Ahmad Massoud | AFP

Widerstand gegen die Taliban "Wir verteidigen alle Afghanen"

Stand: 23.08.2021 15:00 Uhr

Die Taliban geben sich versöhnlich, doch im Land formiert sich Widerstand. Im Pandschir-Tal versammelt der Sohn eines berühmten Islamisten-Gegners Kämpfer. Im Interview mit dem ARD-Magazin Kontraste fordert er Hilfe des Westens - das sei auch in Deutschlands Interesse.

Von Daniel Donath, Georg Heil und Daniel Laufer, rbb

Der militärische Widerstand gegen die Taliban in Afghanistan formiert sich. Die "Nationale Widerstandsfront von Afghanistan" sammelt sich im Pandschir-Tal, rund 150 Kilometer nordöstlich der afghanischen Hauptstadt Kabul. Angeführt wird die Truppe von Ahmad Massoud, dessen gleichnamiger Vater bereits in den 1990er-Jahren als Kommandeur der Nordallianz gegen die Taliban gekämpft hatte und zwei Tage vor den Anschlägen von 11. September 2001 einem Mordanschlag zum Opfer fiel.

Ahmad Massoud Junior, der der tadschikischen Minderheit angehört, hat nach eigenen Angaben Kämpfer im Pandschir-Tal versammelt. Darunter seien auch Angehörige der afghanischen Armee und ihrer Spezialeinheiten. Auch der selbsternannte Übergangspräsident Afghanistans, Amrullah Saleh, der Stellvertreter des geflohenen Präsidenten Ashraf Ghani ist, soll sich im Pandschir-Tal aufhalten. Saleh hatte bereits unter Massoud Senior gegen die Taliban gekämpft.

Appell an den Westen

"Wir sind in diesem letzten Zufluchtsort des afghanischen Volkes und verteidigen die Legitimität und die Souveränität Afghanistans, verteidigen das Pandschir-Tal, aber auch alle Afghanen in ganz Afghanistan, die für ihre Überzeugungen einstehen", so Massoud im Interview mit dem ARD-Magazin Kontraste. Massoud fordert den Westen zur Hilfe auf. "Der Westen sollte Druck auf die Taliban ausüben, damit sie die Gewalt sofort beenden und eine breit angelegte, inklusive Regierung akzeptieren. Sie müssen akzeptieren, dass es viele Veränderungen gegeben hat und dass sie Frauenrechte, Menschenrechte respektieren müssen. Sie können auch keine fanatische, extremistische Ideologie etablieren", so Massoud.

Daran sollte ganz besonders Deutschland ein Interesse haben, betonte Massoud mit Verweis auf eine drohende Flüchtlingswelle. "Wir haben gerade Hunderttausende in Kabul gesehen, aber es sind Millionen, die aus Afghanistan über die Landesgrenzen nach Iran, nach Pakistan und in andere Gebiete fliehen werden. Und sie sind auf dem Weg in den Westen und nach Europa." Mit einem Bruchteil der Mittel, sagte Massoud mit Blick auf Deutschland weiter, "die sie für die Flüchtlinge in ihrem Land ausgeben, mit etwas politischem Druck und mit der Unterstützung des Widerstands können sie tatsächlich einen dauerhaften Frieden erreichen".

Taliban beordern Kämpfer zum Pandschir-Tal

Man habe mit den Taliban gesprochen und betont, dass die Lösung im Frieden liege und dass dazu "Integration, Toleranz, Rechenschaftspflicht und der Wille des Volkes gehören. Die letzte Nachricht, die wir hören ist, dass sie eine Militäroperation gegen uns starten wollen." Tatsächlich meldet der arabische Nachrichtensender Al Jazeera, dass die Taliban bekanntgegeben hätten, mehrere Hundert Kämpfer zum Pandschir-Tal beordert zu haben, um dort die Kontrolle zu übernehmen.

In dem Tal sollen rund 150.000 Menschen leben. Die meisten davon gehören wie Massoud der ethnischen Minderheit der Tadschiken an, während die Mehrheit der Taliban ethnische Paschtunen sind. Das Pandschir-Tal war auch während der ersten Herrschaft der Taliban nicht unter deren Kontrolle.

Ob es Massouds Kämpfern gelingen wird, das Tal zu verteidigen und andere Landesteile zu befreien, ist noch schwer einzuschätzen. Er selbst räumt das auch ein: "Ich habe meine politische Karriere gerade erst begonnen, als wir in dieses Schlamassel geraten sind. Meine Hände sind also leer und meine Mittel sind sehr begrenzt."

Vor dem Denkmal auf dem Massoud-Platz in Kabul steht ein Taliban-Kämpfer. | AFP

In Kabul erinnert ein Platz und ein Denkmal an Massouds Vater. Kann der Sohn von dessen Ruf auch langfristig profitieren? Bild: AFP

Vorwürfe gegen die USA

Gegenüber Kontraste erklärt Massoud, man sei der internationalen Gemeinschaft dankbar für alles, was sie zusammen mit den Afghanen erreicht hätten. "Aber was wir nicht schätzen ist die Art und Weise, wie sie die Verhandlungen gehandhabt haben. Das war etwas, was uns in die Katastrophe geführt hat."

Seine Kritik richtet sich insbesondere gegen die USA und deren Sonderbeauftragten Zalmay Khalizad, der für die Trump-Regierung das Friedensabkommen mit den Taliban unterzeichnet hat. "Unglücklicherweise war die Grundlage für den Friedensprozess, bei dem Herr Khalilzad eingesetzt wurde, wirklich ein Rezept für eine Katastrophe und ein Desaster. Und Herr Khalilzad wusste davon, als er im Alleingang dafür sorgte, dass Afghanistan seinen Besitz, seine Regierung, seine Armee, seine Errungenschaften der letzten zwei Jahrzehnte, einfach alles, verlor. Das ist der Grund, warum das passiert ist."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. August 2021 um 06:00 Uhr in den Nachrichten.