Afghanen durchschreiten eine Sicherheitsbarriere bei der Einreise nach Pakistan.

Afghanistan UN erwarten weitere Hunderttausende Flüchtlinge

Stand: 27.08.2021 16:26 Uhr

Mehr als zwei Millionen Afghanen sind bereits in die Nachbarländer geflüchtet - nach Angaben der Vereinten Nationen könnten viele weitere folgen. Deshalb rufen die UN nun dazu auf, die angrenzenden Staaten finanziell zu unterstützen.

Die Vereinten Nationen (UN) bereiten sich auf die Flucht von weiteren Hunderttausenden Flüchtlingen aus Afghanistan vor. 515.000 Menschen könnten das Land im schlimmsten Fall noch in diesem Jahr verlassen, berichtete das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Wie sich die Lage tatsächlich entwickele, sei jetzt noch nicht abzusehen. Die stellvertretende Hochkommissarin für Flüchtlinge, Kelly Clements, betonte, dass an den Grenzübergängen Richtung Iran und Pakistan noch keine größeren Flüchtlingsgruppen angekommen seien.

Nachbarstaaten haben bereits 2,2 Millionen Afghaninnen und Afghanen aufgenommen. 90 Prozent davon seien im Iran und in Pakistan, weitere in Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. Seit Beginn des Jahres seien zudem mehr als 558.000 Menschen innerhalb des Landes am Hindukusch vor Terror und Gewalt und geflüchtet.

Hilfsorganisationen benötigen 254 Millionen Euro zusätzlich

Die Vereinten Nationen riefen die Weltgemeinschaft auf, die Nachbarstaaten Afghanistans finanziell zu unterstützen. Insgesamt brauchen den Angaben zufolge elf UN- und Hilfsorganisationen für die Vorbereitung auf weitere afghanische Flüchtlinge in der Region bis Ende des Jahres zusätzlich etwa 254 Millionen Euro. Damit sollen Zelte, Hygieneartikel und Nahrungsmittel beschafft werden.

Sollte das schlimmste Szenario Wirklichkeit werden, müsse die Summe erheblich aufgestockt werden, sagte Clements. Das UNHCR hofft auf Geld von Regierungen, Unternehmen und Privatspenden. Die bestehenden Programme zur Unterstützung der seit Jahren im Iran und in Pakistan beherbergten afghanischen Flüchtlinge sind nach UNHCR-Angaben bislang zu weniger als 50 Prozent finanziert.

Auch für die humanitäre Hilfe innerhalb Afghanistans fehlen die Mittel. Die humanitären Organisationen hatten schon im Dezember 2020 um 1,3 Milliarden Dollar gebeten. Davon waren aber bis diese Woche erst 39 Prozent zusammengekommen.

Medizinisches Material reicht nur noch wenige Tage

Zudem wird nach Angaben der UN das medizinische Material zur Versorgung der Bevölkerung knapp. Der Vorrat an Medikamenten und medizinischen Geräten reiche nur noch für einige wenige Tage, erklärte Rick Brennan, der regionale Notfalldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Lieferungen über den Flughafen der Hauptstadt Kabul seien nicht möglich, sagte Brennan. Das Chaos und die Gewalt erlaubten das nicht. Die WHO versuche nun, Transporte über den Flughafen in Masar-i-Scharif im Norden des Landes abzuwickeln. Die Versicherungskosten für Flüge nach Afghanistan seien in die Höhe geschossen. Wenn das geklärt sei, könne hoffentlich nach zwei oder drei Tagen mit den Transporten begonnen werden.

Brennan betonte, dass noch 97 Prozent aller Krankenhäuser in Afghanistan betrieben werden könnten. Die WHO und die UN würden weiter den leidgeprüften Menschen zur Seite stehen, versicherte er.

Mehr als 18 Millionen Afghanen sind auf Nothilfe angewiesen

In dem Land übernahmen vor knapp zwei Wochen die radikal-islamischen Taliban die Macht. Nach den Terroranschlägen mit zahlreichen Toten am Flughafen in Kabul ist die Lage in Afghanistan noch angespannter als in den Tagen zuvor.

Die humanitäre Krise in Afghanistan gehört laut den UN zu den schlimmsten der Welt. Die Gewalt, eine anhaltende Dürre und die Folgen der Corona-Pandemie haben verheerende Auswirkungen auf die Menschen. Mehr als 18 Millionen Afghaninnen und Afghanen sind auf Nothilfe angewiesen, etwa eine Million Kinder schwebt in Gefahr, in nächster Zeit zu verhungern.

Dieser Beitrag lief am 27. August 2021 um 17:15 Uhr auf NDR Info.