalistische Koranschulen aus dem Boden. Die Ausbildung ist kostenlos, das zieht viele junge Studenten an. Und so kommt es, dass auch die Militanten an Einfluss gewinnen.

Vor einem Plakat mit dem Gesicht von Regierungschefin Hasina protestieren Demonstrierende gegen Vandalismus an einer Statue. | MONIRUL ALAM/EPA-EFE/Shutterstoc

Vor einem Plakat mit dem Gesicht von Regierungschefin Hasina protestieren Demonstrierende gegen Vandalismus an einer Statue. Bild: MONIRUL ALAM/EPA-EFE/Shutterstoc

Verfahren wegen Aufwiegelung zu einem Staatsstreich

2016 schreckte die Welt kurz auf, als eine Gruppe von Islamisten in einem Café in der Hauptstadt Dhaka 18 westliche Ausländer tötete. Und auch in den vergangenen Wochen machte Bangladesch von sich reden. Nachdem der französische Präsident Emanuel Macron die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen verteidigt hatte, gab es in Dhaka die weltweit größten anti-französischen Proteste. Hunderttausende gingen auf die Straße.

Diese Proteste dienten den Islamisten offenbar als Gradmesser für die eigene Mobilisierungsfähigkeit. Mit dem Angriff auf die Statuen suchen sie jetzt die Machtprobe mit der Regierung. Ein erstes Denkmal des Republikgründers wurde in der vergangenen Woche in der Universität Dhakas beschädigt. Die Staatsmacht reagiert dünnhäutig. Das Oberste Gericht in Dhaka ordnete gerade ein Verfahren gegen Islamistenführer Babunagari an - wegen Aufwiegelung zum Staatsstreich. Außerdem befahl das Gericht sicherzustellen, dass sämtliche Statuen des Landes unversehrt bleiben. Die Sicherheitskräfte sollen hart gegen islamistische Proteste vorgehen. Bangladesch stehen unruhige Zeiten bevor.