Ein Kind im Vorschulalter zeichnet den als Staatsgründer Bangladeschs verehrten Bangabandhu. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

50 Jahre Unabhängigkeit Bangladesch in der Bildungsoffensive

Stand: 26.03.2021 07:06 Uhr

50 Jahre nach der Unabhängigkeit sieht sich Bangladesch auf einem guten Weg: Der Staat hat Bildung zur Priorität gemacht, immer mehr Kinder gehen zur Schule. Für den Aufstieg reicht es dennoch nicht bei allen.

Von Oliver Mayer, ARD-Studio Neu-Delhi

Gerade einmal 15 Jahre ist es her, dass etwa ein Drittel der Kinder in Bangladesch keine Möglichkeit hatte, eine Schule zu besuchen. Zu weit war die nächste Bildungseinrichtung entfernt, zu viel Geld kostete die Eltern die Ausbildung der Kinder. Und so war der Weg für die Jugend vorgezeichnet: Sie hatten keine andere Wahl als schon in jungen Jahren schlecht bezahlte Jobs in der Landwirtschaft oder der Textilindustrie anzunehmen. Eine andere Perspektive gab es nicht.

Oliver Mayer ARD-Studio Neu-Delhi

Mittlerweile hat sich der Zugang zu Bildung erheblich verbessert, denn Bangladesch hat in den vergangenen Jahren eine Bildungsoffensive gestartet. "Inzwischen haben 97 Prozent der Kinder die Möglichkeit, zur Schule zu gehen", sagt Rasheda Choudhury, Vorsitzende der Organisation "Campaign for Education". Besonders in den Bau von Grundschulen habe das Land massiv investiert.

Kostenfreie Bildung und Mädchenförderung

Der Ansatz der Regierung: Bildung soll kostenfrei sein. So fallen in der Grundschule, die in Bangladesch vom ersten bis zum fünften Schuljahr geht, keine Kosten mehr an. Selbst Lernmaterial, Stifte und Papier müssen die Schüler sich nicht selbst kaufen. Das Ziel ist, dass jedes Kind zumindest lesen und schreiben lernt, dazu Grundkenntnisse in Mathematik und Englisch erhält.

Auch in puncto Gleichbehandlung der Geschlechter hat sich vieles getan. Früher stiegen viele Mädchen nach der Grundschule aus dem Schulsystem aus - zum einen, weil sie schon früh von ihren Familien zur Heirat gedrängt werden, zum anderen, weil Bildung für Frauen oft nicht als Priorität angesehen wird. Die Regierung wollte dies ändern und hat in den letzten Jahren ein spezielles Fördersystem für Mädchen aufgebaut.

Ab der sechsten Klasse müssen Jungs eine geringe Schulgebühr zahlen, Mädchen dürfen mit speziellen Stipendien weiterhin kostenfrei zur Schule gehen. "Das hat dazu geführt, dass mittlerweile mehr Mädchen als Jungs in den weiterführenden Schulen sind", sagt Choudhury. Schon jetzt mache sich das Modell bezahlt: Immer mehr weibliche Unternehmerinnen gebe es im Land, die sich mit innovativen Modellen um ihre Gemeinden und ihre Familien kümmern.

Eine junge Frau blättert auf einem Bücherflohmarkt in Dhaka in einem Buch. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Eine junge Frau auf einem Bücherflohmarkt in Dhaka. In vielen Familien wird Bildung für die Töchter als nicht notwendig angesehen. Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

40 Schüler pro Klasse und überforderte Lehrer

Der Zugang zu Bildung ist weitestgehend gewährleistet, Sorge bereitet allerdings nach wie vor die Qualität dessen, was vermittelt wird. Denn anders als in den Bau von Schulen wurde in die Ausbildung der Lehrer nur ganz wenig Geld investiert. Dazu gab es jahrelang keine festgeschriebenen Auswahlkriterien. Posten wurden oft unter der Hand vergeben.

Die Folge waren schwach qualifizierte und überforderte Lehrer, die vor Klassen von bis zu 40 Schülern standen. "Als vor einigen Jahren ein zetraler Wissenstest stattfand, war die Regierung geschockt vom Bildungsniveau, das sich dort offenbarte", sagt Choudhury.

Eine Lehrerin an einer Internationalen Schule in Sylhet gibt Unterricht via Videoschalte. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Eine Lehrerin an einer Internationalen Schule in Sylhet gibt Unterricht via Videoschalte: So viel Glück hatten in der Corona-Krise nur wenige Kinder Bangladeschs. Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Eine Kommission wurde ins Leben gerufen, die die Kriterien für die Auswahl von Lehrern neu auflegen sollte und außerdem daran arbeitet, den Job attraktiver zu machen. Ein Lehrer in Bangladesch verdient im Schnitt etwa 500 Euro im Monat. "Damit kann man zwar überleben, besonders reizvoll ist das Gehalt für Absolventen der Uni allerdings nicht", erklärt Choudhury. Studenten mit guten Abschlussnoten würden sich deshalb oft einen anderen Beruf suchen.

Eltern erkennen den Wert der Bildung zusehends

"Wenn wir das Bildungssystem langfristig verbessern wollen, müssen wir noch mehr investieren", fordert die Bildungsexpertin deshalb. Bisher fließen lediglich zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Bildung. Zum Vergleich: In Deutschland sind es knapp fünf Prozent. Vor allem in von der Regierung finanzierten Gymnasien und Universitäten gebe es enormen Aufholbedarf, meint Choudhury. Im internationalen Vergleich würden Absolventen in Bangladesch bezüglich des Ausbildungsniveaus zurzeit noch deutlich hinterher hinken.

Und doch seien erste Anzeichen der Bildungsoffensive spürbar: Kaum einen Elternteil gebe es noch, der den Stellenwert von Bildung nicht erkenne. Immer mehr Schüler schaffen den Sprung von der Grundschule zum Gymnasium. Und erstmals in der Geschichte gebe es mehr Kleinunternehmerinnen als männliche Unternehmer. "Wenn es uns nun auch langfristig gelingt, die Lernqualität zu erhöhen", sagt Choudhury, "stehen Bangladesch erfolgreiche Zeiten bevor."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. März 2021 um 00:56 Uhr.