Nach einem Drohnenangriff auf Kabuls Stadtteil Sherpur steigt über der Stadt Rauch auf. | AFP
Interview

Tötung von al-Sawahiri "Warum erst jetzt?"

Stand: 02.08.2022 11:54 Uhr

Die Tötung ihres Anführers al-Sawahiri trifft eine schon längst geschwächte Terrorganisation Al Kaida, sagt der Sicherheitsexperte Kaim auf tagesschau24. Er fragt zugleich, warum die USA den Angriff nicht schon früher vorgenommen hätten.

tagesschau24: Welche Bedeutung hat die Tötung des Al-Kaida-Anführers für das Terrornetzwerk?

Markus Kaim: Ich würde differenzieren. Einerseits ist Al Kaida nicht mehr die Organisation wie vor 20 Jahren, sie ist operativ geschwächt. Ihre eigentliche Basis ist gar nicht mehr Afghanistan. Dort konkurriert sie mit dem "Islamischen Staat", der viel wichtiger geworden ist. Und wenn wir nachdenken, welche Anschläge Al Kaida in den letzten Jahren verübt hat, dann stellen wir fest: Es war gar nicht mehr Südasien, sondern vor allen Dingen Afrika und der Nahe Osten, wo Al Kaida tätig geworden ist.

Als Kraft in Afghanistan ist sie schon seit langen Jahren geschwächt, und welche operative Rolle al-Sawahiri noch im Alltagsgeschäft von Al Kaida gespielt hat, ist umstritten. Es drängt sich ein bisschen der Eindruck auf, dass er sich mit 71 Jahren ein wenig zur Ruhe gesetzt hatte. Seine konkrete Tätigkeit bei der Planung von Anschlägen ist nicht klar. Von daher schwächt es ein ohnehin geschwächtes Netzwerk von terroristischen Unterorganisationen.

"Angriff ist seit Monaten vorbereitet worden"

tagesschau24: Könnte es den USA hier also eher um politische Symbolik gegangen sein als um effektive Terrorbekämpfung?

Kaim: Der Eindruck drängt sich auf. Wir können es nicht genau beweisen, aber es ist die Frage zu stellen: Warum jetzt? Der Angriff auf Al Kaida ist seit Monaten vorbereitet worden, wie die amerikanische Regierung bekannt gegeben hat, und die Frage stellt sich, weshalb das nicht früher erfolgt ist. Ich kann es nicht beweisen, aber ich glaube, man kann berechtigt darüber spekulieren, dass das auch innenpolitische Gründe hat. Der amerikanische Präsident steuert auf die Zwischenwahlen Anfang November zu mit desaströsen Umfrageergebnissen.

Ein Schlag gegen Al Kaida erlaubt Joe Biden, sich als Heerführer der Entschlossenheit zu präsentieren und Zustimmungswerte in die Höhe zu treiben. Heute Morgen sieht es danach aus - das Presseecho und das Echo der politischen Klasse in Washington auf dieses Vorgehen sind sehr positiv. Von daher hat es weniger mit operativer Schwächung einer Terrororganisation in Südasien zu tun, sondern vor allen Dingen auch mit amerikanischer Innenpolitik.

Markus Kaim | swp-berlin.org
Zur Person

Markus Kaim ist Senior Fellow in der Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik" der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

"Beweis, dass die USA handlungswillig sind"

tagesschau24: Jetzt muss man dazu natürlich noch den Zusammenhang erwähnen, dass die US-Truppen vor knapp einem Jahr aus Afghanistan abgezogen sind. Zeigt dieser Schlag, dass die USA trotzdem Möglichkeiten haben, dort einzugreifen?

Kaim: Absolut, und das haben sie auch immer wieder betont. Das Argument von Joe Biden lautet in etwa: 'Wir werden weiterhin Terrorismus bekämpfen, auch nach dem 15. August 2021, nach dem Fall von Kabul, aber eben nicht mit dieser massiven militärischen Präsenz wie über 20 Jahre in Afghanistan. Man hat darauf verwiesen, dass man in der Region präsent bleibe, mit Flugzeugträgern, mit Drohnen, mit geheimdienstlichen Operation aus Pakistan heraus. Jetzt sehen wir diese Politik der nachgeordneten oder zurückhaltenden Terrorismusbekämpfung illustriert, so wie die USA sich das vorstellen.

Es wäre ein Fehlschluss gewesen, zu diagnostizieren, dass die USA ihr Interesse an Afghanistan verloren hätten, gar keine Terrorismusbekämpfung mehr machen würden, vor allem keine militärische Terrorismusbekämpfung mehr. Dem hat Biden hier deutlich eine Absage erteilt und unter Beweis gestellt, dass die USA nicht nur handlungsfähig, sondern auch handlungswillig sind.

"Taliban haben offenkundig gelogen"

tagesschau24: Die Taliban hatten im Zuge des US-Abzugs in den Verhandlungen von Doha zugesichert, dass sie sich von Al Kaida lossagen, dass sie den Kämpfern keinen Unterschlupf mehr gewähren. Ist jetzt klar, dass diese Zusage nichts wert ist? Und wenn das so ist, was folgt daraus?

Kaim: Die Beobachtung ist völlig richtig und ein ganz wichtiger Punkt. Im Kontext der amerikanischen Vereinbarung mit den Taliban von September 2020 ist genau das festgelegt worden: eine Selbstverpflichtung der Taliban, Al Kaida und andere terroristische Gruppen nicht zu beherbergen, Afghanistan nicht wieder als Rekrutierungs- und Vorbereitungsort für terroristische Anschläge zuzulassen. Da haben sie offensichtlich gelogen - man kann es nicht anders sagen. Es hatte bereits vorher Indizien gegeben; auch aus den amerikanischen Geheimdiensten waren Stimmen laut geworden, die das immer wieder bezweifelt haben, die immer wieder darauf verwiesen haben, dass die Verbindungen zwischen Al Kaida und den Taliban nicht unterbrochen worden sind.

Das konnte schlecht verifiziert werden. Aber jetzt haben wir letztlich den Beweis, dass sie sich an diese Vereinbarung nicht gehalten haben. Das lässt zumindest weitere Zusicherungen, die die Taliban seit ihrer Machtergreifung vor knapp einem Jahr gegeben haben, in einem anderen Licht erscheinen; Zusagen, die sie der internationalen Gemeinschaft gemacht haben, zur Bildungsgerechtigkeit von Mädchen, zur Gewährung von Menschenrechten, zur Inklusivität der politischen Macht in Afghanistan und anderes mehr. Anders formuliert: Sie haben als Partner der internationalen Gemeinschaft deutlich an Glaubwürdigkeit verloren.

Das Gespräch führte Gerrit Derkowski, tagesschau24. Das Interview wurde für die schriftliche Form leicht angepasst.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. August 2022 um 12:00 Uhr.