UN-Generalsekretär Antonio Guterres | EPA

Afghanistan Guterres warnt vor humanitärer Katastrophe

Stand: 01.09.2021 09:19 Uhr

UN-Generalsekretär Guterres hat dringend um Hilfsgelder für Afghanistan gebeten. Es drohe der Zusammenbruch der Grundversorgung. Migrationsexperte Knaus rechnet mit einer großen Fluchtbewegung - jedoch nicht nach Europa.

UN-Generalsekretär António Guterres hat nach dem Abzug der letzten US-Soldaten aus Afghanistan und dem Ende der Evakuierungsaktion vor dem völligen Zusammenbruch der Grundversorgung in dem Land gewarnt. "Eine humanitäre Katastrophe bahnt sich an", sagte Guterres.

Die Menschen verlören jeden Tag den Zugang zu elementaren Gütern und Dienstleistungen, erklärte Guterres. Fast die Hälfte der Bevölkerung Afghanistans - 18 Millionen Menschen - sei auf humanitäre Hilfe angewiesen, um zu überleben. "Jeder dritte Afghane weiß nicht, woher seine nächste Mahlzeit kommen wird. Mehr als die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren wird im nächsten Jahr voraussichtlich akut unterernährt sein."

Afghanische Flüchtlinge an der Grenze zu Pakistan | dpa

Viele Afghanen versuchen nach Pakistan zu fliehen. Bild: dpa

"Dunkelste Stunde der Not"

Guterres forderte alle Mitgliedstaaten auf, "sich für die Menschen in Afghanistan in ihrer dunkelsten Stunde der Not einzusetzen". Sie sollten rechtzeitig, flexibel und umfassend Mittel bereitstellen. Die afghanischen Kinder, Frauen und Männer bräuchten jetzt mehr denn je die Unterstützung und Solidarität der internationalen Gemeinschaft, sagte Guterres. In diesem Jahr hätten bereits acht Millionen Menschen Hilfe bekommen. In der kommenden Woche würden Einzelheiten über den dringendsten humanitären Bedarf und den Finanzierungsbedarf für die nächsten vier Monate bekannt gegeben.

Zu den Kriegsschäden in dem Land hinzu kommen eine schwere Dürre und der bevorstehende Winter. Daher müssten schnell Lebensmittel, Notunterkünfte und Medizinprodukte ins Land gebracht werden. Guterres appellierte an alle Beteiligten, "den sicheren und ungehinderten Zugang für lebensrettende und lebenserhaltende Hilfsgüter sowie für alle humanitären Helfer - Männer und Frauen - zu ermöglichen".

Experte rechnet mit großer Fluchtbewegung

Angesichts der humanitären Notlage in Afghanistan rechnet der Migrationsexperte Gerald Knaus mit größeren Fluchtbewegungen aus dem Land. "Man muss sicher damit rechnen, dass es in naher Zukunft sehr viele Menschen in Afghanistan geben wird, die fliehen müssen", sagte Knaus der "Rheinischen Post". Das sei aus Angst vor den militant-islamistischen Taliban der Fall, wegen der humanitären Situation und der Unsicherheit über die Dauer des Konflikts.

Die entscheidende Frage sei, ob eine Flucht möglich sei, sagte Knaus. Dies hänge von den Nachbarstaaten ab. "Wenn Pakistan und der Iran ihre Grenzen mit Gewalt schließen, so wie das heute alle Nachbarländer Syriens tun, dann wird es nicht vielen Menschen gelingen, herauszukommen." Knaus ist der Leiter der Denkfabrik Europäische Stabilitätsinitiative (ESI), die den Plan für die Rücknahmevereinbarung mit der Türkei zu syrischen Flüchtlingen entwickelt hatte.

Andere Situation als 2015

Größere illegale Fluchtbewegungen nach Europa schloss er dagegen aus. "Was es ganz sicher nicht geben wird, ist eine größere irreguläre Migration wie 2015 bis in die Europäische Union", sagte der Migrationsforscher. Die dafür wichtigste Grenze zwischen der Türkei und dem Iran sei heute "mit Mauern, Drohnen und Zehntausenden Soldaten hart abgeriegelt". Vergleiche mit der Lage von 2015 bezeichnete Knaus als großes Missverständnis. "Die Gefahr ist nicht, dass zu viele Menschen irregulär nach Europa kommen. Die Gefahr ist nach wie vor, dass auch viele Menschen, denen wir Schutz bieten wollen, denen wir die Einreise nach Deutschland versprochen haben, nicht rauskommen", sagte Knaus.

"Das Konstruktivste wäre mehr Geld und Unterstützung für humanitäre Organisationen", sagte er in Richtung EU. Unterstützung sollten nicht nur diejenigen erhalten, die nun Afghanistan verlassen, sondern auch die Menschen, die noch in Afghanistan seien.

EU will Anreize vermeiden

Mit einer Einigung der EU-Staaten bei der gemeinsamen Aufnahme und Verteilung von Flüchtlingen im Falle größerer Migrationsbewegungen aus Afghanistan rechnet Knaus indes nicht. Die politischen Unterschiede zwischen den EU-Ländern seien viel zu groß.

Der Geschäftsführer der Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl, Günter Burkhardt, forderte die Aufnahme von Afghanen nach Bedürftigkeit und nicht nach fixen Kontingenten. "Statt einer Zahlendebatte sollten wir eine Debatte darüber lostreten, wer einen Grund hat, nach Deutschland zu kommen", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Man muss nach dem Grad der Gefährdung gehen und der Verbindung von Betroffenen zu Deutschland. Darauf basierend muss man ein Aufnahmeprogramm beginnen."

Die EU will allerdings vorerst keine konkreten Zusagen zur Aufnahme von Menschen aus Afghanistan machen. "Anreize zur illegalen Migration sollten vermieden werden", heißt es in einer bei einem Sondertreffen der Innenminister verabschiedeten Erklärung. Vor dem Hintergrund der bisherigen Erfahrungen seien die EU und ihre Mitgliedstaaten entschlossen, eine Wiederholung von großen und unkontrollierten illegalen Migrationsbewegungen zu verhindern.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 31. August 2021 um 22:15 Uhr.