John Kirby | AP

Für den Abzug von Diplomaten USA schicken 3000 Soldaten nach Kabul

Stand: 12.08.2021 22:08 Uhr

Während die Taliban ihren Eroberungszug in Afghanistan fortsetzen, bereiten sich die USA und Großbritannien auf einen Umsturz in der Hauptstadt Kabul vor. Beide Länder wollen ihre Landsleute und afghanische Helfer zügig ausfliegen.

Die USA wollen angesichts des Vormarsches der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan ihr Botschaftspersonal in den kommenden Wochen auf ein Minimum reduzieren. Außerdem sollen 3000 zusätzliche Soldaten an den Flughafen Kabul verlegt werden, um den geordneten Abzug von Teilen des Personals zu unterstützen, teilten das US-Außen- und Verteidigungsministerium mit.

"Es handelt sich nicht um eine Evakuierung. Es handelt sich nicht um einen vollständigen Rückzug", betonte der Sprecher des Außenministeriums, Ned Price. Er machte keine Angaben dazu, wie viele Menschen die Botschaft verlassen werden. Man werde sich auf eine "diplomatische Kernpräsenz" vor Ort beschränken. Die Taliban hätten klar und deutlich gesagt, dass sie nicht darauf aus seien, diplomatische Einrichtungen anzugreifen, so Price. Man werde sich auf die Worte einer Gruppe wie der Taliban aber nicht verlassen. Aus diesem Grund treffe man nun "umsichtige Vorsichtsmaßnahmen".

Auch Großbritannien schickt Soldaten

Zuvor hatte Price mitgeteilt, dass die USA ihre früheren Ortskräfte in Afghanistan schneller als bisher außer Landes bringen wollten. Für Dolmetscher und andere afghanische Mitarbeiter, die bei einer Machtübernahme durch die Taliban Repressalien zu befürchten hätten, solle es künftig täglich Flüge geben, die sie außer Landes bringen.

Auch Großbritannien will seine Landsleute sowie afghanische Dolmetscher zügig aus dem Land holen. Um dies zu ermöglichen, werde man 600 Soldaten nach Afghanistan schicken, teilte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace mit. Der BBC zufolge befinden sich schätzungsweise noch rund 4000 Briten in Afghanistan.

US-Truppenabzug bis Ende August

Das US-Militär will das Land eigentlich bis Ende August verlassen. Dies sei auch weiter der Plan, betonte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby. Zurückbleiben sollen nach dem Abzug nur einige hundert Soldaten - vor allem um die US-Botschaft zu schützen. Zudem soll es eine recht kleine US-Präsenz am Flughafen geben.

US-Präsident Joe Biden hatte den Abzug im Frühjahr angeordnet. Damals waren noch rund 2500 US-Soldaten im Land gewesen. Bis Anfang der Woche war der Abzug aber bereits zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen, wie das US-Militär erklärt hatte.

Taliban erobern drittgrößte Stadt

Unterdessen setzten die Taliban ihren Eroberungszug in Afghanistan fort. Offenbar nahmen sie auch die drittgrößte Stadt des Landes ein: Die wichtigsten Regierungseinrichtungen von Herat im Westen des Landes seien in den Händen der Islamisten, bestätigten drei lokale Behördenvertreter der Nachrichtenagentur dpa. Nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP nahmen die Extremisten unter anderem das Polizeihauptquartier ein und hissten ihre Flagge auf dem Dach.

Erst am Morgen war die strategisch wichtige Stadt Ghasni im Südosten gefallen. Auch die zweitgrößte Stadt Kandahar ist schwer umkämpft. Dem Fall der historischen Stadt Herat mit geschätzt 600.000 Einwohnern waren wochenlange Angriffe vorausgegangen. Die Taliban konnten zunächst von den Sicherheitskräften und Milizen des dort heimischen Politikers und ehemaligen Kriegsfürsten Ismail Chan in Schach gehalten und teils auch wieder zurückgedrängt werden. 

Gefangene in eroberten Städten freigelassen

Provinzräte hatten seit dem Nachmittag von zunehmenden Gefechten in Herat berichtet. Die Taliban seien aus dem Osten in die Stadt vorgedrungen und bis zu 200 Meter an den Gouverneurssitz gelangt. Die Milizen von Ismail Chan seien im Westen der Stadt damit beschäftigt gewesen, einen Angriff der Islamisten abzuwehren. Auch vom Norden seien sie vorgerückt, sagte ein weiterer Provinzrat.

Am Abend seien schließlich der Gouverneurspalast, das Polizeihauptquartier und das Gefängnis unter Kontrolle der Taliban gewesen. Die Islamisten hätten, wie schon in anderen von ihnen eroberten Städten, die Gefangenen freigelassen.

Kabul könnte schon in 30 Tagen fallen

Mit Herat sind in weniger als einer Woche 11 der 34 Provinzhauptstädte an die Islamisten gefallen. Der überwiegende Teil davon liegt im Norden des Landes. Ghasni liegt von all den gefallenen Städten Kabul am nächsten.

Angesichts des rasanten Eroberungszuges der Taliban rechnen US-Geheimdienste laut "Washington Post" damit, dass die Hauptstadt Kabul in 30 bis 90 Tagen in die Hände der Islamisten fallen könnte. US-Präsident Joe Biden hatte am Dienstag den Abzug des US-Militärs verteidigt. Die Afghanen müssten nun "selbst kämpfen, um ihren Staat kämpfen", sagte er im Weißen Haus.