Menschen tragen die Särge der Opfer des Anschlags in Kabul. | HEDAYATULLAH AMID/EPA-EFE/Shutte

Anschlag in Afghanistan Zwei Richterinnen in Kabul erschossen

Stand: 17.01.2021 14:34 Uhr

Afghanistan wird von einer neuen Welle der Gewalt erschüttert - trotz der laufenden Friedensgespräche: In Kabul erschossen Bewaffnete zwei Richterinnen auf dem Weg zur Arbeit. Wer hinter der Tat steckt, ist unklar.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Kaum ein Tag ohne Tränen. Für viele Afghaninnen und Afghanen ist das trauriger Alltag. Jeden Tag sterben nicht nur Soldaten und Aufständische. Die Zahl der Anschläge auf Zivilisten hat in den letzten Monaten deutlich zugenommen. Die Toten sind Mütter und Väter, Studierende und sogar Neugeborene. Heute haben Bewaffnete auf ein Auto gezielt, in dem zwei Frauen saßen, die für das Hohe Gericht gearbeitet haben. Beide haben den Anschlag nicht überlebt.

"Sie haben unsere Richterin ermordet", sagt Gul Ahmad. Die Nachrichtenagentur Reuters hat ein Interview mit ihm geführt und das Video dazu online gestellt. Sie sei eine gute Frau gewesen, sagt er, nun sehe er nur noch Blutflecken auf dem Boden. "Wo sollen wir hin, um friedlich leben zu können?"

Seit September laufen Friedensgespräche

Auf diese Frage kann wohl niemand richtig antworten. Das Institut für Wirtschaft und Frieden veröffentlicht jährlich einen Weltfriedensindex. Seit zwei Jahren ist Afghanistan demnach das "unfriedlichste" Land auf der Welt. Dabei versuchen Afghaninnen und Afghanen seit letztem September über einen Frieden zu verhandeln: Am Tisch sitzen auf der einen Seite Regierungsvertreter, Menschenrechtler und Söhne von ehemaligen Kriegsfürsten mit den radikal-islamistischen Taliban zusammen.

Die Unterhändler und Abgeordneten sitzen in einem Fünf-Sterne-Hotel zivilisiert beisammen, mehr als 1500 Kilometer Fluglinie von ihrem Land entfernt - am Persischen Golf in Katar. Sie wollen einen Fahrplan entwickeln, wie das Land einen Frieden erreichen kann und in Zukunft geführt werden soll. Die Taliban wollen wie vor 20 Jahren wieder ein islamisches Emirat einführen.

Das bedeutet, dass die Regierenden nicht vom Volk gewählt werden können. Aber genau das, also eine Demokratie, fordern die Delegierten, die derzeit auf der anderen Seite des Tisches sitzen.

Auch der IS ist in Afghanistan aktiv

In Afghanistan selbst wird dieser Konflikt weiterhin mit Waffen ausgetragen. Hinzu kommen Anschläge vom sogenannten "Islamischen Staat", der weiterhin aktiv ist im Land. Im November haben Kämpfer des IS die Universität Kabul gestürmt, fast 20 Studierende haben dabei ihr Leben verloren, darunter war auch Ali. Sein Vater trauert bis heute:

"Zwei Kugeln haben ihn getroffen", erzählt Vater Moosa. Er zeigt auf die Stirn und seine Hüfte, das ist in einem Reuters-Video zu sehen.

USA ziehen ihre Soldaten ab

Viele Menschen in Afghanistan erzählen, dass sie sich jeden Morgen, wenn sie aus dem Haus gehen, von ihrer Familie so herzlich verabschieden, als würden sie sie am Abend nicht mehr wiedersehen. Sie müssten täglich damit rechnen, von einer Kugel oder Granatsplittern getroffen zu werden. Daran könnten auch die internationalen Soldaten nichts ändern, die bislang noch im Land stationiert seien, sagt Vater Moosa:

"Ich sehe ehrlich gesagt keinen Vorteil daran, dass die ausländischen Truppen hier sind. Es gibt täglich Selbstmordanschläge, Explosionen oder Überfälle in meinem Land."

Gerade sind rund 2000 amerikanische Soldaten aus Afghanistan abgezogen worden. Nach einem Abkommen, dass die USA und die Taliban vor rund einem Jahr unterzeichnet haben, sollen die internationalen Soldaten Afganistan bis Ende April verlassen haben.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 17. Januar 2021 um 17:00 Uhr.