Ein geschlossener Markt in Kandahar Anfang August, bevor die Taliban die Stadt einnahmen (Archivbild). | EPA

Afghanistan Taliban nehmen Kandahar ein

Stand: 13.08.2021 07:37 Uhr

Die Taliban haben in Afghanistan ihren Eroberungszug fortgesetzt und mit Kandahar die zweitgrößte Stadt des Landes eingenommen. Die USA und Großbritannien schicken Truppen, um den Abzug von diplomatischem Personal zu schützen.

Die radikalislamischen Taliban haben bei ihrem Vormarsch in Afghanistan nach eigenen Angaben die zweitgrößte Stadt Kandahar eingenommen. "Kandahar ist vollkommen erobert", erklärte ein Taliban-Sprecher auf Twitter. "Die Mudschaheddin haben den Märtyrerplatz in der Stadt erreicht."

Ein Anwohner sagte der Nachrichtenagentur AFP, die afghanische Armee habe offenbar den Rückzug angetreten. Zahlreiche Soldaten begaben sich demnach zu einer Militäreinrichtung außerhalb der Stadt. Die wichtigsten Regierungseinrichtungen der Stadt im Süden des Landes seien in den Händen der Islamisten, bestätigten auch zwei Parlamentarier und ein Provinzrat der Nachrichtenagentur dpa.

Auch die wichtige Stadt Laschkargah im Süden Afghanistans ist laut Regionalpolitikern, auf die sich die Agenturen dpa und AFP berufen, nun vollständig in die Hände der Taliban gefallen. Die Hauptstadt der Provinz Helmand war seit Wochen schwer umkämpft.

Karte von Afghanistan mit Kabul, Kandahar, Laschkargah, Herat, und Kundus

Taliban erobern drittgrößte Stadt

Bereits zuvor hatten die Taliban ihren Eroberungszug in Afghanistan fortgesetzt. Offenbar nahmen sie auch die drittgrößte Stadt des Landes ein: Die wichtigsten Regierungseinrichtungen von Herat im Westen des Landes seien in den Händen der Islamisten, bestätigten drei lokale Behördenvertreter der Nachrichtenagentur dpa. Nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP nahmen die Extremisten unter anderem das Polizeihauptquartier ein und hissten ihre Flagge auf dem Dach.

Dem Fall der historischen Stadt mit geschätzt 600.000 Einwohnern waren wochenlange Angriffe vorausgegangen. Die Taliban konnten zunächst von den Sicherheitskräften und Milizen des dort heimischen Politikers und ehemaligen Kriegsfürsten Ismail Chan in Schach gehalten und teils auch wieder zurückgedrängt werden. 

Erst gestern morgen war die strategisch wichtige Stadt Ghasni im Südosten gefallen.

USA schicken 3000 zusätzliche Soldaten

Drei Großstädte, darunter die Hauptstadt Kabul, sind noch unter Kontrolle der Regierung. Doch angesichts des rasanten Eroberungszuges der Taliban rechnen US-Geheimdienste laut "Washington Post" damit, dass Kabul in 30 bis 90 Tagen in die Hände der Islamisten fallen könnte. US-Präsident Joe Biden hatte am Dienstag den Abzug des US-Militärs verteidigt. Die Afghanen müssten nun "selbst kämpfen, um ihren Staat kämpfen", sagte er im Weißen Haus.

Die USA hatten angekündigt, angesichts des Vormarsches der Taliban ihr Botschaftspersonal in den kommenden Wochen auf ein Minimum reduzieren zu wollen. Außerdem sollen 3000 zusätzliche Soldaten an den Flughafen Kabul verlegt werden, um den geordneten Abzug von Teilen des Personals zu unterstützen, teilten das US-Außen- und Verteidigungsministerium mit.

"Es handelt sich nicht um eine Evakuierung. Es handelt sich nicht um einen vollständigen Rückzug", betonte der Sprecher des Außenministeriums, Ned Price. Er machte keine Angaben dazu, wie viele Menschen die Botschaft verlassen werden. Man werde sich auf eine "diplomatische Kernpräsenz" vor Ort beschränken. Die Taliban hätten klar und deutlich gesagt, dass sie nicht darauf aus seien, diplomatische Einrichtungen anzugreifen, so Price. Man werde sich auf die Worte einer Gruppe wie der Taliban aber nicht verlassen. Aus diesem Grund treffe man nun "umsichtige Vorsichtsmaßnahmen".

Auch Großbritannien schickt Soldaten

Zuvor hatte Price mitgeteilt, dass die USA ihre früheren Ortskräfte in Afghanistan schneller als bisher außer Landes bringen wollten. Für Dolmetscher und andere afghanische Mitarbeiter, die bei einer Machtübernahme durch die Taliban Repressalien zu befürchten hätten, solle es künftig täglich Flüge geben, die sie außer Landes bringen.

Auch Großbritannien will seine Landsleute sowie afghanische Dolmetscher zügig aus dem Land holen. Um dies zu ermöglichen, werde man 600 Soldaten nach Afghanistan schicken, teilte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace mit. Der BBC zufolge befinden sich schätzungsweise noch rund 4000 Briten in Afghanistan.

US-Truppenabzug bis Ende August

Das US-Militär will das Land eigentlich bis Ende August verlassen. Dies sei auch weiter der Plan, betonte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby. Zurückbleiben sollen nach dem Abzug nur einige hundert Soldaten - vor allem um die US-Botschaft zu schützen. Zudem soll es eine recht kleine US-Präsenz am Flughafen geben.

US-Präsident Joe Biden hatte den Abzug im Frühjahr angeordnet. Damals waren noch rund 2500 US-Soldaten im Land gewesen. Bis Anfang der Woche war der Abzug aber bereits zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen, wie das US-Militär erklärt hatte.

Über dieses Thema berichtete das nachtmagazin am 13. August 2021 um 00:35 Uhr.