Afghanische Streitkräfte in der nordafghanischen Provinz Kundus | REUTERS

Islamisten in Afghanistan Taliban kämpfen sich nach Kundus vor

Stand: 22.06.2021 12:33 Uhr

Im Norden Afghanistans nehmen die Kämpfe zwischen der Regierung und den Taliban zu. Mehrere Bezirke fielen an die Islamisten. Milizen rückten bis nach Kundus und Masar-e Scharif vor - dort ist noch die Bundeswehr stationiert.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu Delhi

Am Stadtrand von Kundus haben Gefechte stattgefunden. Die Nachrichtenagentur AP filmte Soldaten der afghanischen Armee, die mit gepanzerten Fahrzeugen über leere Straßen fuhren. Die Taliban sollen sich bis auf einen Kilometer an die Provinzhauptstadt herangekämpft haben.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Laut Berichten versuchten Einwohnerinnen und Einwohner, die Region so schnell wie möglich zu verlassen, darunter auch Abdul Rahim. "Die Situation in Kundus ist sehr schlecht", sagte er im Interview mit AP. "Es ist sehr unsicher, viele liegen verletzt im Krankenhaus. Ich gehe jetzt meine Familie holen und dann versuchen wir, einen sicheren Ort zu finden."

Aufruf zur Bewaffnung

Innerhalb nur weniger Stunden seien mindestens acht Bezirke an die Taliban gefallen. Und auch in der Nähe der Provinzhauptstadt Masar-e Scharif nahmen die Gefechte zu. Vor den Toren dort hatte gestern noch ein Taliban-Kämpfer posiert. Sein Handy-Video ging durch sämtliche soziale Netzwerke, genau wie die Fotos von mehreren Taliban-Kämpfer, die dort ihre Waffen in Siegespose hochreckten.

Kurze Zeit später gab das afghanische Verteidigungsministerium bekannt, die Taliban-Kämpfer seien wie "Schakale" schnell von dort geflüchtet. Afghanische Sicherheitskräfte wurden vor der Stadt postiert. Die Propaganda in den sozialen Netzwerken wird mit jedem Tag größer, je näher der Abzug der NATO-Truppen rückt. Örtliche Politiker rufen nun sogar Zivilisten auf, sich zu bewaffnen und mit den Sicherheitskräften gegen die Islamisten zu kämpfen.

Bundeswehrabzug bis zum 4. Juli

Am Rand der Stadt Mazar-e Scharif sind nur noch wenige Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr stationiert. Der Abzug ist schon weit vorangeschritten, bis spätestens 4. Juli, womöglich früher, will die Bundeswehr ihren Stützpunkt und damit das Land Afghanistan verlassen haben. Das Feldlager bei Masar-e Scharif sei nicht in Gefahr, heißt es von den dortigen Behörden. Bis zum 11. September sollen die letzten ausländischen Soldatinnen und Soldaten das Land verlassen haben.

Auch die derzeitigen Gefechte würden daran nichts ändern, sagte gestern der Pentagon-Sprecher John Kirby. "Über zwei Dinge sind wir uns völlig im Klaren und daran gibt es auch nichts zu rütteln: Wir werden den vollständigen Abzug der US-Truppen vornehmen, bis auf die Sicherheitskräfte, die unsere Diplomaten schützen werden", sagte er. Zweitens bleibe auch der Zeitpunkt bestehen: Anfang September werden die USA abgezogen sein. "Das wird sich auch nicht mehr ändern."

Partnerschaft soll erhalten bleiben

Auch wenn sich die NATO aus Afghanistan zurückzieht, die diplomatischen Beziehungen zum Land wollen sowohl die USA als auch viele Verbündete beibehalten. Ende der Woche wird Präsident Aschraf Ghani nach Washington reisen, um die Partnerschaft beider Länder weiter zu unterstreichen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. Juni 2021 um 08:35 Uhr.