Zerstörte Kirche Masskanteh | Björn Blaschke

Mossul vor dem Papstbesuch Der Dokumentar der Zerstörung

Stand: 07.03.2021 08:33 Uhr

Mossul war einst ein Schmelztiegel der Religionsgruppen - bis 2014 der IS dort einfiel. Alle Minderheiten wurden vertrieben oder umgebracht. Jetzt besucht Papst Franziskus die Stadt, deren Zerstörung der Aktivist al-Baroodi dokumentiert hat.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo, zzt. Mossul

Er lässt den Blick schweifen. Sobald seine auffällig blauen Augen ein Motiv entdecken, greift er zur Kamera. Ali al-Baroodi, von Beruf Hochschullehrer für Englisch an der Universität von Mossul, dokumentiert die Entwicklungen in der Stadt auf Twitter. Heute steht er auf dem Dach der Kirche Masskanteh. "Die Bomben oder Raketen haben das Kirchenschiff nicht getroffen. Wir können glücklich sein, dass die schöne Baustruktur es halbwegs überstanden hat. Wenn man sich aber die umstehenden Gebäude anschaut, sieht man die starke Zerstörung", erklärt er.

Björn Blaschke ARD-Studio Kairo

Viele Häuser sind noch verlassen

In einige Teile der Altstadt von Mossul ist das Leben zurückgekehrt. In Häusern, die durch die Bombardements und Bodenkämpfe mit den IS-Terroristen nur teilweise zerstört wurden, haben kleine Geschäfte aufgemacht. In anderen wohnen auch Menschen, einige wenige, denn: Strom und fließendes Wasser gibt es längst nicht überall, viele Häuser sind einsturzgefährdet.

Al-Baroodi Masskanteh |

Der Hochschullehrer und Blogger Al-Baroodi Masskanteh dokumentiert die Zerstörungen.

"Wie die Leute sagen: Sie haben wahrscheinlich keine andere Wahl, als hierher zurückzukehren. Wenn Du hier durch die christlichen Stadtteile gehst, siehst Du immer noch leere Häuser und leere Straßen", sagt al-Baroodi. "Manchmal denkst Du, Du spazierst durch eine Geisterstadt. Die Viertel am Flussufer sind noch immer in Trümmern. Und wenn Du (die Stadtverwaltung) fragst: 'Was habt Ihr damit vor?', heißt es: 'Wir wissen es nicht' - sie haben keinen Plan dafür."

Im Juli 2017 erklärte die irakische Regierung die Schlacht um Mossul für beendet, die Stadt für vom IS befreit. Dreidreiviertel Jahre sind seither vergangen - aber von umfassendem, geplantem Wiederaufbau ist in Mossul immer noch nichts zu sehen. Al-Baroodi ist davon überzeugt, dass die Tatenlosigkeit Absicht ist: "Es ist Vorsatz! Aber wenn Du mich fragst, ob das daran liegt, dass die Regierung mehrheitlich schiitisch ist, wir in Mossul aber überwiegend sunnitisch sind, sage ich das nicht. Nein, ich war im Südirak - und der ist schiitisch dominiert, es sind schiitische Städte - und da ist es das gleiche."

Korruption erschwert Wiederaufbau

Mossul war jahrzehntelang tatsächlich als sunnitisch geprägte Stadt von der schiitischen Mehrheit des Landes vernachlässigt worden: Schulen oder Krankenhäuser waren längst nicht so gut wie in anderen - schiitischen - Gebieten. Der Grund: Diktator Saddam Hussein war auch Sunnit und hatte "seine" Leute immer bevorzugt behandelt.

Nach seinem Sturz drehten die Schiiten den Spieß um: Das auch ermöglichte Al Kaida und später dem IS, in Mossul leicht Fuß zu fassen: Viele Menschen sahen in den Terroristen eine bessere Alternative zur Zentrale in Bagdad, zumindest zeitweilig. Aber al-Baroodi meint, dass die irakischen Politiker heute anders "vorsätzlich" handelten: "Es ist die Korruption. Sie haben viel Geld. Und sie geben auch viel Geld aus - aber für nichts."

Zerstörungen in Mossul | Björn Blaschke

In die zerstörten Gebäude kehrt wieder Leben ein - allerdings nur langsam. Bild: Björn Blaschke

Politiker schieben Freunden Aufträge zu, die die dann nur halbherzig erfüllen, und für diese Freundlichkeit kassieren die Verantwortlichen dann selber ab - ein Beispiel. Andere Politiker bestätigen diesen Vorwurf. Aber trotzdem ist der 39-jährige Blogger al-Baroodi, der seit seiner Geburt permanent Krieg und Zerstörung erlebt hat, erstmals in seinem Leben halbwegs positiv gestimmt: "Ich muss sagen, dass ich vorsichtig optimistisch bin. Ich will nicht zu hoch greifen und kein rosafarbenes Bild malen, während überall noch Trümmer sind und auch immer noch Leichen geborgen werden, aber ich möchte ausgewogen sein. So wie ich es mit meiner Kamera bin: Ich mache Fotos von der Zerstörung, aber mache auch Bilder von den Versuchen junger Leute, das Leben hierher zurückzubringen."

Weiterhin eine gefährliche Stadt

Dabei setzt sich al-Baroodi durchaus Gefahren aus:  "Es ist hier nicht sicher. Es ist nicht einfach, über die Korruption zu sprechen: Wir haben von Aktivisten gehört, die verschleppt oder umgebracht wurden - insbesondere seit dem Beginn der Oktober-Bewegung 2019, die sich unter anderem gegen Korruption und den Einfluss des Iran im Irak erhob. Man weiß nie genau, wer dahinter steckt."

Niemand in Mossul - auch nicht al-Baroodi - will über die Hauptverdächtigen sprechen, die in diesem Zusammenhang immer genannt werden: die zum Teil vom Iran unterstützten Volksbefreiungskomitees - schiitische Milizen. Sie kamen, um Mossul und andere Städte vom IS zu befreien. Sie kamen, blieben und beherrschen Mossul heute.

Eine unerfüllte Prophezeiung

Doch Kritik an ihnen ist tabu. Aber manchmal bringt die Geschichte ja interessante Wendungen. Al-Baroodi hat vor Monaten schon im Schiff der Kirche Masskanteh einen Schriftzug entdeckt und dokumentiert. Er stammt aus der Zeit der IS-Herrschaft über Mossul und lautet: "Die islamische Eroberung von Rom." Jetzt hat er das Foto wieder aus seinem Archiv geholt und veröffentlicht: "Ich habe das Foto gesehen und gesagt: 'Wow'. Ich sehe das jetzt, da Rom nach Mossul kommt."

Graffiti an der Kirche Masskanteh | Björn Blaschke

Die Prophezeihung des Grafittis erfüllte sich nicht - im Gegenteil. Bild: Björn Blaschke

Auch deshalb freut sich al-Baroodi über den Papst-Besuch. Sagt aber gleichzeitig: "Ich hoffe, dass Mossul in den Schlagzeilen bleibt - nicht allein wegen der Zerstörung, sondern auch wegen der Widerstandskraft der Einwohnerschaft, der Wiederkehrer, der Bemühungen Einzelner, aber auch die der Nichtregierungsorganisationen in der Nach-IS-Zeit. Ich hoffe, dass der Effekt länger währt als der Besuch des Papstes."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 07. März 2021 um 09:00 Uhr.