Markus Kaim | swp-berlin.org
Interview

Lage nach NATO-Abzug "Afghanistan ist für den Westen verloren"

Stand: 10.08.2021 03:29 Uhr

Die Eroberung von Kundus durch die Taliban hat international Bestürzung ausgelöst. Der Afghanistan-Experte Kaim sagt, nun würden sich am Hindukusch Fehlentscheidungen und Illusionen der vergangenen Jahre zeigen.

tagesschau.de: Wie bedeutend ist die Einnahme von Kundus für den weiteren Verlauf des Bürgerkriegs in Afghanistan?

Markus Kaim: Die Einnahme von Kundus ist militärisch nicht von besonderer Bedeutung. Es ist vor allem ein Symbol für den deutschen Kontext, weil Kundus ein bedeutender Stationierungsort der Bundeswehr während ihres Afghanistan-Einsatzes gewesen ist. Ansonsten ist Kundus eine Provinzhauptstadt wie viele andere auch. Die Ereignisse der vergangenen Tage stehen für eine Entwicklung in den vergangenen Monaten - auf der einen Seite gibt es ergebnislose politische Verhandlungen in Doha, und auf der anderen Seite gibt es eine militärische Dynamik zugunsten der Taliban. Die afghanischen Sicherheitskräfte sind offensichtlich nicht fähig oder nicht willens, unter diesen verschärften Bedingungen und ohne westliche Unterstützung für Sicherheit zu sorgen. Die Erwartung in vielen westlichen Hauptstädten, dass gut ausgebildete und gut ausgerüstete afghanischen Sicherheitskräften ausreichen würden, um der Taliban Herr zu werden, stellt sich als Illusion heraus.

Markus Kaim | swp-berlin.org
Zur Person

Markus Kaim ist Senior Fellow in der Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik" der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

"An den falschen Stellschrauben gedreht"

tagesschau.de: Woher kommt denn diese Fehleinschätzung? Man hat die afghanischen Sicherheitskräfte doch über Jahre ausgebildet und stellt jetzt fest, dass diese Truppe den Taliban herzlich wenig entgegenzusetzen hat.

Kaim: Die NATO hat an den falschen Stellschrauben gedreht. In einem westlichen Glauben an das Machbare hat man auf technische Aspekte wie den Ausbildungs- und den Ausrüstungsstand verwiesen und dabei ausgeblendet, dass eine zentrale Frage die der politischen Loyalität ist. Es gab immer die Annahme, dass man Streitkräfte ausbildet, die loyal zur afghanischen Regierung  stünden. Jetzt sehen wir, dass viele Angehörige desertieren, die Waffen von sich werfen, Stellungen kampflos an die Taliban übergeben, nicht die Kampfkraft entwickeln, die man ihnen zugeschrieben hat. Nun stellt sich heraus, dass die politische Loyalität offensichtlich nicht der Zentralregierung, sondern lokalen Machthabern, Warlords und anderen Akteuren gilt.

tagesschau.de: Es sieht deshalb danach aus, als sei der Vormarsch der Taliban kaum noch aufzuhalten. Was bedeutet das für die sogenannten Friedensverhandlungen in Doha, die bislang ohne Ergebnis geblieben sind? Haben diese jetzt noch einen Wert?

Kaim: Angesichts der erkennbaren militärischen Dominanz der Taliban wäre es eine Illusion an eine Übereinkunft zu glauben, dass die afghanische Regierung ihnen politisch entgegenkommen würde, wenn sie sich militärisch zurückhalten oder bestimmte Rahmenbedingungen akzeptieren würden. Warum sollten sie das tun? Sie sind militärisch erfolgreich und können alle ihre Ziele erreichen. Niemand kann vorhersagen, ob Kabul fallen wird, ob die Taliban das gesamte Land erobern oder ob es zu einer faktischen Zweiteilung des Landes kommen wird. Viel entscheidender ist, dass die Taliban in der politischen Zukunft des Landes eine zentrale Stellung einnehmen werden, und das sehen viele regionale Akteure und Anrainer schon lange so. Sie werden von Moskau hofiert, sie werden von Peking hofiert.

"Nur schlechte Optionen"

tagesschau.de: War es ein Fehler, ohne Übereinkunft mit den Taliban abzuziehen?

Kaim: In Afghanistan gibt es leider nur schlechte Optionen. Die erste ist der unkonditionierte Abzug, ohne Bedingungen im Sinne von "wenn-dann", von denen im vergangenen Jahr die Rede war: Wenn die Taliban einen Waffenstillstand verkündeten und sich daran hielten, zöge die NATO ihre Truppen ab; wenn sie einer Einheitsregierung zustimmen; wenn sie einer Integration ihrer Kämpfer in die nationalen Sicherheitskräfte zustimmen und so weiter. Davon ist keine Rede mehr. Aber die andere Option - einfach bleiben, um die Errungenschaften der vergangenen 20 Jahre zu schützen - ist auch nicht realistisch. Die internationale Gemeinschaft hat in Afghanistan einen erheblichen Aufwand betrieben, einen hohen Blutzoll entrichtet, um jetzt festzustellen, dass die Bemühungen nicht ausreichend waren. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie im 21. oder 22. Jahr ausreichend sein würden. Das wäre eine Option ohne erkennbares Ende, und dafür gibt es in Washington, aber auch vielen anderen Hauptstädten keine politische Bereitschaft mehr.

Ich habe den Eindruck, dass in Berlin manche Politiker über die amerikanische Entscheidung nicht ganz undankbar sind. Der Entschluss von Präsident Biden machte es der deutschen Politik möglich, sich hinter dem Abzugsbeschluss gewissermaßen zu verschanzen: 'Wir würden eigentlich bleiben, aber ohne die USA ist das nicht möglich.' Dass Biden Trumps Kurs hier unverändert fortgesetzt hat, erlaubt der deutschen Politik, sich gesichtswahrend aus Afghanistan zu verabschieden.

tagesschau.de: Kann man nun auf die Taliban überhaupt noch einwirken, wenn man etwas retten will vom Erreichten?

Kaim: Ich glaube nicht, dass überhaupt noch jemand auf die Taliban in einem westlichen Sinn einwirken kann. Es gehört zu einem Mantra westlicher und auch deutscher Politik, dass die Taliban nicht wieder ein Regime wie Ende der 1990er-Jahre errichten werden, weil sie ein Interesse an westlichen Hilfszahlungen haben. Ob das aber ein wirksamer Hebel bei einem ideologisch aufgeladenen Regime sein kann, sei dahingestellt. Wenn das Argument aber nicht greift, bleibt nichts als ein Vakuum, das der Westen, die NATO, die USA hinterlassen, und das wird in einer geopolitisierten Welt sofort gefüllt werden. So lese ich die russischen und chinesischen Avancen gegenüber den Aufständischen, die nicht auf eine militärische Unterstützung der Taliban hinauslaufen. Vielmehr signalisieren sie, dass Russland und China jeden Herrscher in Afghanistan akzeptieren, solange ihre Interessen gewahrt bleiben.

Afghanistan ist wahrscheinlich für den Westen erst einmal verloren. In der Ära geopolitischer Rivalitäten wird Afghanistan zum Anziehungsort für regionale Hegemonialmächte. Der Westen wird hier erst einmal nichts mehr zu sagen haben. Die NATO betont, Afghanistan werde Partnerland bleiben. Aber wie soll das nach einer Machtübergabe der Taliban gehen? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de