Menschen gehen auf einer Straße in der Nähe des Baron-Hotels beim Abbey Gate des Flughafens von Kabul. | via REUTERS

Flughafen Kabul Tausende warten noch auf Ausreise

Stand: 27.08.2021 18:50 Uhr

Einen Tag nach dem Anschlag warten erneut Tausende Menschen am Flughafen Kabul auf eine Chance zur Ausreise. Nach Angaben der USA gab es doch nur einen Selbstmordattentäter - die Opferzahl steigt auf mindestens 182.

Auf dem Gelände des Flughafens der afghanischen Hauptstadt Kabul warten nach US-Angaben noch rund 5400 Menschen auf eine Chance zur Ausreise. US-General Hank Taylor sagte, die USA könnten bis zum "allerletzten Moment" ihres Militäreinsatzes in Afghanistan Ausreisewillige ausfliegen. Die Streitkräfte hätten die Fähigkeit, "bis ganz zum Ende" des Einsatzes Menschen an Bord von Militärmaschinen mitzunehmen. Die USA wollen bis kommenden Dienstag alle Soldaten aus Afghanistan abziehen.

Die Bundeswehr hat ihren Evakuierungseinsatz bereits beendet - obwohl noch Tausende Menschen auf ihre Ausreise nach Deutschland warten. Es seien noch etwa 300 Deutsche und mehr als 10.000 Afghanen mit Ausreisewunsch beim Auswärtigen Amt registriert, teilte das Ministerium mit. Die Lage am Flughafen schätzt das Krisenreaktionszentrum des Amts weiter als "hochgefährlich" ein und warnte deutsche Staatsbürger davor, sich in der Nähe des Flughafens aufzuhalten.

"Konkrete, glaubwürdige Drohungen" vor weiteren Angriffen

Auch Pentagon-Sprecher John Kirby sagte, nach dem tödlichen Anschlag am Kabuler Flughafen vom Vortag drohten weitere Angriffe. Es gebe nach wie vor "konkrete, glaubwürdige Drohungen".

Das US-Verteidigungsministerium gab zudem bekannt, dass bei dem Anschlag wohl doch nur ein Selbstmordattentäter beteiligt war. Eine Mitteilung des US-Militärs, wonach es neben der Explosion am Abbey-Tor des Flughafens auch noch eine Detonation am nahe gelegenen Baron Hotel durch einen zweiten Attentäter gegeben habe, sei falsch gewesen, sagte General Taylor. Den Fehler begründete er damit, dass die Lage unmittelbar nach dem Anschlag unübersichtlich und chaotisch gewesen sei.

Die Zahl der Toten nach dem Anschlag ist weiter gestiegen. Neben 13 US-Soldaten seien mindestens 169 Afghanen ums Leben gekommen, erfuhr die Nachrichtenagentur AP aus afghanischen Behördenkreisen. Insgesamt wären das 182 Tote. Eine offizielle Bestätigung für die Zahl lag zunächst nicht vor.

UN: Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden

Der UN-Sicherheitsrat forderte Konsequenzen für die Täter und Hintermänner des Attentats. Die Täter, Initiatoren, Geldgeber und Unterstützer "dieser verwerflichen Terrorakte" müssten zur Rechenschaft gezogen werden, erklärten die 15 Mitglieder des höchsten UN-Gremiums in einer gemeinsamen Erklärung. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten alle Staaten entsprechend ihrer Verpflichtungen aus dem Völkerrecht und Resolutionen des UN-Sicherheitsrates mit allen zuständigen Stellen "aktiv zusammenarbeiten".

Der UN-Sicherheitsrat verurteilte den Anschlag "auf das Schärfste". Er bekräftigte zudem, wie wichtig es sei, in Afghanistan "gegen Terrorismus zu kämpfen". Das Staatsgebiet Afghanistans dürfe nicht dazu genutzt werden, um ein anderes Land zu bedrohen oder anzugreifen. Afghanische Gruppen oder einzelne Afghanen dürften keine Terroristen in anderen Ländern unterstützen. Der UN-Sicherheitsrat rief zudem alle Beteiligten auf, "die sichere Evakuierung von Zivilisten" aus Afghanistan zu unterstützten.

Die UN rechnen aufgrund der Situation mit vielen weiteren Flüchtlingen aus Afghanistan. 515.000 Menschen könnten das Land im schlimmsten Fall noch in diesem Jahr verlassen, berichtete das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Wie sich die Lage tatsächlich entwickele, sei jetzt noch nicht abzusehen.

Nachbarstaaten haben bereits 2,2 Millionen Afghaninnen und Afghanen aufgenommen. 90 Prozent davon seien im Iran und in Pakistan, weitere in Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. Die Vereinten Nationen riefen die Weltgemeinschaft auf, die Nachbarstaaten Afghanistans finanziell zu unterstützen.

Medizinisches Material reicht nur noch wenige Tage

Zudem wird nach Angaben der UN das medizinische Material zur Versorgung der Bevölkerung knapp. Der Vorrat an Medikamenten und medizinischen Geräten reiche nur noch für einige wenige Tage, erklärte Rick Brennan, der regionale Notfalldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Lieferungen über den Flughafen der Hauptstadt Kabul seien nicht möglich, sagte Brennan. Das Chaos und die Gewalt erlaubten das nicht. Die WHO versuche nun, Transporte über den Flughafen in Masar-i-Scharif im Norden des Landes abzuwickeln. Die Versicherungskosten für Flüge nach Afghanistan seien in die Höhe geschossen. Wenn das geklärt sei, könne hoffentlich nach zwei oder drei Tagen mit den Transporten begonnen werden.

Brennan betonte, dass noch 97 Prozent aller Krankenhäuser in Afghanistan betrieben werden könnten. Die WHO und die UN würden weiter den leidgeprüften Menschen zur Seite stehen, versicherte er.

NATO gibt zivile Vertretung in Afghanistan auf

Die NATO kündigte kurz vor dem Ende des militärischen Evakuierungseinsatzes am Flughafen von Kabul die Aufgabe ihrer zuletzt dorthin verlegten zivilen Vertretung an. Er verlasse Kabul schweren Herzens, schrieb Botschafter Stefano Pontecorvo auf Twitter. Sein Dank gelte allen Beteiligten der massiven Evakuierungsanstrengungen.

Der Italiener Pontecorvo war zuletzt der ranghöchste Vertreter der NATO in Afghanistan, nachdem die Allianz ihren Militäreinsatz in dem Land eingestellt hatte. Sämtliche noch im Land weilenden Soldaten aus Staaten wie den USA stehen bereits seit Wochen vollständig unter der Führung der nationalen Kommandoketten.

Zivile Mitarbeiter der NATO unterstützten bis zuletzt aber noch die Aufrechterhaltung des Betriebs des internationalen Flughafens, um den nach der Machtübernahme der Taliban eingeleiteten Evakuierungseinsatz zu ermöglichen. Ob die Aufgabe der zivilen Vertretung bereits seit längerem geplant war oder infolge des verheerenden Anschlags am Vortag erfolgte, ließ die NATO offen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. August 2021 um 16:00 Uhr.