Kämpfer der Nationalen Widerstandsfront bei einem Militärtraining in der Provinz Pandschir. | AFP

Afghanistan Taliban erobern offenbar Pandschir

Stand: 06.09.2021 08:39 Uhr

Die Provinz Pandschir war das letzte Gebiet in Afghanistan, das noch von Widerstandskämpfern gehalten wurde. Die radikalislamischen Taliban verkündeten nun, sie hätten die Provinz unter ihre Kontrolle gebracht.

Die radikalislamischen Taliban haben nach eigenen Angaben auch die letzte von der Nationalen Widerstandsfront Afghanistans (NRF) gehaltene Provinz erobert. Pandschir sei eingenommen worden, sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid. Auch Augenzeugen aus der Gegend bestätigten der Nachrichtenagentur AP, dass Tausende Taliban-Kämpfer in der Nacht die acht Bezirke Pandschirs nördlich von Kabul überrannt hätten.

Die italienische Hilfsorganisation Emergency, die eine Klinik im Dorf Anabah, rund ein Kilometer von der Provinzhauptstadt Bazarak entfernt, unterhält, bestätigte bereits am Samstag auf Twitter, dass die Taliban den Ort eingenommen hätten.

Eroberung Pandschirs wäre immenser Erfolg für Taliban

Die NRF erklärte, sie sei in "strategischen Positionen" präsent. "Der Kampf gegen die Taliban und ihre Partner wird weitergehen", hieß es von der Gruppe auf Twitter. Der Sprecher der NRF, Fahim Dashti, war in der Nacht bei den Gefechten ums Leben gekommen, wie mehrere Quellen in der Widerstandsfront bestätigten. Ein zweiter Sprecher der NRF teilte einen Tweet, der angab, die Taliban-Behauptung über die Eroberung Pandschirs sei falsch. Dazu schrieb er selbst, der Kampf werde fortgesetzt, bis die Aggressoren aus dem Land entfernt seien.

Der afghanische Sender "Tolo News" hatte berichtet, dass sich der Führer der NRF, Ahmad Massud, für Verhandlungen mit den Taliban bereit erklärt habe.

Ein Taliban-Sprecher teilte ein Bild, das Taliban-Kämpfer vor dem Gouverneurssitz in der Provinzhauptstadt Basarak zeigen soll. Eine Eroberung Pandschirs wäre ein immenser Erfolg für die Islamisten. Das Pandschir-Tal war bereits in den 90er Jahren eine Hochburg des Widerstands gegen die Taliban und bislang noch nie unter deren Kontrolle. 

Vater von NRF-Anführer kämpfte auch gegen Taliban

Die Pandschir-Frage sollte ursprünglich durch Verhandlungen gelöst werden. Vergangene Woche allerdings begannen Gefechte, als nach Angaben von Daschti Taliban Kontrollpunkte am Taleingang angriffen. Seither hatten sich die Kämpfe täglich verstärkt.

Die Widerstandsfront setzt sich aus ehemaligen Regierungsmitgliedern, Überresten von Spezialeinheiten der afghanischen Armee und der Miliz um Massud zusammen, dessen Vater Ahmad Shah Massud in den 1990er Jahren im Pandschir-Tal gegen die Taliban kämpfte.

Taliban sichern Schutz für Helfer zu

Nach Angaben der UN verpflichteten sich die Taliban dazu, für die Sicherheit von humanitären Helfern in Afghanistan zu sorgen. Die Islamisten hätten in Gesprächen zugesichert, dass Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sich im Land frei und sicher bewegen könnten, erklärte ein UN-Sprecher.

Der UN-Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten, Martin Griffiths, hielt sich gestern zu Gesprächen mit der Taliban-Führung in Kabul auf. Unter anderem traf er den Taliban-Mitgründer Mullah Abdul Ghani Baradar. Griffiths erklärte danach, dass die internationale Gemeinschaft sich verpflichtet fühle, "unparteiische und unabhängige humanitäre Hilfe" in Afghanistan zu leisten.

Entwicklungsminister will weiter helfen

Entwicklungsminister Gerd Müller stellte in der "Rheinischen Post" weitere Hilfen für Afghanistan in Aussicht und warnte vor dem näher rückenden Winter: "Wir müssen jetzt versuchen, auf allen Wegen Hilfe zu senden und auf allen Wegen weiterhin versuchen, diejenigen aus dem Land zu bekommen, die in Gefahr sind."

Er habe mit dem Präsidenten der Weltgesundheitsorganisation WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, besprochen, "dass wir die geplante Luftbrücke der WHO zur Versorgung von Krankenhäusern mit Medikamenten und Impfstoffen unterstützen".

Die Außenminister der EU-Staaten hatten sich Ende der Woche auf fünf Bedingungen für eine beschränkte Zusammenarbeit mit den Taliban verständigt. Das "operative Engagement" mit den neuen Machthabern soll demnach schrittweise hochgefahren werden, wenn die Taliban eine Regierung unter Einbindung auch von anderen politischen Kräften im Land bilden und die Ausreise schutzbedürftiger Menschen ermöglichen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. September 2021 um 09:00 Uhr.