Blick auf die Explosion nach dem Abwurf der Atombombe Little Boy auf Hiroshima | picture alliance / dpa

Atomwaffenverbotsvertrag Auch Japan fehlt - ausgerechnet

Stand: 22.01.2021 08:45 Uhr

Es gibt nur einen Staat, der genau weiß, was der Einsatz von Atomwaffen bedeutet. Doch ausgerechnet Japan ist dem Verbotsvertrag nicht beigetreten. Die Opfer von Hiroshima und Nagasaki macht das fassungslos.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Bis Ende Oktober haben 50 Staaten den Atomwaffenverbotsvertrag unterschrieben. Damit tritt er zwar in Kraft, doch die wichtigsten Atommächte fehlen - und auch Japan. Michiko Kodama kann das nicht verstehen. Sie saß gerade im Unterricht, als im August 1945 die erste Bombe auf Hiroshima fiel.

Mein Vater kam zur Schule und trug mich auf dem Rücken heim. Auf dem Nachhauseweg sah ich die Hölle auf Erden. Da waren Menschen, denen die verbrannte Haut am Leib herunterhing, Frauen, die ihre Babys mit schweren Verbrennungen im Arm hielten, andere, die sich die Bäuche hielten, weil die Gedärme herauskamen oder die um ihr Leben rannten.
Kathrin Erdmann ARD-Studio Tokio

Sie erzählt im Klub ausländischer Journalisten in Tokio, wie ihre Cousine drei Tage nach dem Abwurf in ihren Armen starb. Kodama war damals sieben Jahre alt und von da an mit einem Stigma belegt.

Wie viele Jahre auch vergingen, der Atombombenangriff war mein ständiger Begleiter, es gab keine Gnade. Immer, wenn ich nach Arbeit gesucht oder als ich geheiratet habe: Ich erlebte Diskriminierung oder hatte mit Vorurteilen zu kämpfen, nur weil ich eine Atombombenüberlebende war.
Die zerstörte Industrie- und Handelskammer | AFP

Hiroshima im September 1945 - nur noch die Überreste der ehemaligen Industrie- und Handelskammer sind in der zerstörten Stadt zu sehen. Bild: AFP

"Eine Schande"

Gemeinsam mit anderen Überlebenden macht sie sich mit mehreren Organisationen seit 2016 für den Atomwaffenverbotsvertrag stark. Dass er nun endlich in Kraft tritt, erfülle sie daher einerseits mit Freude. Andererseits trete ausgerechnet Japan, das einzige Land, auf das Atomwaffen geworfen wurden, dem Vertrag nicht bei - "eine große Schande" nennt Kodama das und ruft ihre Regierung auf, den Vertrag zu ratifizieren.

Dazu werden sie und andere auch direkt nochmal mit Abgeordneten sprechen. Allerdings sieht die japanische Regierung keinen Handlungsbedarf. Die USA sind für Japan der wichtigste Verbündete und Schutzmacht. Würde die Regierung dem Abkommen beitreten, würde dies sicher schlecht ankommen.

Dabei zeigten Meinungsumfragen, dass 70 Prozent der Japaner für einen Beitritt zu dem Vertrag sind, sagt Akira Kawasaki von der Nichtregierungsorganisation ICAN, die für ihren Einsatz gegen Kernwaffen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Eine Frage der Zeit?

Umstritten ist, welche Wirkung der Atomwaffenverbotsvertrag letztlich haben wird, wenn die wichtigsten Atommächte ihn nicht unterzeichnen. Kawasaki glaubt, sie würden über kurz oder lang unter Druck geraten, ihm doch noch beizutreten und zieht einen Vergleich zum Verbot von Landminen: Produktion, Umschlag und Nutzung solcher Waffen sei "dramatisch" zurückgegangen - "fast bis auf Null".

Als Japaner sieht er seine Regierung moralisch in der Pflicht, den Atomwaffenverbotsvertrag zu unterzeichnen oder wenigstens Interesse zu signalisieren, indem sie der ersten Sitzung als Beobachter beiwohnt. Die solle Ende dieses Jahres oder Anfang 2022 in Österreich ausgerichtet werden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 22. Januar 2021 um 10:11 Uhr.