Hilfsorganisationen verteilen Lebensmittel an Flüchtlinge in Kabul (Afghanistan) | AFP
Interview

Lage in Kabul "Die Menschen fühlen sich verlassen"

Stand: 13.08.2021 17:11 Uhr

Tausende Afghanen haben sich vor dem Vormarsch der Taliban in die Hauptstadt Kabul geflüchtet, sagt der Caritas-Vertreter Recker im Interview mit tagesschau24. Hilfsorganisationen versuchen, mit Nahrung und Decken zu helfen.

tagesschau24: Wir hören hier in Deutschland, wie die Taliban eine Stadt nach der anderen für sich reklamieren. Welchen Eindruck haben Sie vor Ort - spürt man schon, wie die Taliban quasi vor den Toren der Stadt stehen?

Stefan Recker: Vor den Toren Kabuls stehen die Taliban noch nicht, das wird noch ein paar Tage dauern. Es gibt eine gewisse Anspannung hier, aber das Leben in Kabul geht eigentlich ganz normal weiter, bis auf die vielen Binnenflüchtlinge, die hier auf offener Straße in den Parks campieren.

Tausende sind nach Kabul geflüchtet

tagesschau24: Wie viele Menschen sind schon nach Kabul gekommen? Lässt sich das irgendwie beziffern?

Recker: Genau beziffern kann man das kaum. Es sind auf jeden Fall mehrere Tausend. Es gibt in Afghanistan seit Anfang des Jahres insgesamt 360.000 offiziell registrierte Binnenflüchtlinge, und das werden in den vergangenen Tagen noch ein paar mehr geworden sein. Ich gehe davon aus, dass es 10.000 bis 20.000 Binnenflüchtlinge geschafft haben, nach Kabul zu kommen. Sie sind teilweise bei Verwandten untergekommen, kampieren aber auch auf offener Straße in Parks.

tagesschau24: Wie können Sie diesen Menschen dann helfen?

Recker: Die anderen nationalen und internationalen Hilfsorganisationen, die hier noch vor Ort tätig sind - genauso wie wir von Caritas International - planen und führen Hilfsprojekte durch. Es geht um Verteilungsmaßnahmen, Nahrungsmittel, Decken, Zelte, Trinkwasserversorgung. Das läuft alles an und wird in der kommenden Woche dann noch weiter fortgesetzt.

Stefan Recker | Stefan Recker
Zur Person

Stefan Recker leitet seit 2014 die Vertretung von Caritas international in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Der 57-Jährige kennt das Land wie nur wenige - insgesamt hat er seit 1995 mehr als 15 Jahre in dem Land gelebt und gearbeitet.

Viele Gerüchte - und Gründe zu fliehen

tagesschau24: Wenn die Geflüchteten jetzt in der Stadt sind, um dort Schutz zu suchen, und dann die Taliban, wie befürchtet, in einigen Tagen kommen - was heißt das dann für die Menschen?

Recker: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich glaube, die Menschen sind geflüchtet, um unmittelbaren Kriegsauswirkungen zu entgehen, um nicht ein Kollateralschaden bei Schießereien zu werden. Aber sie sind auch aus Furcht vor Repressalien der Taliban geflüchtet. Es gibt ja sehr gemischte Nachrichten, aber auch viele Gerüchte. Was ich beispielsweise gehört habe, ist, dass die Taliban gezielt Regierungsmitarbeiter verfolgen und Angehörige der Streitkräfte, die geflüchtet sind. Falls sie diese nicht finden, halten sie sich an ihre Familien. Wie gesagt, das sind Gerüchte. Man weiß nichts Genaues, aber die Tatsache ist: Die Menschen fliehen, und sie werden sicherlich auch einen guten Grund haben zu fliehen.

tagesschau24: Jetzt kommen die Taliban ja nicht aus dem Nichts. Sie haben ja durchaus auch Anhänger im Land. Wie muss man sich die Stimmung in Kabul vorstellen, wenn unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen? Ist man da "fifty-fifty" dafür oder dagegen ist, dass die Taliban im Land mehr Macht gewinnen?

Recker: Das wird mit Sicherheit nicht offen ausgesprochen. Wir haben in unserem Büro 27 nationale Teammitglieder - von denen ist keiner offen für die Taliban. Allerdings ist auch keiner offen für die momentane Regierung. Ich glaube, die Frage, ob man für die Taliban ist oder nicht, zieht sich nicht durch die Gesellschaft. Die Taliban sind eine Art Parallelgesellschaft, die vom regionalen Ausland unterstützt wird. Das ist eine sehr vielschichtige Sache. Aber bei uns in Kabul habe ich noch nie von jemandem gehört, der sagt: 'Das wäre eigentlich gar nicht so schlecht, wenn die Taliban kämen.' Das habe ich in den vergangenen 20 Jahren noch nie gehört.

"Vieles wurde versäumt"

tagesschau24: Wie sehr fühlen sich die Menschen entsprechend von den internationalen Truppen im Stich gelassen, weil die sich komplett zurückgezogen haben?

Recker: Sie fühlen sich schon verlassen. Allerdings sage ich den Kolleginnen und Kollegen immer: Es gab 20 Jahre Zeit, um das Land aufzubauen. Da wurden viele Sachen versäumt, sowohl von afghanischer Regierungsseite als auch von der internationalen Seite. Aber wenn man mit dem Finger auf andere zeigt, dann zeigt man mit drei Fingern auf sich selbst. Ich denke, es ist erstens noch zu früh und zweitens momentan die falsche Situation, um zu eruieren, wo was schiefgelaufen ist. Das muss auf jeden Fall irgendwann einmal gemacht werden. Nur ist es momentan nicht die Situation dafür.

tagesschau24: Es wirkt, als wäre Afghanistan quasi an die Taliban verloren. Die Bundesregierung droht jetzt damit, keine Entwicklungshilfe mehr zu zahlen, insbesondere falls die Taliban ein Kalifat errichten sollten. Glauben Sie, die lassen sich davon beeindrucken?

Recker: Ich habe das Zitat von Außenminister Maas nicht im Kopf. Aber ich bin mir sicher, er meinte die 400 Millionen Euro Budgethilfe, die jährlich von deutscher Seite aus der afghanischen Regierung gezahlt werden. Ich glaube nicht, dass er die Entwicklungshilfe meinte, die für tatsächliche Maßnahmen hier aufgewendet wird, - und schon gar nicht die Nothilfe, mit der wir von Caritas International zum Beispiel hier arbeiten. Abgesehen davon glaube ich nicht, dass die Taliban sich davon stark beeindrucken lassen. Sie möchten zwar internationale Hilfe, aber ich denke, bei einer Machtübernahme werden sich auch andere Nationen melden, die Finanzhilfe leisten werden.

"Die Hilfsgelder kommen an"

tagesschau24: Wenn die Nothilfe weiter fließt, kommt sie tatsächlich bei Ihnen und bei den Hilfsorganisationen an, wenn die Taliban die Macht übernehmen?

Recker: Mit Sicherheit. Da gibt es ganz klare Buchprüfungsregeln. Wir sind dazu verpflichtet, das Geld sachgemäß auszugeben. Wir werden jedes Jahr hier im Büro in Kabul geprüft. Es gibt bei unserem Hauptbüro in Deutschland Buchprüfungen. Das ist ganz klar: Die entsprechenden Summen kommen bei den Hilfsbedürftigen an

tagesschau24: Welchen Eindruck haben Sie: Haben 20 Jahre internationaler Militäreinsatz in Afghanistan irgendetwas gebracht?

Recker: Zum Militäreinsatz kann ich nichts sagen. Ich bin kein Militärexperte. Ich arbeite für eine Hilfsorganisation. Aus der Sicht einer Hilfsorganisation und auch der Entwicklungszusammenarbeit haben die vergangenen 20 Jahre mit Sicherheit etwas gebracht. Angefangen von Bauern auf dem Land, die jetzt mehr ernten können, eine größere Spannbreite an Feldfrüchten, die dadurch ihre Ernährung und ihr Einkommen verbessern konnten. Über Frauen, die Einkommen haben, indem sie jetzt arbeiten gehen als Lehrerin, als Ingenieurin, als Ärztin bis zu der noch sehr lebendigen Zivilgesellschaft, der sehr lebendigen Presselandschaft. Da hat sich schon etwas getan. Was den Militärrat betrifft, dazu möchte und kann ich nichts sagen.

Die Fragen stellte André Schünke, tagesschau24. Das Interview wurde für die schriftliche Fassung leicht angepasst.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. August 2021 um 13:00 Uhr.