Eine Delegation der Taliban bei einer Friedenskonferenz in Moskau | AP

Afghanistan Langsam verhandeln, intensiv angreifen

Stand: 28.05.2021 05:50 Uhr

In vielen afghanischen Provinzen toben Kämpfe zwischen den Taliban und Regierungstruppen. Zugleich laufen Friedensverhandlungen. Beobachter rätseln: Wollen die Taliban tatsächlich ein Abkommen - und für welches System?

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Südasien

72 Stunden Frieden: Mitte Mai hatten die Taliban in Afghanistan einen Waffenstillstand ausgerufen, zum Ende des Fastenmonats Ramadan. Eine kurze Pause in einem Krieg, der weiterhin unerbittlich geführt wird, obwohl zugleich Friedensverhandlungen zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung laufen.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Zuletzt intensivierten Kämpfer der Islamisten ihre Angriffe sogar: Einem US-Bericht zufolge nahmen die Angriffe der Taliban im ersten Viertel dieses Jahres um fast 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. Und seit Anfang Mai, seitdem die NATO-Truppen offiziell ihren Rückzug begonnen haben, haben die Taliban weitere Offensiven im Land gestartet. Vier Bezirke sind seitdem an die Islamisten gefallen. Das entspricht der Erwartung von NATO und Bundesverteidigungsministerium, dass die afghanischen Sicherheitskräfte nach dem internationalen Truppenabzug nicht in der Lage sein werden, flächendeckend für Sicherheit zu sorgen.

Afghanistan hat 34 Provinzen, die in rund 400 Bezirke unterteilt sind. Das "FDD’s Long War Journal", eine US-amerikanische Nachrichten-Website, die über den Krieg gegen den Terror berichtet, veröffentlichte kürzlich eine Statistik darüber, wer wie viele davon kontrolliert: 88 Distrikte im Land werden demnach von den Taliban beherrscht, 97 stehen unter der Kontrolle der afghanischen Regierung, 213 seien umkämpft.  

Die radikalen Extremisten belagern viele Bezirkszentren und schneiden die Sicherheitskräfte so von jeglicher Versorgung ab. Sie haben aber auch mehrere Provinzhauptstädte umzingelt und versuchen, diese zu überrennen. Bislang konnte die afghanische Armee und Polizei dagegenhalten und die großen Städte - mit massivem Einsatz von Spezialkräften und Luftschlägen - schützen.

Es geht um mehr als nur einen Friedensschluss

Verhandeln und zeitgleich kämpfen, das sei für die Taliban kein Widerspruch, sagt Michael Kugelman, stellvertretender Direktor für Südasien am unabhängigen Wilson-Forschungszentrum in Washington. Der massive militärische Druck der Taliban diene dazu, in den Verhandlungen mehr Eingeständnisse von Kabul einzufordern. Bei den Verhandlungen geht es um mehr als "nur" Frieden - am Ende könnte ein völlig neues politisches System für Afghanistan herauskommen. Für die Taliban soll es streng nach den Regeln des Islam ausgerichtet sein. 

Sich mit militärischem Druck in den Verhandlungen durchzusetzen ist eine Praxis, die die Taliban schon zuvor erfolgreich praktiziert hätten, sagt Kugelman. In dem Abkommen, dass die USA noch unter US-Präsident Donald Trump mit den Taliban im Februar vergangenen Jahres unterzeichnet haben, hätten die radikalen Islamisten fast alles erhalten, was sie gefordert hatten - allem voran den vollständigen Abzug aller internationalen Truppen. Die Taliban hatten im Gegenzug nicht einmal unterschreiben müssen, dass sie die Gewalt im Land dafür reduzieren.  

Allerdings mussten sich die Taliban verpflichten, sich mit der afghanischen Regierung zusammenzusetzen und über Frieden zu verhandeln. Seit Monaten sitzen die Delegationen der radikalen Islamisten und der afghanischen Regierung nun in einem Luxusressort im Golfemirat Katar, treffen sich aber nur in unregelmäßigen Abständen. Die Verhandlungen laufen mehr als schleppend und sind bisher über Verfahrensfragen nicht hinausgekommen.  

Ernsthaft an Verhandlungslösung interessiert?

Das wirft für viele Beobachter die Frage auf, ob die Taliban ernsthaft an einem Frieden am Verhandlungstisch interessiert sind - oder nicht doch weiter militärisch zurück an die Macht wollen. Dies sei derzeit schwer einzuschätzen, sagt Südasien-Experte Kugelman. Ganz offensichtlich könnten die radikalen Islamisten versucht sein, ihren Kampf fortzusetzen, den sie ohnehin schon glauben, gewonnen zu haben.  

Mit einer militärischen Machtübernahme allerdings könnten sich die Taliban ihre internationale Anerkennung verspielen. Die Hauptfrage, sagt Kugelman, die derzeit wohl niemand beantworten könne, aber sei: Spielt eine solche Legitimität aus Sicht der Taliban heute überhaupt eine gewichtige Rolle? 

Die Verfassung anerkennen - "undenkbar"

Die Taliban seien eine "totalitäre faschistische Bewegung. Sie glauben, die wahren Vertreter Gottes auf Erden zu sein", sagt Davood Moradian, Gründer des Afghanischen Instituts für Strategische Studien (AISS). Es sei undenkbar, dass diese militante Gruppe jemals die aktuelle Verfassung von Afghanistan anerkennt. Die Taliban fühlten sich in ihrer politischen Ideologie nur einer göttlichen Autorität verpflichtet.  

Ob sich die radikalen Islamisten im Laufe der Jahrzehnte verändert haben, ist schwer einzuschätzen. Sie vermeiden weiter konkrete Aussagen über ihre heutigen politischen Vorstellungen, sie bleiben einzig dabei, sich selbst als "Islamisches Emirat von Afghanistan" zu bezeichnen und sehen sich als legitime Führer des Landes. Im Interview mit dem ARD-Studio Südasien sagte Suhail Shaheen, einer der Sprecher der Taliban, im Vorjahr: "Ich denke, Frauen werden bei uns alle legitimen Rechte erhalten. Sie wollen Sicherheit und das Recht auf Bildung und Arbeit. Das bekommen sie bei uns, allerdings alles im Rahmen des Islams." 

Wie das genau aussehen kann und soll, darauf legen sich die Taliban bis heute nicht fest. "Wir wissen einfach nicht, was sie vorhaben und können ihrer Propaganda keinen Glauben schenken", sagt Südasien-Experte Kugelman. Niemand in Afghanistan hat das Taliban-Regime von früher vergessen. Ein "drakonisches System, ohne Menschen- oder Frauenrechte", sagt Kugelman.  

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Mai 2021 um 13:26 Uhr.