Passagiere am Flughafen in Kabul | AP

Vormarsch der Taliban Wer kann, verlässt Afghanistan

Stand: 15.08.2021 05:05 Uhr

In Afghanistan haben die Taliban mit Dschalalabad auch die vorletzte Großstadt kampflos erobert. Die Angst vor den Islamisten ist groß im Land - viele Menschen flüchten. US-Präsident Biden drohte den Taliban.

Der Vormarsch der Taliban in Afghanistan geht weiter: Scheinbar ohne Gegenwehr überlassen die Sicherheitskräfte den Islamisten das Land. Nach dem Fall von Masar-i-Scharif kontrollieren die Taliban nun auch Dschalalabad im Osten. Die Stadt wurde ohne Widerstand übergeben. "Es finden zurzeit keine Kämpfe statt, weil sich der Gouverneur den Taliban ergeben hat", sagt ein afghanischer Behördenvertreter der Nachrichtenagentur Reuters. Dies sei die einzige Möglichkeit gewesen, das Leben von Zivilisten zu retten. "Wir sind heute morgen mit lauter weißen Fahnen für die Taliban in der ganzen Stadt aufgewacht", sagte ein Bewohner. Damit ist nur noch die Hauptstadt Kabul in den Händen der Regierung.

Das rasche Vorrücken der Taliban wird für internationale Diplomaten und die letzten US-Soldaten im Land zur Gefahr. US-Präsident Joe Biden drohte den Islamisten mit "einer raschen und starken militärischen Reaktion", falls diese das US-Personal in Afghanistan gefährdeten.

Außerdem schickte er weitere Soldaten ins Land: Es handle sich um rund 1000 Soldaten aus der Luftlandedivision der sogenannten 82nd Airborne aus Fort Bragg, hieß es von einem Verteidigungsbeamten. Sie sollen unter anderem dabei helfen, das Botschaftspersonal aus Kabul zu evakuieren. Damit sind rund 5000 US-Soldaten mit der Sicherung des Flughafens in Kabul sowie der Evakuierung des Botschaftspersonals und der afghanischen Hilfskräfte befasst. Biden sagte:

Wir arbeiten daran, Tausende von Menschen, die unsere Sache unterstützt haben, und ihre Familien zu evakuieren.

Kritik von Romney am US-Abzug

Den Abzug der US-Truppen verteidigte Biden erneut: "Ein weiteres Jahr oder fünf weitere Jahre US-Militärpräsenz hätten keinen Unterschied gemacht, wenn das afghanische Militär sein eigenes Land nicht halten kann oder will." Eine endlose amerikanische Präsenz inmitten eines Bürgerkriegs in einem anderen Land sei für ihn nicht akzeptabel gewesen.

Anders sieht das der republikanische US-Senator Mitt Romney. Er kritisierte den Truppenabzug aus Afghanistan mit deutlichen Worten: "Ich verstehe diejenigen, die der Meinung sind, dass wir Afghanistan verlassen sollten, aber ich stimme nicht mit ihnen überein", schrieb er bei Twitter. Der Abzug sei mit einem "unschätzbaren Schlag für die Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit und Ehre unserer Nation geschehen", erklärte Romney weiter.

Welche Optionen hat Ghani?

US-Außenminister Antony Blinken telefonierte mit dem afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani. Sie hätten die Dringlichkeit der laufenden diplomatischen und politischen Bemühungen zur Eindämmung der Gewalt erörtert, teile das US-Außenministerium mit. Blinken habe die "anhaltende Unterstützung für das afghanische Volk" betont.

Doch welche Macht hat Ghani noch? Beobachter rechneten mit seinem Rücktritt, als er sich am Samstag mit einer Ansprache an das Volk wendete. Doch davon war keine Rede: Stattdessen sprach Ghani von "ernsthaften Schritten" zur neuen Mobilisierung der Armee. Diese hatte sich zuletzt kampflos ergeben, Soldaten waren vor den Taliban geflüchtet. Wenig später teilte der Präsidentenpalast nach einem Treffen Ghanis mit politischen Führern mit, man habe sich darauf geeinigt, ein Verhandlungsteam für die Friedensgespräche mit den Taliban aufzustellen. Diese laufen seit September, allerdings ohne nennenswerte Fortschritte.

Laut dem Kabuler Experten Sajed Naser Mosawi scheinen Ghani die Optionen auszugehen: Die Botschaft habe nicht so geklungen, als sei der Präsident bereit, "bis zum Ende zu kämpfen", sagte er. Vielmehr habe er den Eindruck als wolle Ghani "eine Art von Einigung" erzielen. Möglicherweise sei er sogar zur Kapitulation bereit.

Stimmung in Kabul angespannt

Seit Beginn des Abzugs der US- und NATO-Truppen im Mai verzeichneten die Islamisten gewaltige Gebietsgewinne. Mittlerweile kontrollieren sie 22 der 34 Provinzhauptstädte. Inzwischen stehen sie nur noch wenige Kilometer vor der Hauptstadt Kabul. Aus der Umgebung der Metropole werden schwere Kämpfe gemeldet. Offenbar wollen die Taliban die Hauptstadt umzingeln, wie sie das mit anderen Städten zuvor schon taten.

Immer mehr Flüchtlinge erreichen die Hauptstadt. Laut Stefan Recker von Caritas Internation Afghanistan gehen Helfer von etwa 20.000 Menschen aus, die in den vergangenen Tagen in Kabul angekommen sind. Das sagte er im tagesthemen-Interview. Sie würden in Moscheen und Schulen untergebracht. Teilweise lebten die Menschen aber auch in Parks. Die Stimmung in der Stadt sei sehr angespannt. Vor Banken bildeten sich lange Schlangen, einigen Filialen ging offenbar das Bargeld aus.

Wer irgendwie kann, flüchtet aus Kabul. Am Flughafen versuchen Verzweifelte, noch irgendwie ein Ticket für einen Flug zu bekommen - egal wohin, nur raus.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 14. August 2021 um 23:35 Uhr.

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KOMMENTARE

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berelsbub 15.08.2021 • 13:04 Uhr

@ Barbarossa

„Gerade wird in den Medien bekanntgegeben, daß die Taliban von allen Seiten Kabul umzingeln. Wenn man jetzt bedenkt, daß die Taliban in den eroberten Städten Leute zurück lassen müssen, frag ich mich, woher haben die so unendlich viele Kämpfer.„ Die haben nicht unendlich viele Kämpfer, sondern es reichen ein paar Kämpfer, um ganze Großstädte zu überrennen. Warum das reicht, dafür liegen die Gründe offensichtlich auf der Hand. Und da man sich seitens der Armee ergibt und zumindest vorher nicht mal die Waffen vernichtet, sondern diese gleich einsatzbereit übergibt, können Sie sich vorstellen, wie groß auch der geistige Widerstand gegen die Taliban ist...