US-Soldaten bei einer Schulung (Achivbild) | JALIL REZAYEE/EPA-EFE/REX

Vormarsch der Taliban USA wollen Tausende aus Kabul ausfliegen

Stand: 13.08.2021 22:12 Uhr

Nur wenige Kilometer sind die Taliban von Kabul entfernt. Die USA bereiten sich bereits auf einen raschen Abzug vor, Tausende Menschen könne man pro Tag ausfliegen. UN-Generalsekretär Guterres warnte die Taliban.

Die US-Streitkräfte können bei Bedarf nach eigenen Angaben täglich Tausende Menschen aus Kabul ausfliegen. Die Kapazität für den Lufttransport sei "kein Problem", sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby. Wie viele Menschen aber tatsächlich befördert würden, hänge vom Außenministerium ab, betonte er.

Das US-Militär schickt rund 3000 Soldaten als Verstärkung zum Flughafen der afghanischen Hauptstadt, um den Abzug des Personals der US-Botschaft in Kabul zu unterstützen. Bis spätestens Sonntag soll der Großteil der Soldaten ankommen. Am Freitag trafen laut Pentagon erste Soldaten eines Bataillons der US-Marineinfanterie in Kabul ein. Sie sollen auch dabei helfen, frühere afghanische Mitarbeiter der US-Behörden und des Militärs, die sich vor den Taliban in Sicherheit bringen wollen, außer Landes zu bringen.

Der Abzug der US-Soldaten aus Afghanistan soll trotz der jüngsten Eskalation wie geplant bis 31. August abgeschlossen werden.

18 von 34 Provinz-Hauptstädten eingenommen

Zuletzt hatte sich die Sicherheitslage in Afghanistan dramatisch verschlechtert. Die Taliban eroberten in kurzer Zeit große Teile des Landes. Mindestens 18 der 34 Provinz-Hauptstädte sind unter ihrer Kontrolle. Zuletzt standen die Kämpfer nur noch rund 50 Kilometer vor Kabul, wie ein Regionalparlamentarier der Provinz Logar mitteilte.

Nach Ansicht des US-Verteidigungsministeriums versuchen die Taliban, Kabul mit ihrem jüngsten Vormarsch vom Rest des Landes abzuschneiden. "Wenn man sich anguckt, was die Taliban zuletzt getan haben, kann man sehen, dass sie versuchen, Kabul zu isolieren", sagte Kirby. In akuter Bedrohung sieht Kirby die afghanische Hauptstadt derzeit aber nicht. Dennoch: Man beobachte mit "großer Sorge", in welcher Geschwindigkeit die Taliban ihre Kontrolle in Afghanistan ausbauten sowie den "Mangel an Widerstand, mit dem sie konfrontiert sind", sagte Kirby weiter.

Es wird geschätzt, dass es rund 300.000 afghanische Sicherheitskräfte und 60.000 Taliban-Kämpfer gibt. Die afghanische Armee ist zudem besser ausgerüstet. Warum die Armee trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit so schnell von den Taliban besiegt wird, ist unklar. Offenbar ergeben sich einige Soldaten aus Furcht vor der Rache der Islamisten kampflos.

"Afghanistan gerät außer Kontrolle"

UN-Generalsekretär Antonio Guterres warnte vor einer Verschlechterung der Lage. "Afghanistan gerät außer Kontrolle", erklärt er und fordert die Taliban auf, ihre Offensive sofort zu stoppen. Die Staatengemeinschaft müsse deutlich machen, dass "eine Machtergreifung durch militärische Gewalt ein aussichtsloses Unterfangen ist". Dies könne nur "zu einem längeren Bürgerkrieg oder in die komplette Isolation Afghanistans führen".

Er sei zutiefst beunruhigt über erste Hinweise darauf, dass die Taliban harte Restriktionen in den Gebieten unter ihrer Kontrolle verhängten, insbesondere gegen Frauen und Journalisten, sagte Guterres. "Es ist besonders entsetzlich und herzzerreißend, Berichte zu sehen, wie afghanischen Mädchen und Frauen die hart erkämpften Rechte entrissen werden."

Sendungsbild

Die Taliban habe inzwischen große Teile des Landes erobert. Die grauen Bereiche kontrolliert die Regierung.

Deutschland zieht Botschaftspersonal ab

Aus Sorge um die Mitarbeiter in der deutschen Botschaft hatte die Bundesregierung angekündigt, das Personal nun auf das "absolute Minimum" zu reduzieren. Die Botschaftsmitarbeiter werden mit Chartermaschinen ausgeflogen. Darin würden auch afghanische Ortskräfte, die früher für die Bundeswehr oder Bundesministerien gearbeitet haben oder heute noch für sie arbeiten, nach Deutschland gebracht.

Auch andere Länder wie Großbritannien wollen ihre Landsleute und afghanische Dolmetscher zügig aus dem Land holen. Um dies zu ermöglichen, werde man 600 Soldaten nach Afghanistan schicken, teilte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace mit. Den Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan bezeichnete er als einen "Fehler". Die internationale Gemeinschaft werde für diesen im Abkommen von Doha vereinbarten Abzug "wahrscheinlich die Konsequenzen" zu tragen haben, sagte Wallace dem Sender Sky News. Das Terrornetzwerk Al-Kaida werde "wahrscheinlich" nach Afghanistan zurückkommen und "für uns und unsere Interessen eine Bedrohung darstellen". 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. August 2021 um 20:00 Uhr.